Es könnte noch die Frage auftauchen, ob nicht etwa das Vaterlandsgefühl verletzt würde, wenn man amerikanische Nußbäume zahlreich anpflanzte. Dem ist aber entgegenzuhalten, daß der Walnußbaum in unsrer engeren Heimat von Haus aus auch nicht bodenständig ist. Dem Dresdner Heimatfreunde bietet sich Gelegenheit, einen sehr großen amerikanischen Nußbaum an der Villa 78 an der Schnorrstraße zu bewundern. Er ist wahrscheinlich der größte derartige Baum von Dresden und der weiteren Umgebung.
Fußnoten:
[11] Da Juglans nigra wegen des prächtigen Wuchses trefflich geeignet ist, das Landschaftsbild verschönern zu helfen, kann die Anpflanzung nur empfohlen werden. Die Frucht ist zwar weniger wertvoll, um so gesuchter ist aber das Holz. Vor dem Kriege wurde es in großen Mengen eingeführt, um zur Herstellung von Gehäusen elektrischer und photographischer Apparate verwendet zu werden. Es würde ein Dienst am Vaterlande sein, wenn es gelänge, durch eigene Erzeugung die Einfuhr einzuschränken. Der Baum würde in erster Linie zur Holznutzung in Frage kommen; die Fruchtgewinnung stünde erst an zweiter Stelle. Da, wie bereits erwähnt, die Frucht des schwarzen Nußbaumes weniger wertvoll ist als die des Walnußbaumes, eignete er sich vielleicht gut zur Anpflanzung an abgelegeneren und schwerer zu überwachenden Orten, denen man, wegen des zu erwartenden Fruchtdiebstahls und der daraus regelmäßig entstehenden Beschädigung der Bäume, Walnußbäume nicht anvertrauen will.
A. Klengel.
Über das Vorkommen der Weidenmeise (Parus atricapillus salicarius Brehm) in unserm Vaterlande
Von Rich. Schlegel
Was für ein Vogel ist das? wird mancher Leser fragen, dem auf seinen Wanderungen Kohl-, Blau-, Sumpf- und Schwanzmeisen im Waldesgrün liebe Weggenossen waren und durch ihr lebhaftes Wesen im Gezweig, am Nistkästchen des Gartens oder am winterlichen Futterplatz oftmals seine Aufmerksamkeit lebhaft fesselten. Im vogelstimmenärmeren, schweigsamen Nadelwalde begegneten uns zuweilen auch im Verbande der zutraulichen kleinen Vogelknirpse Goldhähnchen, Tannen- und Haubenmeisen als charakteristische Erscheinungen, aber die Weidenmeise? Ich will den Schleier, der sie dem Nichtornithologen verbirgt, ein wenig lüften, einen kurzen Blick auf die Geschicke ihrer Vergangenheit werfen und sie dem Naturfreunde und Wanderern im Hügel- und Berglande soweit vorstellen, damit auch er sie kennenlernt und unsere Lücken in der Kenntnis ihrer vaterländischen Verbreitung mit zu schließen in die Lage versetzt wird.
Unser großer Chr. L. Brehm, der vielbefehdete Artzersplitterer, der mit scharfem Blick seinen Zeitgenossen weit vorausgeeilt, war es, der dem Studium des Vogelkleides in seiner Veränderlichkeit sein bestes Können widmete, aber, und das war sein Fehler, geographische und individuelle Veränderlichkeit nicht scharf auseinanderhielt. So konnte, um nur ein Beispiel anzuführen, seine Dorfhaubenlerche, Galerita cristata pagorum, gleichzeitig »bei Leipzig, Klagenfurth, Lübs in Mecklenburg und in Ungarn« auftreten. Unser Altmeister war es, der auch die Weidenmeise wie den kurzkralligen Gartenbaumläufer als ausgezeichnete Arten erkannte und erstere in der Isis 1828 beziehentlich im Handbuch der Naturgeschichte aller Vögel Deutschlands 1831 unter den Namen Parus salicarius, die Weidenmeise, in die ornithologische Wissenschaft einführte. Nach ihm lebt der Vogel »besonders an den mit Weiden besetzten Bach-, Fluß- und Teichufern«. Mir wenigstens will es scheinen, als habe Vater Brehm außer acht gelassen, daß die bezeichneten Aufenthaltsgebiete nur von angrenzenden Nadelholzschonungen aus, und zwar gern besucht, aber als ständiger und Brutaufenthalt kaum gewählt worden sein dürften. Wenn man als Ideal erstreben muß, daß im Namen des Tieres in dieser oder jener Hinsicht eine kurze Diagnose liege, dann erscheint mir der Name, wenigstens für vaterländische oder andere mitteldeutsche Verhältnisse, soweit ich sie kenne, nicht besonders glücklich gewählt zu sein. Er mag für manche Gegenden – nach Kleinschmidt auch für die Rheingegend – zutreffend sein, im Niederungsgebiete des Vaterlandes aber wird man in Weidenpflanzungen oder an Bach- und Flußufern vergeblich nach unsrer Meise Umschau halten. Da man die »neuen Arten« Vater Brehms mit Mißtrauen betrachtete und feinere morphologische und biologische Unterschiede wenig Geneigtheit und Verständnis fanden, hielt man es nicht der Mühe für wert, der neuen Art weitere Aufmerksamkeit und kritische Prüfung zuteil werden zu lassen. Erst den Forschungen der letzten Jahrzehnte, insbesondere den ausgezeichneten, erschöpfenden Arbeiten eines O. Kleinschmidt blieb es vorbehalten, den Vogel dem Interesse des Fachornithologen näher zu rücken und ihm zu einer glänzenden Auferstehung zu verhelfen, ihn mit der Zeit aber auch in eine Menge mehr oder minder leicht unterscheidbare geographische oder klimatische Rassen zu spalten. Seit das Rad ins Rollen kam, haben die Fachgenossen ausnahmslos gerade diesem interessanten Vogel, dem »winzigen ornithologischen Edelwilde«, wie es Kleinschmidt einmal voll Begeisterung nennt, ihre ungeteilteste Aufmerksamkeit und fleißige Feder gewidmet. So ist heute, dem Fachornithologen, dem Systematiker und Biologen gleichwichtig, die Weidenmeise eine bekannte und ausnahmslos anerkannte Art, deren Schriftentum, gesammelt, dicke Bände füllen würde. Aber auch im Kreise der Vogelkundigen, wollen wir sie trotzdem nennen, dürfte doch mancher Fachgenosse sitzen, dem das Freileben, die Kenntnis der Art überhaupt, ein Buch mit sieben Siegeln blieb. Was mag der Grund hierfür sein? Man hielt Sumpf- und Weidenmeise für ein und dieselbe Art. Ich darf wohl unsere Sumpfmeise Parus palustris communis Bald. im grauen Röckchen, mit dem glänzend tiefschwarzen und sich über den Nacken herabziehenden Scheitelfleck und den weißen Wangen als bekannten Vogel voraussetzen. Dieser Art nun sieht unsere Weidenmeise außerordentlich ähnlich, aber die Kopfplatte ist glanzlos und mattschwarz, mit einem Stich ins Bräunliche und weich im Ton. Der Schwanz (Stoß) ist deutlich und tiefer gestuft, die weißen Wangen mehr sich abhebend und weiter seitwärts ziehend. Die Schwingen zweiter Ordnung sind mit breiten grauen Säumen ausgestattet, auf dem zusammengelegten Flügel einen deutlichen schmalen Längsfleck bildend. Das sind nur die am meisten hervortretenden Artunterschiede. Wer »Glanz-« und »Mattkopfmeise«, die Vertreter zweier morphologisch und biologisch streng geschiedener, ausgezeichneter Formengruppen nur einmal nebeneinander verglichen, der wird sich schwerlich jemals wieder in der Bestimmung eines Stückes irren können. Aber im Freileben, im Dunkel oder Zwielicht des Gezweiges, im hastigen Vorwärtseilen der flüchtigen, von Strichunruhe ergriffenen oder den Blick des Beobachters scheuenden Vögel sind die Kennzeichen auch dem geschulten Auge nicht immer einwandfrei erkennbar. Da hilft nun allein schon der Lockton über alle Zweifel hinweg. Die Sumpfmeise sagt: tje tje, in der Erregung wohl auch h’tje dededede. Die Weidenmeise ruft ein, auch dem stimmlich weniger geschulten Beobachter sofort auffallendes gezogenes und gepreßtes däh – dähdähdäh oder spizidähdähdäh. Dieser Laut ist es immer, der mein ohne dies schon zu hastig pulsierendes Ornithologenblut in noch raschere Wallung versetzt, da er mir immer die sicherste Gewähr dafür bietet, daß ich meinen gesuchten Freund in sicherer Nähe weiß.
Im Interesse einer geneigten Mitarbeit zum Zwecke der Festlegung weiterer vaterländischer Örtlichkeiten, wo die mattköpfige Meise heimatet, will ich noch in aller Kürze der als Aufenthalt bevorzugten Geländeart und bereits bekannten Fundorte gedenken. Ich kann mich dabei um so kürzer fassen, als ich hierüber, sowie über weitere Resultate meiner letztmaligen Erzgebirgsstreife, die ich ausschließlich für diesen Zweck unternahm, in einer ornithologischen Fachzeitung ausführlicher berichten werde. Sicher ist unsere Meise, eine borealalpine Art, vom Hügellande bis zur Kammhöhe der sächsischen Gebirgszüge herauf, falls geeignete pflanzliche Formationen vorhanden, eine gewiß nicht seltene, aber immer nur mehr einzeln und zerstreut auftretende Art, die an Nadelholzformationen, beziehentlich Mischwald gebunden zu sein scheint. Ob Kiefernschonungen allein eine besondere Anziehungskraft auf sie auszuüben vermögen, wie ein befreundeter vaterländischer Forscher anzunehmen geneigt ist, glaube ich nicht. Soweit ich den »Bayrischen Wald« kenne, war dies, bei gänzlichem Zurücktreten der Kiefer, hier ebenfalls nicht der Fall. Das Innere geschlossener und gleichgearteter, besonders dichter, ungegliederter und zusammenhängender Wälder meidet sie; das muß sie schon ihres Namens wegen! Wo sich die Ränder solcher Bestände aber lichten und in einzelne Baumgruppen verschiedenen Alters oder verschiedener artlicher Zusammensetzung nach freiem Gelände hin auflösen, das mit Buschwerk umrahmt ist, Laubbäume einzeln oder in Reihen bietet und des Wassers nicht entbehrt, da darf man schon nach unserm Vogel Erfolg versprechende Aus- und Umschau halten. Mittelhohe lichte Schonungen und deren Ränder, gleichviel ob auf ebenem, hügeligem Gelände oder steilem Hang, mit Laubholz- oder Buschwerkstreifen, mit anschließenden oder eingreifenden Ufern und Rändern, Wiesen- und Feldkulturflächen, also recht wechselvolles Gelände, wie es Strecken mit Bauerwäldern verschiedener pflanzlicher und pfleglicher Beschaffenheit und verschiedenen Alters zeigen, scheinen unserm Vogel am meisten zuzusagen. Wenn die Erlkönigmeise, wie sie Kleinschmidt in einer Monographie auch nennt, die Aufmerksamkeit des Menschen auf sich gerichtet sieht, dann weiß sie sich meisterhaft nach den schützenden Schonungen hin oder in die hohen Kronen zu drücken. Hier hören wir wohl fortgesetzt oder auch mit längeren Unterbrechungen ihre Lockrufe, aber immer versteht es der Vogel ausgezeichnet, sich vor dem nach ihm ausspähenden Augen zu verbergen. Dabei ist die Eigenart seines Wesens immer Unbeständigkeit und Unrast. Wenn man ihn einmal aus den Augen verloren, und das geschieht nur zu oft bei einsetzender Schweigsamkeit und im Verbande mit Goldhähnchen und anderem Meisenvolk, dann kann man sich stundenlang im Suchen üben, findet aber den Vogel nach dem Locktone immer wieder an bestimmten Stellen, wo man mit ihm bereits einmal zusammentraf. Das sind immer Feierstunden eigener Art für mich, wenn ich, mit mir und der Natur ganz allein im schweigsamen Waldesdunkel, fern vom Treiben einer entsittlichten Welt, am Born der Gottesnatur aus vollen Zügen schlürfen und an ihren Geschöpfen erlauschen darf, was mir daheim am Arbeitstisch das Buch versagt. –
Wie die zwei Stücke der Dresdner Landessammlung beweisen, wurde die Weidenmeise 1903 erstmalig für Sachsen nachgewiesen, und zwar für die Gegend von Königsbrück. 1916 bis 1918 stellte ich ihr Vorkommen mehrmalig für die Umgebung von Hohenstein-Ernsttal fest. 1918 konnte sie ferner Heyder bei Rochlitz und Oederan beobachten. Nach Heyder wies Mayhoff die Weidenmeise an drei verschiedenen Stellen der sächsischen Lausitz nach. 1917 fanden sie Uttendörfer und Kramer um Herrnhut und Niederoderwitz. 1919 machten Schelcher und Stresemann darauf aufmerksam, daß unsere Meise in den Wäldern um Aue und Schneeberg keine allzuseltene Erscheinung sei. Während der Michaeliswoche 1921 folgte ich zunächst den Pfaden Stresemanns und fand die Angaben beider Forscher für die genannten Orte in jeder Hinsicht bestätigt. Als weitere Orte ihres Vorkommens konnte ich, kammwärts wandernd, das Floßgrabengebiet bei Albernau und Auerhammer meinen Aufzeichnungen einfügen. Im Filzteichgebiet und den Wäldern vor Hundshübel und Burkhardtsgrün konnte ich keinerlei Erfolge buchen. Nach zweitägigem Suchen in den Wäldern zwischen Elterlein und Scheibenberg, sowie in dem Waldbestande des Berges selbst, traf ich unsern »Mattkopf« auch hier wieder an. Wie ein Blick auf die Karte Sachsens lehrt, klaffen noch weite Lücken in der Kenntnis der Verbreitung der Weidenmeise auf vaterländischem Boden. Ich möchte am Schlusse meiner kurzen Ausführungen wandersfrohen Naturfreunden die Bitte ans Herz legen, bei gegebenen Gelegenheiten dem interessanten Vertreter vaterländischer Tierbesiedlung ihre Aufmerksamkeit nicht zu versagen, gewonnene Resultate zu veröffentlichen oder dem Verfasser zum Zwecke einer Gesamtbearbeitung zu überlassen. Ich darf heute schon die Versicherung geben, daß eine diesbezügliche kleine Mühe und Unbequemlichkeit sicher und reichlich die schönsten Früchte zeitigen werden.