Abb. 5 Viertelmeilenstein am ursprünglichen Ort an der Straße Breitenau-Harthwald
Während dieser verbliebene Teil der Distanzsäulen uns mit seinen fünfzig bis sechzig Stücken immerhin noch ein anschauliches Bild der Vergangenheit vermittelt, ist die Zerstörung der Meilenzeichen an den Landstraßen bis auf einige klägliche Trümmer vorgeschritten. Von den vielen, vielen Hunderten kleiner Kunstwerke, die früher den Wanderer in regelmäßigem Wechsel schon fernher sein Fortschreiten ankündigten, steht nicht einmal mehr ein volles Dutzend am alten Fleck und selbst diese wenigen Reste sind teilweise zertrümmert oder grob beschädigt.
Abb. 6
Halbmeilensäule ohne Fußteil, früher bei Gohrisch auf dem Schießplatz, seit 1919 im alten Truppenlager von Zeithain
Sieht man sich nach den Urhebern dieses Zerstörungswerkes um oder forscht man nach den Beweggründen, so fehlt es zwar an sicheren Angaben und Beweisen, ein Blick auf die Karte sagt aber mehr, wie jede wörtliche Anklage. Überall da, wo der neuere Staatsstraßenbau den alten Postwegen genau folgte, ist jede Spur der Zürnerschen Meileneinteilung restlos verschwunden und nur die nüchterne, moderne Wegmarke nach Meilen- oder Kilometersystem vorhanden. Anderseits begegnen wir den wenigen verbliebenen Meilensäulen aus augusteischer Zeit gerade an denjenigen alten Postlinien, mit denen sich der ingenieurmäßige Straßenbau bisher nie zu befassen hatte, weil der Verkehr frühzeitig nach geeigneteren Wegen abgeschwenkt war.
Leider ist dieser zweite Fall aber bei weitem der seltenere, denn in den ebenen Teilen der alten Kurlande hat sich die Verbindung von Ort zu Ort natürlich ebenso sehr an die altgewohnten gradlinigen Straßenzüge gehalten, wie im Gebirge, wo die Geländegestalt für die Nahverbindungen auch nicht viel Auswahl bietet. Infolgedessen sind eigentlich nur wirkliche Fernverbindungen, wie die Leipzig-Dresdner oder die Dresden-Prager Handelsstraßen mehrfach über andere Postorte geleitet und dadurch verschoben worden.
So hat der alte Postgang zwischen Leipzig und der Elbe bei Schieritz-Meißen zwischen der nördlichen Linie über Wurzen-Oschatz und einer südlichen über Grimma zeitweilig auch zwischenliegende Verbindungsstrecken benutzt. Infolgedessen findet sich die allereinzige Halbmeilensäule, die überhaupt unbeschädigt auf unsere Tage gekommen ist und wohl augenscheinlich am ursprünglichen Platze steht, mitten im Wermsdorfer Forstrevier an einem alten längst verwachsenen Waldwege.
Der Prager Handelsweg dagegen folgte südlich von Dohna den dörflichen Verbindungswegen über die Höhen, während die neuere Kunststraße auf der Sohle des Müglitztales mit all dessen Windungen, aber ohne verlorene Steigung, zur Paßhöhe am Mückentürmchen hinaufführt.
Die wenigen Meilenobelisken und Viertelmeilsteine sind ganz vereinzelt im Lande zu suchen. Einige, wie z. B. die Platten von Klaffenbach, Dohna und Dippoldiswalde dürften an ihren jetzigen Platz verschleppt worden sein, denn durch den oberen Ortsteil von Klaffenbach bei Chemnitz ist überhaupt keine Poststraße gelaufen und bei den beiden erzgebirgischen Städtchen zeigt der Oberreitsche Landesatlas die Meßpunkte der Meilenviertel an ganz anderen Stellen.
Auch sonst steht nur ein einziger Stein von allen an einer ausgebauten Kunststraße, und diese Viertelmeilplatte von Steinbach bei Johanngeorgenstadt habe ich selber im Frühjahr 1914 vom Schotterhaufen gerettet.