Abgeschlossen am 31. Dezember 1924

Um Lugstein und Kahleberg

Von Dr. Kurt Schumann, Dresden

Mit Bildern von Walter Möbius, Dresden

Ich fahre gern mit der Kleinbahn. Man kann sich in Ruhe alles ansehen, was draußen vorgeht, kann die Gesteinsarten und ihre Pflanzendecke gründlich studieren, sich mit der Bevölkerung, ihren Sitten und ihrer Sprache vertraut machen, ist gegen Zusammenstöße mit Schnellzügen geschützt, wenn es auch vorkommt, daß die Lokomotive mit dem ersten Wagen in die Müglitz fällt, und man fährt vor allen Dingen sein Geld ordentlich ab. Die Mehrzahl dieser Vorteile fällt im Winter, wenn man zum Skilauf ins Gebirge fährt, weg. Draußen sieht man nichts, weil es bei der Bergfahrt wie bei der Talfahrt finster ist, die Bevölkerung im Wagen verschwindet unter Bretterhaufen und Rauchschwaden, und die lange Fahrt wird, wenn man sich nach sportlicher Betätigung sehnt, ein zweifelhaftes Vergnügen. Deshalb ist es außerordentlich zu begrüßen, daß in dieser Jahreszeit die Bahnverwaltung Züge fahren läßt, die statt der üblichen fünfzehnmal nur dreimal zwischen Heidenau und Altenberg halten. Daß sie trotzdem dieselbe Zeit brauchen wie die fünfzehnmal haltenden Züge, liegt diesmal nicht an der wohlmeinenden Bahnverwaltung, sondern an der klimatischen Eigentümlichkeit unsrer Gebirge, die doppelt soviel Niederschläge erhalten wie die vorgelagerten Niederländer, und zwar im Winter in Form von Schnee, weshalb man ja zum Wintersport ebendahin fährt. Dazu kommt noch, daß in diesen Gebirgen, namentlich da, wo sie der Mensch abgeholzt hat, der Wind in unfreundlicher Weise bläst, was zur Folge hat, daß auf den Feldern, wo man den Schnee zum Fahren braucht, der Sturzacker herauskommt, während er an anderen weniger zum Skifahren geeigneten Stellen meterhoch liegt. Zu diesen anderen Stellen gehört die Bahnstrecke Geising–Altenberg. Trotzdem waren wir, als wir am 1. März nach dem üblichen Mord und Totschlag beim Umsteigen in Heidenau im Sportzug saßen und durch eine merkwürdige Fügung auch noch einen Sitzplatz erhalten hatten, auf den sich niemand zu setzen gewagt hatte, weil es niemand für möglich hielt, daß zehn Sekunden nach Ankunft des Dresdner Zuges es noch einen freien Platz geben könnte, guter Hoffnung voll, zumal es in den letzten Tagen nicht geschneit hatte. Um das Versäumte nachzuholen, fing es hinter Bärenstein derartig an Schnee zu schütten, als hätte es den ganzen Winter noch nicht geschneit, und so geschah wieder einmal das Unausbleibliche. Als das Zügel mühsam an dem Hang des Geisinger Tals hinaufgeklettert war und nun auf der Westseite vom Geisingberg die Hochfläche erreicht hatte, die das Tal des Roten Wassers von dem der Biela trennt, stand es trotz seiner zwei Maschinen still. Es fuhr noch einmal zurück, nahm einen gewaltigen Anlauf und blieb abermals stecken. Dann fuhr eine Maschine allein los und soll der Sage nach auch in Altenberg angekommen sein. Zurück kam sie jedenfalls nicht, und so schneite die andre Lokomotive samt Zug und Passagieren langsam ein, spuckte noch eine Weile verzweifelt Dreck und Feuer und ergab sich dann in ihr Schicksal. Ich ergab mich auch in das meine, zumal ich es als eine gerechte Strafe des Himmels dafür empfand, daß ich der Mahnung meines Söhnleins (Vater, du könntest eigentlich auch einmal zu Hause bleiben) wieder einmal nicht gefolgt war, obwohl ich den Winter in der Sächsischen Schweiz, in der Dresdner und Dippoldiswaldaer Heide, auf dem Carolasee und der Waldparkbahn wirklich zur Genüge schon genossen hatte. Ich wäre vielleicht auch diesmal zu Hause geblieben, wenn nicht Beelzebub in der Gestalt des Wandergenossen, der die schönen, diesen Aufsatz schmückenden Bilder geschaffen hat, mir mit dem Versprechen genaht wäre, daß er mit mir am Sonntag nach der Strobnitz fahren wollte, jenem schönen Aussichtspfeiler am böhmischen Hang, der durch Schiffners und Wagners begeisterte Schilderung zum Traum meiner schlaflosen Nächte geworden war. Reue und Gram im Herzen verließen wir schließlich den warmen Wagen, um uns gegen den Südweststurm nach Altenberg hineinzukämpfen. Glücklicherweise klebte es wenigstens nicht, und so kamen wir schon nach einer Viertelstunde in die Altenberger Vorstadt, die den ebenso unerklärlichen wie anheimelnden Namen »Polen« führt, stolperten an verschiedenen Hausgiebeln vorbei, liefen manchmal Gefahr, in einen zu irgendwelcher Haustüre führenden Tunnel zu fallen, erblickten ab und zu tief unter uns am Grunde von kunstgerecht ausgeführten Schächten (wir sind hier im Zinnbaugebiet) einen Lichtschein, der sich hinterher als Stubenfenster erwies, rutschten noch über einige gewaltige Schneewogen und standen plötzlich vor unserem Quartier. Drinnen fanden wir eine warme Küche und zwei alte Weiblein, die nach vorsichtiger Schätzung den Einbruch der großen Binge schon mit erlebt haben mußten, dazu drei alte Katzen, die teils blind und teils zahnlos waren und sich auch sonst sehr würdig benahmen im wohltuenden Gegensatz zu einer vierten, die sich mit ihrem noch wohlerhaltenen Gebiß über den in der üblichen liederlichen Weise eingepackten Rucksack des, abgesehen vom Namen, ganz unprophetenhaften Wandergenossen Elias hermachte und ihm den Belag von den Bemmen fraß. Das wurde für uns zum willkommenen Anlaß, den Rest unseres am Morgen gefaßten Gehaltes in Gewiegtem anzulegen und uns auf die Weise für die Strapazen des Sonntags zu stärken. Hätten wir allerdings gewußt, was uns bevorstand, so hätten wir zweifellos noch ein paar Eier an das Fleisch gerührt.

Abb. 1 Altenberger Binge im Schnee

Abb. 2 Der Kleine Lugstein

Am nächsten Tage brach nämlich im Flachland der Frühling aus, was die Dresdner veranlaßte, schöne Spaziergänge in den Großen Garten zu machen. Wir aber erlebten nach dem bekannten Gesetz von der Tücke des Objekts wieder einmal die Kehrseite von der Medaille, indem es fürchterlich pappte, als wir am Morgen am Raupennest (Name einer alten Bergherrenfamilie) emporkletterten. Ich gedachte zunächst wie immer an dieser Stelle meiner schönen Konfirmationsuhr, die ich vor zehn Jahren hier beim Hinabrollen nach Altenberg verlor, ohne sie jemals wiederzusehen, und dann faßten wir angesichts der zwanzig Zentimeter dicken Schneeschicht, die an den Brettern klebte, den männlichen Beschluß, die geplante Strobnitzexpedition aufzugeben und einen Spaziergang nach den nahegelegenen Lugsteinen zu machen. Also begaben wir uns zunächst nach Georgenfeld, dessen spaßige Häuselreihe im Winter noch putziger aussieht als sonst. Auch die übrigen Siedelungen der Hochfläche, Alt-Georgenfeld und Zinnwald mit ihren zerstreuten Schindelhäusern hatten in dem Winterkostüm nur gewonnen, zumal die sonst die Landschaft verunzierenden Halden der Wolframwerke auch mildtätig vom großen weißen Tuch eingehüllt worden waren. Einen besonders schönen Überblick über dieses Kammgebiet wie über die böhmischen Riesen hat man von dem glücklicherweise noch nicht mit Wegweisern bedachten Kleinen Lugstein, der nur um zehn Meter hinter der höchsten Erhebung dieses Gebiets, dem Kahleberg zurücksteht. Seine schroffen Porphyrklippen ragten nur mit den Spitzen aus dem dicken Schneepanzer heraus, der ihn jetzt umgibt, so daß er geradezu alpin aussah. Vielleicht könnte man mit Hilfe einer Tafel mit der Inschrift: »Nach dem sächsischen Matterhorn« den Fremdenverkehr an dieser Stelle etwas heben und für die Herbeischaffung der Konservenbüchsen, Apfelsinenschalen und Bemmenpapiere sorgen, die diesem in jeder Hinsicht reizvollen »Gipfel« zur Zeit noch fehlen.