Die Stürme des Dreißigjährigen Krieges hatten nun gerade den sächsischen Landen, die ursprünglich zu den wohlhabendsten gehörten, auch die schwersten Wunden geschlagen. Durch Heeresfolge, Einlager, Hunger, Brand und Seuche war Stadt und Land entvölkert. Der Reichtum erzgebirgischen Silbersegens und mannigfachen Hausfleißes war dahin. Neue Einnahmen blieben aus.
Umgekehrt waren die durch die Postzeichen auferlegten Lasten ursprünglich recht hoch bemessen, denn ohne Rücksicht auf die Größe der Städte oder den Umfang ihres Verkehrs hatte Zürner anfangs durchaus nach der Idee des Kurfürsten verfahren und für jeden Stadtausgang eine große Säule bestimmt. Dadurch wurden kleine und große Orte ganz ungleich belastet, denn z. B. hatte die Residenz Dresden und der reiche Handelssitz Leipzig nur vier Tore und die Städtchen Grimma und Marienberg ihrer fünf. Die Preise der Distanzsäulen schwanken nach den aktenmäßigen Rechnungen zwischen 12 und 80 Talern für das Stück, wobei neben der Steinmetzarbeit auch die Höhe der notwendigen Beförderungskosten ins Gewicht fiel. Wetterfeste Hausteine in diesen stattlichen Größen waren oft sehr weit herzuholen und oftmals weigerten sich die Bauern überhaupt, ihre Pferde für solche Riesenlasten herzugeben. Bei der Beschwerlichkeit der Landfuhren wählte der Rat von Hayn (Großenhain) für seine drei Säulen deshalb den billigeren Wasserweg von Pirna bis Merschwitz.
Da der Stadtsäckel in damaliger Zeit auf solche außergewöhnliche Ausgaben nirgends eingerichtet war, blieb nichts übrig, wie die Beträge als Kopfsteuer auf die Bewohner umzulegen. Erklärlicherweise mag dann allerdings die Begeisterung der gehorsamen Untertanen für kostspielige fürstliche Launen nicht gerade groß gewesen sein und so stoßen wir in den Akten nicht nur allerwärts auf allgemeinen Widerstand, sondern vielfach auf Mahnerlasse, wonach »Unkosten halber eine Repartition unter der Bürgerschaft gemacht, auch die Widerspenstigen zu Erlegung des ihnen zugeteilten Quanti behörig und da nötig durch gebührende Zwangsmittel angehalten werden mögen.«
Angesichts dieser Finanznöte beginnen all die vielen »Acta die allergnädigst anbefohlene Anschaffung und Aufrichtung derer steinern Postsäulen« mit einer beweglichen Klage über die Armut der Bürger und die Erschöpfung des gemeinen Fiskus. Die Stadt bäte deshalb, statt mehrerer Distanzsäulen vor ihren verschiedenen Toren nur eine einzige auf dem Markte setzen zu dürfen. Näher hätte ja wohl der Ausweg gelegen, daß der Kurfürst den Bau auf Staatskosten bewilligen möge, aber diesen Vorschlag hat nur die Stadt Freiberg für ihre fünf Torsäulen gewagt. Tatsächlich wurde ihrerseits im Juni 1723 auch durchgesetzt, daß »die Unkosten so auf diese Säulen erfordert werden, ungeachtet der gemeine Fiskus sehr erschöpft ist, dennoch vorigo noch daraus entnommen und die Bürger und Einwohner mit keiner Anlage beschwert werden.« Die dutzendweise wiederkehrenden Bitten um Beschränkung des Aufwands und um Bewilligung einer Marktsäule lassen die Vermutung aufkommen, daß Zürner hier vielleicht selber den guten Geist der Städte gespielt und ihnen den Vermittelungsvorschlag, den der Kurfürst in jedem Einzelfall selbst entscheiden wollte, etwa nahe gelegt hat. Nur wenige der allerkleinsten Stadtgemeinden, wie z. B. Rabenau, das damals weder Post- noch Straßenverbindung hatte, dürften ganz um die neue landesherrliche Verfügung herumgekommen sein.
Abb. 3 Überschlanke Distanzsäule in Delitzsch
Bereits die Jahreszahlen an den erhaltenen Postzeichen, die von 1722–1735 schwanken, deuten daraufhin, daß die Aufstellung der Postzeichen vielfach recht lange verschleppt worden ist. Der ungeduldige Kurfürst, der seine Lieblingsideen gern umgehend ausgeführt sah, erließ geharnischte Befehle im allgemeinen und Einzelverfügungen in Menge, aber allzuviel fruchteten solche papiernen Ergüsse damals nicht und ohne die Unermüdlichkeit des Kommissarius Zürner und dessen persönliche Revisionsfahrten wären wahrscheinlich noch weit mehr Säulen unausgeführt geblieben.
Abb. 4 Ganze Meilensäule am ursprünglichen Ort bei Köttewitz und Dohna
Die jahrelangen Verzögerungen, die dann trotzdem eingetreten sind, lassen sich vielfach an der Hand der Akten durch wortreiche Entschuldigungsschreiben der Bürgermeister oder durch Streik von Fuhrleuten und »Meurern« erklären, die für die vom Kurfürsten festgesetzten Löhne nicht arbeiten wollten. Mit der Ablenkung, die der Kurfürst durch seine außenpolitischen Aufgaben erlebte, mag nach und nach wohl der ganze Plan bei ihm etwas in Vergessenheit geraten und auch von dem alternden Landeskommissarius Zürner nicht mehr mit der gewohnten Energie betrieben worden sein. Die Akten enden vielfach ohne bestimmten Abschluß, und die großen Lücken, die draußen an den Straßen tatsächlich verblieben sind, deuten darauf hin, daß die Ausführung des großangelegten Werkes gar nicht vollständig zu Ende gebracht, sondern nach und nach ins Stocken geraten ist.