Abb. 4 Allegorisches Bild

Von den zweihundertsechsundsechzig Einträgen sind einhundertsechsunddreißig in deutscher und einhundertdreißig in fremder Sprache gehalten (also eine knappe Mehrheit für deutsch!), und zwar sechzig in französischer, neunundfünfzig in lateinischer, sechs in englischer, vier in italienischer und einer in griechischer Sprache. Die sechs englischen Einträge weisen darauf hin, daß gerade damals die englische Dichtkunst auf das geistige Leben Deutschlands einzuwirken begann, nachdem bis dahin die klassischen Schriftsteller und die Franzosen fast unumschränkte Herrscher gewesen waren. Die französischen Einträge stammen in der überwiegenden Mehrzahl von Personen adligen Standes (achtunddreißig); soweit dies nicht der Fall ist (zweiundzwanzig), sind die Einzeichner meist weiblichen Geschlechtes. Bemerkenswert ist, wie die Familie des Superintendenten Dr. Strantz in Plauen sich eingetragen hat. Der Herr Superintendent, der den Besitzer des Buches getauft hat und sich als sein Beichtvater bezeichnet, schreibt ein Psalmwort (Psalm 37, Vers 37). Dann folgt seine Ehefrau Eleonora Charlotta Strantzin geb. Kleinhemplin mit einem Verse in deutscher Sprache (von Brockes). Der älteste Sohn schreibt einen lateinischen Vers (aus der Medea des Seneca); die beiden ältesten Demoisellen Töchter schreiben französische Sprüche; dann folgt ein jüngerer Sohn mit einem griechischen und die jüngste (der Schrift nach kaum herangewachsene) Tochter mit einem deutschen Verse.

Abb. 5 Eintrag Lessings

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Die Einträge – es handelt sich meist um Verse, zum Teil aber auch um Sinnsprüche in ungebundener Rede – stellen sich in der Hauptsache als Zitate dar. Der Einzeichner hat den Eintrag also nicht selbst entworfen, sondern von anderen Leuten erdachte und bereits veröffentlichte Aussprüche benutzt. Als Quelle und Verfasser werden unter anderen angegeben: Die Bibel, Theognis, Cicero, Horaz, Livius, Tibull, Seneca, Logau, Weise, Canitz, Brockes, Haller, Friedrich der Große, Kleist, Gellert (von ihm findet sich ziemlich viel), Gleim, Uz, Zachariä, Giesecke, Cronegk (auch dieser wird öfters angeführt), Wieland, Clodius, Jacobi, Boileau, Voltaire, Young, Thompson, Pope. Klopstock ist niemals als Verfasser ausdrücklich genannt. Ich nehme aber an, daß verschiedene in seinem Geiste gehaltene Verse sich bei genauem Suchen auf ihn zurückführen lassen.

Von besonderem Reiz ist es, den Grundgedanken nachzugehen, die in den Einträgen zum Ausdrucke kommen. Wir gewinnen dadurch ein Spiegelbild vom Seelenleben der damaligen Zeit.

Lebensweisheit – zuweilen in etwas nüchterner Form – thront an erster Stelle. Der Vater widmet seinem Sohne folgenden Eintrag:

Im Glücke niemals stolz, im Unglück edelmütig,

Den Freunden immer treu und gegen Feinde gütig,