Die Kirche zu Schwanau war noch ein paar Jahrhunderte vor der Reformation erbaut worden und jetzt in dem schmucklosen Zustande, wie der Bildersturm und die streng geistige Gesinnung sie gelassen. Seit Jahrhunderten war das altertümliche graue Bauwerk außen mit Efeu und wilden Reben übersponnen, innen aber hell geweißt, und durch die hellen Fenster, die immer klar gehalten wurden, flutete das Licht des Himmels ungehindert über die Gemeinde hin. Kein Bildwerk war mehr zu sehen, als etwa die eingemauerten Grabsteine früherer Geschlechter, und das Wort des Predigers allein waltete ohne alle sinnliche Beihilfe in dem hellen, einfachen und doch ehrwürdigen Raume. Die Gemeinde hatte sich seit drei Jahrhunderten für stark genug gehalten, allen äußeren Sinnenschmuck zu verschmähen, um das innere geistige Bildwerk der Erlösungsgeschichte um so eifriger anbeten zu können. Jetzt, da auch dieses gefallen vor dem rauhen Wehen der Zeit, mußte der äußere Schmuck wieder herbei, um den Tabernakel des Unbestimmten zieren zu helfen …
Das sonnige, vom Sommergrün und den hereinnickenden Blumen eingefaßte Weiß der Wände hatte zuerst einem bunten Anstrich gotischer Verzierung von dazu unkundiger Hand weichen müssen. Die Gewölbefelder der Decke wurden blau bemalt und mit goldenen Sternen besät. Dann wurde für bemalte Fenster gesammelt, und bald waren die lichten Bogen mit schwächlichen Evangelisten- und Apostelgestalten ausgefüllt, welche mit ihren großen, schwachgefärbten, modernen Flächen keine tiefe Glut, sondern nur einen kränklichen Dunstschein hervorzubringen vermochten.
Dann mußte wieder ein gedeckter Altartisch und ein Altarbild her, damit der unmerkliche Kreislauf des Bilderdienstes wieder beginnen könne mit dem »ästhetischen Reizmittel«, um unfehlbar dereinst bei dem wundertätigen, blut- oder tränenschwitzenden Figurenwerk, ja bei dem Götzenbild schlechtweg zu endigen, um künftige Reformen nicht ohne Gegenstand zu lassen.
Endlich wurden die Abendmahlkelche von weißem Ahornholze, die weißen, reinlichen Brotteller und die zinnernen Weinkannen verbannt und silberne Kelche, Platten und Schenkkrüge vergabt bei jedem Familienereignis in reichen Häusern …
Schon waren alle Künste, selbst die Bildhauerei mit einigen übermalten Gipsfiguren, vertreten, ausgenommen die Musik, welche daher eiligst herbeigeholt wurde. Weil zu einem Orgelwerk die Mittel noch nicht beisammen waren, stiftete einer einen trompetenähnlichen Quiekkasten; ein gemischter Chor studierte kurzerhand alte katholische Meßstücke ein, die man der erhöhten Feierlichkeit wegen und weil niemand den Text verstehen konnte, lateinisch sang. –
Was für ein fröhlicher, liebenswerter Geselle ist der abgesetzte Schulmeister Wilhelm in der Novelle »Die mißbrauchten Liebesbriefe«, der da oben in dem Rebhäuschen des Tuchscherers haust und als erbauliches Gegengewicht für die Erdenschwere seiner Hände Arbeit in Wald und Flur herumstreift, um dann mit allerhand schönen, seltsamen Dingen die Wände und die Decke seines Stübchens zu schmücken.
Nur nichts Lebendiges heimste er ein; je schöner und seltener ein Schmetterling war, den er flattern sah, und es gab auf diesen Höhen deren mehrere Arten, desto andächtiger ließ er ihn fliegen. Denn, sagte er sich, weiß ich, ob der arme Kerl sich schon vermählt hat? Und wenn das nicht wäre, wie abscheulich, die Stammtafel eines so schönen, unschuldigen Tieres, welches eine Zierde des Landes ist und eine Freude den Augen, mit einem Zug auszulöschen! Abzutun, ab und tot, das Geschlecht einer zarten, fliegenden Blume, die sich durch so viele Jahrtausende hindurch von Anbeginn erhalten hat und welche vielleicht die letzte ihres Geschlechtes in der ganzen Gegend sein könnte! Denn wer zählt die Feinde und Gefahren, die ihr auflauern?
Das Gegenstück hierzu ist die Erzieherin in der Novellenreihe »Das Sinngedicht«. Daß Keller selbst in dem reichen und so bunten Strauße dieser Liebesgeschichten dem – wenigstens hier so entfernten – Gedanken des Naturschutzes eine Gestalt gibt, spricht wohl dafür, wie sehr ihm Vergewaltigung der Natur verhaßt war. Ganz am Schluß erzählt Lucie ihr Jugendleben und -lieben und kommt dabei auf die Umgebung zu sprechen, die ihr der oft auf langen Reisen befindliche Vater gegeben hat.
Die Erzieherin dagegen verwendete alle ihre Tage mit dem Vermehren und Ordnen einer Käfersammlung. Sie stand mit Gelehrten und Naturalienhändlern in Verbindung und sandte fortwährend Schachteln fort. Denn sie verstand auf zahlreichen Ausflügen den letzten Käfer aus seinem Hinterhalt zu ziehen, und hatte eine seltene Art, die gerade in einem Gehölz unsrer Gegend zu finden war, nahezu ausverkauft. Ich kann mich des Namens dieses ausgerotteten Käferstammes nicht mehr entsinnen. Am betrübtesten darüber war ein insektenkundiger Herr Oberlehrer, welcher der handelslustigen Dame den Ort nachgewiesen hatte und sich daher der Mitschuld an dem naturwissenschaftlichen Raubverfahren, wie er es nannte, anklagte. –
In dem großen, vierteiligen Roman »Der grüne Heinrich« findet sich kein Heimatschutzgedanke. Seltsam? Nein. Der Roman ist Kellers Erstlingsdichtung. Sie ist durchtränkt und gesättigt von persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen, von Stimmungen und Träumen. Er erzählt so oft und so viel von der Heimat: von Berg und Tal, von Haus und Hof, von Wald und Feld, von Verwandten und Fremden. Er schildert in der Erinnerung, wie sie war, als er mit ihr lebte. Und er hat die Heimat gesehen in aller Freude am goldnen Überfluß, eben in aller Freude der Jugend. Das Alter nur sieht prüfend hinein in die sichtbare Welt und möchte sie schön und treu erhalten und auch so weiter fortgebildet wissen.