Sollte nicht so manches Glied der Gemeinde – wenn der rechte Zeitpunkt hierzu gekommen – das Verlangen haben, auch im Alltagsgewand den Raum der Kirche zu betreten, zum Verbringen einer stillen Stunde, zum Nachsinnen – zur eigenen Erbauung des inneren Menschen? – zur Wachrufung sich vernebelnder Erinnerungen? – – –

Es ändern die Zeiten die Wohnstätten, das Dorf und seine Bewohner, – Häuser alter Urahnen und Ahnen lassen sie verschwinden. –

Hier und da birgt das altehrwürdige Gotteshaus die hohen Werte urväterlicher Schaffenslust und kunstfröhlicher Gestaltungskraft. Diese Werte und ihre Entstehungszeiten sprechen zu uns in einer so treuherzigen, wahren Art, daß wir vermeinen mit Urahnen und Ahnen wieder verbunden zu sein. Ihre stumme Sprache bedingt eine feierliche Ruhe, um all die lieben Erinnerungen ernster und freudiger Art auslösen zu können für so manchen, dessen Werdegang von der Taufe bis ins hohe Alter mit dieser Stätte, diesem Raum, in enger Verbindung gestanden hat. – – –

Je nach Herzens- und Gemütsstimmung dürfte jenen und anderen die unverschlossene Gotteshalle Anlaß bieten, eine besondere Feierstunde in ihr zu erleben.

Und wenn zur rechten Abendstunde aus dem offenen Kirchenherzen der Orgel entströmende volkstümliche Weisen dringen könnten, hinab in den Ort, weit in das Land – – – – – so manches Menschenkind würde – bewußt oder unbewußt – dann solcher Töne lauschen oder angeregt durch deren Macht, mitsingen, – sein Sinnen aufwärts lenken, himmelan.


Nachsatz. Die einfache, schöne Bertsdorfer Gotteshausanlage, deren spitzbogige Maßwerkfenster als Nachklänge des Mittelalters in romantische Harmonie treten mit dem barocken Einschlag der Altar- und Kanzelformung, und deren Urheberschaft wahrscheinlich zu danken ist dem genialen, vielseitig tätig gewesenen Dresdner kurfürstlichen Hofarchitekten Wolf Caspar von Klengel, erhebt dieses Werk zu einem Bindeglied der Reihe hochbedeutender Bauschöpfungen jener Zeit, die unter Klengels Leitung zur Ausführung kamen, beziehentlich begonnen wurden.

Diese Bauepoche, während welcher unter anderen die erste Anlage des Großen Gartens und der Bau des darin gelegenen prächtigen Lustschlosses erfolgte, zeitigt im letzten Viertel des siebzehnten Jahrhunderts den Anfang zu den baukünstlerischen Großtaten in Dresden und diejenige Baukultur in der Oberlausitz, der wir die bedeutenden Werke des »Zittauer Barocks« in der Hausbau- und Denkmalkunst verdanken und die fortlebte bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts.

Mit dem Beginn einer einsetzenden schulmäßigen Ausbildung Bauberufener in fernliegenden Großstädten, verlor die örtliche altmeisterliche Kunstübung ihre Kraft und Eigenheit, bis sie schließlich unterging in den Wellen neuer Zeit- und Kunstströmungen, welche zu neuem Leben erweckten die »klassischen Künste«, in deren strengem Geiste nach Friedrich Schinkels Plänen als Umbau errichtet und vollendet wurde die 1837 geweihte

St. Johanniskirche in Zittau.