Da das Kurfürstentum Sachsen vor zweihundert Jahren von der Saale bis in die Odergegend und vom Erzgebirge bis vor die Tore Berlins reichte, so mußte die praktische Durchführung des Planes von vornherein mit erheblichen Schwierigkeiten rechnen. Insbesondere war das weitverzweigte Gebiet nicht von einem Steinbruch und nicht von einer Steinmetzwerkstatt aus mit gleichartigen Stücken zu versorgen, denn für solche Lieferungen fehlte ja gerade die Verkehrsmöglichkeit, der die neue Postschöpfung dienen sollte.

Abb. 2 Handschriftproben von Zürner aus den Akten Freyberg

Zur Wahrung der nötigen Einheitlichkeit und zur Durchführung im einzelnen ließ der Kurfürst seine bildlichen Entwürfe in Kupferstich vervielfältigen (vgl. [Abb. 1]) und die nötigen Anweisungen für den Aufbau in Gestalt einer »Mäurerinstruktion« und anderer Befehle ergehen. Gleichwohl war er sich von vornherein bewußt, daß mit solchem Schreibwerk allein nichts auszurichten sein würde. Er suchte deshalb sofort einen organisatorisch begabten Kopf, der ringsum im Lande die erforderlichen Maßnahmen persönlich treffen sollte, und er fand ihn in der Person des Pfarrers Friedrich Adam Zürner von Skassa bei Großenhain.

Dieser unermüdliche, praktische und fleißige Mann hat nicht nur jahrzehntelang alle Landesteile für Vermessungszwecke, Besichtigungen oder Verhandlungen selbst bereist und nahezu jeden Bauplatz der Postsäulen selbst ausgewählt, sondern obendrein die hunderte von Befehlen, Berichten und Erlassen eigenhändig niedergeschrieben. Sogar die Entwürfe für die Entfernungstabellen der Distanzsäulen stammen aus seiner eigenen Feder (vgl. [Abb. 2]).

Die Aktenbündel, die er über jede einzelne Stadt anlegen ließ, geben uns noch heute ein getreues Bild dieses opferfreudigen Schaffens. Wir finden dreißig Faszikel im Dresdner Hauptstaatsarchiv[1], während diejenigen Bände, die aus abgetretenen Gebietsteilen der Provinzen Sachsen, Schlesien und Mark Brandenburg stammen, nach 1806 an die Archive von Berlin und Magdeburg abgegeben worden sind.

Die ganze Riesenhaftigkeit der Aufgabe, der dieser einzelne Mann unter werktätiger Beihilfe seines Fürsten mehr als zwanzig Jahre des Lebens gewidmet hat, wird erst dann in vollem Umfang ersichtlich, wenn man jene Zeitverhältnisse in ihrem Urzustande bedenkt.

Vom Fernverkehr für Handel oder höfische Zwecke gab es nur spärliche Anfänge. An eine Einteilung der Postfahrten und an geordnetes Vorspannwesen war nicht zu denken. Der Straßenbau von Ort zu Ort beruhte zumeist auf der kümmerlichen Gelegenheitsarbeit erpreßter bäuerlicher Frohnden. Landkarten, Stadtpläne, Vermessungsergebnisse, Entfernungstabellen oder ähnliche schriftliche Vorarbeiten, die wenigstens bei der allgemeinen Verteilung und Beschriftung der Postsäulen als Unterlage hätten dienen können, fehlten vollständig. Das ganze Werk mußte also überall von Zürner selbst mit den allereinfachsten Feststellungen, Vermessungen und Besichtigungsarbeiten begonnen werden.

Weiterhin war die Beschaffung von vielen Hunderten kunstvoll ausgeführter Steinsäulen durchaus keine einfache und vor allen Dingen keine billige Sache. Die wenigsten Postsäulen durften aus den am Orte gefundenen Gestein von einem beliebigen Handwerker gehauen werden. Der kurfürstliche Landes- und Grenzkommissarius Zürner, der unausgesetzt im Lande umherreiste, hatte vielmehr Auftrag, sich allerwärts über die Beschaffenheit des Gesteins zu erkundigen, zuverlässigen Steinmetzen nach Möglichkeit eine ganze Anzahl der Säulen in Auftrag zu geben und alle Maßnahmen für größtmöglichste Haltbarkeit, modellgerechte Ausführung und richtige Aufstellung zu treffen. Trotzdem hat das heranwachsende Werk natürlich mancherlei Unterschiede in der Bildhauerarbeit sowie grobe Mängel bei der Gründung oder Auswahl der Steine gezeigt, so daß Zürner viele Revisionsreisen unternehmen und umgefallene Stücke wieder aufsetzen lassen mußte, während nach seinem Tode der Verfall ziemlich schnell um sich griff. An Abweichungen von der Bauvorschrift treffen wir beispielsweise in Delitzsch einen Distanzobelisken, der in seiner Überschlankheit um mindestens zwei Ellen höher sein dürfte, als die Werkzeichnung verlangt (vgl. [Abb. 3]); auch der Rochlitzer Obelisk zeigt nicht das vorgeschriebene sächsisch-polnische Doppelwappen, sondern nur ein gekröntes Schild mit der sächsischen Raute.

Der geldliche Aufwand, den eine so prunkvolle, arbeitsreiche Idee zu ihrer Durchführung erfordert, erscheint selbst in damaliger Zeit nichts weniger als gering. Für einen Souverän, wie August der Starke, lagen die Dinge in finanzieller Beziehung aber trotzdem sehr einfach. Seine Kassen waren leer. Die Kosten für die »allergnädigst verliehenen Distanzsäulen« mußte also jede Stadt aus ihrem Säckel bestreiten und für die Meilensäulen am Wege mußten die anliegenden Gemeinden und Grundherren Sorge tragen.