»Das Neue, das ich bringe, macht schöne Augen naß.
Leg’ ab die ros’gen Kleider und deinen Blumenschmuck.
Dein Marlbruck ist gestorben, tot und begraben schon.«
Drei Burschen kommen gezogen, von Blute rot, Mitkämpfer sind sie gewesen. Anspruchslos und schlicht sprechen sie:
»Das Neuste, das wir bringen, macht dir die Äuglein naß.
Dein Bruder ist erschossen, ist tot und lebt nicht mehr.«
Durch alle diese folgerichtigen Änderungen ist die Handlung der Ballade aus der großen Welt in den engen Kreis des Volkes verpflanzt worden, ohne etwas von ihrer Tragik zu verlieren.
Aber nicht nur harte politische Tatsachen haben im Volkslied ihren Niederschlag gefunden. Viele von ihnen sind vom kulturhistorischen Gesichtspunkt aus aufs höchste belehrend. Vor allem fesselt den Literarhistoriker manch seltsames Lied, das unter dem Namen Volkslied durchschlüpfen will, weil es vom Volke gesungen wird. Das echte Volkslied, das wurzelhaft dem Volke entwachsen ist, zeigt eigentümliche Merkmale, die ihm einen wundersamen, unnachahmlichen Zauber verleihen. Das Volk, das solche Lieder hervorbringt, ist gleichsam eine ungeheure, sich selbst unbewußte Individualität, von einer mächtigen Lebensform beherrscht, die in seinen Gestaltungen nach Ausdruck ringt. Je näher wir der neueren Zeit rücken, desto fühlbarer zerbricht der Kosmos Volk. Gruppen und Einzelwesen entreißen sich seinem magischen Banne. Neben die Dichtung des Gesamtvolkes tritt die Dichtung der schöpferischen Persönlichkeit. Aber in allen gesunden Zeiten besteht eine starke, untergründige Verbindung zwischen Volk und Persönlichkeit. Beide hängen zusammen wie Mutter und ungestümes Kind. Eins steigert das Wesen des andern. Wieder eine solche reine Verschränkung zwischen Volk und Einzelwesen entstehen zu sehen, ist unser aller Sehnsucht; denn seit Beginn der neuesten Zeit ist die Lebensform Volk in Millionen Atome zersplittert. Jedes Glied der einstigen Gemeinschaft hat das Recht betontester Einzelexistenz an sich gerissen. Die Folge dieses Vorgangs ist auf künstlerischem Gebiet die Zerstäubung jedes Stilgefühls. In Zeiten tiefer Bindungen wird der Mensch in einen Stil hineingeboren, dessen Träger das Gesamtvolk ist. Nach Zertrümmerung des tragenden Mutterschoßes wird Stil zu einer Aufgabe, die jeder im individuellen Leben in zuchtvoller Arbeit lösen muß. Da dies aber nur wenig Begnadeten möglich ist, bleibt die Masse der Glieder eines Volkes in lebengestaltender Hinsicht im Chaos. Der Instinkt für angemessene Form ist verloren gegangen. Wahllos ist die Masse jedem Einfluß hingegeben. Daß dies nicht erst ein Entwicklungsergebnis der unmittelbaren Gegenwart ist, beweisen eine Anzahl Lieder, die deutliche Spuren flüchtiger Literaturmoden an sich tragen, die der bewertende Beurteiler mit gutem Gewissen als minderwertig bezeichnen kann. Drei Einflüsse dieser Art sind in einer Anzahl der von mir gesammelten Lieder deutlich wahrnehmbar. Zum ersten sind es die Schauerromane, die an der Wende des neunzehnten Jahrhunderts sich außerordentlicher Beliebtheit erfreuten. Besonders häufig sind die Schauer des Kirchhofs verwendet worden. Dort finden wir während der »süßen« Geisterstunde den Liebhaber, dessen Mädchen starb. An der Kirchhofsmauer rauscht es. Eine weiße Gestalt naht, still und sanft, voller Trauer. Wilhelmine ist es. Flehend bittet der Liebhaber, ihn mitzunehmen in ihre Totenkammer. Aber allein entschwindet sie ihm. Nicht nur Stoff und Behandlungsart verraten die Entstehungszeit dieses Liedes. Wer sich einmal die lehrreiche Mühe machte, die Vornamen unsrer Vorfahren zusammenzustellen, wird finden, daß Wilhelmine eine ganze Zeit hindurch im ersten Teil des neunzehnten Jahrhunderts ein ausgesprochener Modename war. Noch ein andres Schauerlied möge Erwähnung finden. Es erzählt, wie ein Schlossergesell’ nach jahrelanger Wanderschaft zu seinen Eltern, die ein Gasthaus haben, zurückkehrt. Der Bursche gibt sich nur seiner Schwester zu erkennen. Um Mitternacht ermordet der Vater, von Neugier und Habsucht getrieben, den unbekannten Fremdling. Dies Lied ordnet sich wichtigen literarhistorischen Zusammenhängen ein. Es behandelt einen ganz ähnlichen Stoff, wie die Tragödie Fatal curiosity des Engländers George Lillo, die zum Ausgangspunkt der Schicksalstragödie wurde, die mit Hilfe des entfesselten Geisterchors, durch entsetzliche Bluttaten und Verbrechen, Schauer und Entsetzen erregen wollte.
Um dieselbe Zeit, als in Deutschland die Schicksalstragödien blühten, waren die tugend- und rührsamen Familiengeschichten des Feldpredigers August Heinrich Julius Lafontaine in Mode. War er doch sogar ein Lieblingsschriftsteller der Königin Luise. Auch dieser Einfluß ist in einigen Liedern deutlich nachzuweisen (z. B.: Steh ich hier am eisern Gitter).
Mit diesen beiden Einflüssen hat auch die dritte der damals herrschenden Moden ihren Niederschlag in Liedern gefunden. Es ist die nach dem Erscheinen des Götz von Berlichingen wildwuchernde Ritterromantik. Deutschland wurde von Ritterdramen und Ritterromanen überschwemmt. Welche köstlichen unfreiwilligen Parodien entstanden, mag eine Probe zeigen: