IV. Der heutige Bestand an Distanzsäulen und Meilenzeichen
Von den weitreichenden Plänen des prunkliebenden Fürsten und dem mühevollen Lebenswerk seines getreuen Landesgeographen sind nur höchst kümmerliche Reste auf unsere Zeiten gekommen. Allerdings deuten die wiederholten kurfürstlichen Mahnerlasse und die endlosen persönlichen Bemühungen Friedrich Zürners daraufhin, daß manche der anbefohlenen Säulen sowohl in den Städten wie an den Straßen unausgeführt geblieben ist. Genau feststellen läßt sich dies allerdings nicht, denn die vorhandenen Akten, deren Zahl auch gar nicht vollständig ist, geben über die wirkliche Aufstellung nur ganz vereinzelt durch eingeheftete Kostenrechnungen einen Anhalt; andere zeitgenössische Beweisstücke, wie Karten, Pläne und Bilder, auf denen die vorhandenen Säulen eingezeichnet sein könnten, bleiben erst recht eine Seltenheit. In jedem Falle müssen wir aber als sicher annehmen, daß das System nicht einmal zu Lebzeiten August des Starken in geplanter Weise ausgebaut gewesen ist, daß es schon kurz nach der Errichtung vielfachen Zerstörungen ausgesetzt war und dann dem baldigen Vergessen anheimfiel. In der Aktensammlung zu Dresden finden sich zwei Hefte »Gegen Vergreifung und Bosheit so darwider geübt werden« und »Für Strafe, so sich dran vergreifen oder selbige deformirt«. Auch Zürner hat vielfach über Einzelfälle von Beschädigung zu berichten und besondere Mühe mit der Ausbesserung gehabt.
Zum natürlichen Verfall der kleinen Steinmäler durch Witterungseinflüsse oder mangelhafte Bauart gesellte sich die bewußte Zerstörung durch menschliche Bosheit oder Unverstand der Behörden. Über beträchtliche Lücken lesen wir schon in einer gedruckten Festschrift, die nach hundert Jahren erschien. Ein begeisterter Verehrer der alten Denkzeichen, Dr. F. L. Becher in Chemnitz, widmet ihnen 1821 zur hundertjährigen Jubelfeier einen schwulstigen, phrasenreichen Nachruf und beklagt bereits damals, daß viele von ihnen umgefallen oder zerbrochen, eingesunken oder verwachsen seien.
Der Oberreitsche Landesatlas, der um die Wende des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts als Ergebnis der ersten wirklichen Landesvermessung vom Obersten Oberreit und seinen Gehilfen bearbeitet wurde, verzeichnet die Meilenzeichen nur an einigen Straßen und erwähnt die Distanzsäulen der Städte überhaupt nicht. Infolgedessen trägt auch diese nachträgliche Beurkundung nur wenig zur Klärung des anfänglichen Zustandes bei.
Dagegen lassen die dreißig Aktenhefte des Dresdner Staatsarchivs ohne weiteres erkennen, daß der Kurfürst selbst bereits seine ursprünglichen Absichten stark zurückschrauben mußte. Die Besetzung aller Straßentore mit den großen Distanzsäulen war nämlich nur in wenigen wohlhabenden Städten wie Leipzig, Chemnitz, Freiberg und Dresden zu erzielen, während alle kleineren Orte sich günstigstenfalls zur Aufstellung einer Marktsäule bereit finden ließen. Selbst darüber zogen sich aber die Verhandlungen in die Länge, und jahrzehntelange Verzögerungen waren die Folge.
Von kleineren Städten dürften bloß sehr wenige mehr als eine Distanzsäule angeschafft haben. Beispielsweise finden wir in der Stadt Geithain noch heute zwei Straßenzüge durch Distanzsäulen geschmückt. Ebenso sind die Parkeinfahrten der Schlösser Lichtenwalde bei Chemnitz und Moritzburg bei Dresden von solchen Obeliskenpaaren flankiert. Da die Akten über diese Stücke ebenso über Penig und andere Städte keinen Aufschluß geben, so bietet auch die Zählung der Stadtsäulen nach diesen urkundlichen Unterlagen keine sichere Gewähr. Nur durch eine oberflächliche Schätzung könnte man annehmen, daß neben den achtunddreißig Distanzsäulen, die heute laut des beigefügten Verzeichnisses A noch auf sächsischem Staatsgebiet stehen, dereinst noch mindestens fünfzig bis sechzig andere vorhanden gewesen sein dürften. In den abgetretenen Teilen der preußischen Provinzen Sachsen, Schlesien und Mark Brandenburg, wo die Wege nach Warschau den sächsischen Polenkönig naturgemäß am meisten interessierten, wird das Zahlenverhältnis ähnlich sein, wiewohl die Siedlungen dort räumlich weiter auseinanderliegen und große Städte, die mehrere Distanzsäulen gehabt haben könnten, fast ganz fehlen. Man begegnet ihnen daselbst in großen und kleinen Provinzorten mit sechzehn gut erhaltenen Stücken. Wieweit dazu die in preußischen Besitz genommenen Akten einen Schluß auf verlorengegangene Steine zulassen, vermag ich nicht zu beurteilen, da mir ein persönlicher Besuch der Archive von Berlin und Magdeburg aus erklärlichen Gründen leider nicht mehr möglich ist.
Nebenbei wäre vielleicht noch an die Möglichkeit zu denken, daß auch Warschauer Archive aus der Zeit des sächsischen Königtums einige Unterlagen über die Straßenbezeichnung enthielten oder daß sogar auf polnischem Boden Postzeichen noch in ähnlicher Weise vorhanden wären, wie innerhalb unserer Reichsgrenzen. Ich habe deshalb während des Krieges von der Westfront her bei unseren polnischen Besatzungsbehörden angefragt, aber vom Generalgouvernement Warschau durch die mit Kunstschutz und archivalischen Studien beauftragte Stelle nach längerer Zeit den Bescheid erhalten, daß bei Durchsuchung der Staatsarchive und bei Umschau in den Städten nichts über die Postmeilensäulen aufgefunden worden sei. –
Alles in allen kann man annehmen, daß auf Grund der augusteischen Befehle vor zwei Jahrhunderten etwa hundert solcher Distanzsäulen in sächsischen Landen aufgestellt worden sind und den ersten bescheidenen Schritt dazu gebildet haben, die mittelalterlichen Verkehrsverhältnisse in Deutschland etwas zu bessern. Bei allem Widerstand, den die verarmten Gemeinden der Sache lediglich aus finanziellen Gründen entgegensetzten, darf man den großen und bleibenden Nutzen für die Allgemeinheit nicht verkennen. Heutigentags bedeutet die sorgsame Erhaltung der Obelisken und ihrer Inschriften zwar lediglich einen Akt kulturhistorischer Pietät, bis zum völligen Ausbau des Eisenbahnnetzes nach 1870 besaßen jedoch ihre dutzendfältigen Entfernungsangaben in Wegstunden oder Meilen allerwärts auch noch praktische Bedeutung. Der Verfasser der Jubiläumsschrift für 1821 bringt diesen Gedanken in folgender Weise zum Ausdruck:
»Wer oft genug Reisende aus dem Auslande an diesen wohltätigen Straßensäulen weilen, die Ortsentfernungen lesen und fröhlich in ihre Schreibtafeln eintragen sah, der freute sich gewiß recht patriotisch dieser ehezeitlichen Veranstaltungen und ihres Nutzens für die gesamte Klasse von Pilgrimen, die ihrer Heimat entfremdet, jeder freundlichen, auch stummen Zurechtweisung bedürftig sind.«