Abb. 3 Der Böhmische Lugstein

Abb. 4 »Betrieb« am Kahlebergturm

Seinen etwas niedrigeren Bruder, den Großen Lugstein, ließen wir diesmal rechts liegen und schoben uns gleich über das Georgenfelder Moor, den »See«, der den Neugraben speist, mit seinen kaum noch sichtbaren Legföhren in den Märchenwald am Niklasberger Weg, von dessen bizarren Baum- und Schneeformen, die Menschen, Bären, Embryonen und Riesenschnecken glichen, unser Bild einen bessern Begriff gibt, als es irgendwelche Worte vermöchten. Auf der Suche nach immer neuen Überraschungen waren wir so tief ins Dickicht geraten, daß wir erst nach langem Suchen die Lichtung entdeckten, an deren Rande der Böhmische Lugstein, eine dreigeteilte Porphyrklippe, die von schönen Wetterfichten gekrönt wird, wie eine Burg sich aufbaut. Unter wehmütigem Gedenken an die Heidelbeermengen, die ich einst mit meinen Kursteilnehmern an dieser Stelle vertilgt hatte, schlugen wir den Weg nach dem oberen Weißeritztal ein. Merkwürdigerweise funktionierte trotz des mäßigen Schnees die Abfahrt nach Kalkofen ausgezeichnet, was meinem Schneeschuh veranlaßte, gerade in diesem Augenblick sich der Bindung mit Hilfe einer abgebrochenen Schraube zu entledigen, so daß ich tiefen Groll im Herzen in dem gemütlichsten Gasthaus des östlichen Erzgebirges anlangte, als meine Gefährten bereits beim zweiten Gang angekommen waren. Die nicht erst aus neuester Zeit datierende Bekanntschaft mit dem Kalkofener Gasthaus verdanke ich einem mir auch durch andere touristische Qualitäten sehr lieb gewordenen Schnapspascher, der sich unterdessen wieder seinem Originalberufe zugewandt hat, zumal die Früchte seiner beschwerlichen Tätigkeit ihm zerrannen, als er schließlich doch einmal erwischt worden war. Trotzdem mußten auch die Stammgäste das Lokal meiden, als die tschechische Krone so gestiegen war, daß selbst alles Entgegenkommen des Wirts die Valutadifferenz nicht mehr ausgleichen konnte. Nun sind wir die Hochvalutarischen geworden, und damit ist das freundliche Gasthaus aus seinem Dornröschenschlaf erwacht. Kaum kann die kleine Stube die Fülle der Gäste fassen, und ich sehe schon den fürchterlichen Augenblick nahen, wo die kleine Grenzkneipe dem Schicksal verfällt, dem schon so manches stille Grenzwirtshaus verfallen ist. Glücklicherweise hat unter dieser Entwicklung die Qualität bisher nicht gelitten, wie wir in ausführlicher Weise feststellten, indem wir die einst durch die Mitarbeit an Prager und Teplitzer Zeitungen verdienten Kronen hier in Sachwerten anlegten. Wir beschlossen darauf einstimmig, daß unsre noch unbeweibten Gefährten in Bälde eine »Böhmische« zu ehelichen und uns wöchentlich mindestens einmal zu Gansbraten mit Knödeln einzuladen hätten.

Abb. 5 Kahleberg Blick nach Westen (Stürmer)

Abb. 6 Kahleberg Wetterfichten am Nordhang

Dieses sonnige Zukunftsbild im Herzen reparierten wir zunächst den unzuverlässigen Schneeschuh in musterhafter Weise (ich hatte schon vorsichtshalber einen erprobten Fachmann mitgenommen), und damit war der Nachmittag gerettet, der sich nun zu einem Gipfel des Naturgenusses auswuchs. Zunächst gings hinab in die Weißeritzaue und auch irgendwo über die Weißeritz, die nicht zu sehen war, hinweg. Der Schnee pappte zwar auch hier noch im unbefahrenen Gelände nicht anders als am Vormittag. Aber glücklicherweise war hier überall so gründlich gespurt worden, daß die Bretter glänzend liefen, wenn man sich an die ausgefahrenen Gleise hielt. Noch besser wurde es im Tale des Warmbachs, das im Schatten lag. Auch hier hatte der Schnee allerhand Veränderungen hervorgebracht. Der übliche Weg auf dem rechten Ufer war durch eine mächtige Schneewächte gesperrt, und erst da, wo als Zeugen des einstigen Kalkabbaus mächtige Halden im Walde liegen, konnten wir wieder auf den geordneten Pfad zurückkehren. Da wo die Quellbäche des Warmbachs, der trotz seiner geringen Länge infolge der starken Niederschläge ziemlich wasserreich ist, sich vereinigen, ist eine breite Aue, deren Nordseite durch einen steilen Hang, wie wir ihn im Porphyrgebiet oft finden, begrenzt wird. Jetzt deckte ihn eine einheitliche Schneemasse, so daß wieder ein Bild entstand, wie man es sonst nur in den Gletschergebieten der Alpen findet. Und über der überhängende Wächte, die ihn krönte, spannte sich als Künder des nahenden Frühlings ein ganz unwinterlicher geradezu italienisch blauer Himmel. In langen Kehren schoben wir uns an der Schneewand empor. So gelangten wir wieder auf die hier ungefähr achthundert Meter hoch liegende Rumpffläche, von der aus sich ein herrlicher Blick auf das obere Weißeritztal, den buchenbestandenen Hemmschuh, Bahnhof Moldau, Böhmisch-Ullersdorf und Neustadt und die beiden Eckpfeiler des Niklasberger Tals, Stürmer und Bornhau, bot. Am alten Teich kamen wir auf die um die Abendzeit schon etwas verödete »Heerstraße«, die uns an unsern alten Freund Kahleberg heranbrachte. Auch er hat leider unter der großen Mode, die dazu führte, daß es in Dresden bald so viele Schneeschuhe gibt wie in Amerika Automobile, etwas gelitten. Nach neun Uhr vormittags und vor fünf Uhr abends kann man ihn neuerdings nicht mehr besuchen, wenn man nicht zuviel von dem Volk dort treffen will, das überall besser hin paßt als in die freie Gottesnatur, während man in den stillen Stunden höchstens ihre Visitenkarte findet, und auch diese nur an dem allgemeinen Lagerplatz am Turm. Die Aussicht von dort aus bietet aber am Abend die geringsten Reize, weil der Osten dann im Dunkel liegt. Unsere Feierstunde erlebten wir diesmal am entgegengesetzten Ende des Berges, wo die Neunundzwanzig seinen Rücken erreicht. Wie gestochen zeichneten sich Burg und Kirche von Frauenstein am Westhimmel ab. Von da zog sich die einförmige für das Erzgebirge so charakteristische Rumpffläche bis zum Stürmer, neben dem unser ursprüngliches Ziel, der Turm der Strobnitz auftauchte. Und dann gabs noch ein besonderes Geschenk. Weit im Südwesten über langgestreckten Waldflächen hoben sich zwei Gipfel heraus, die alle andern überragten. Im Zeiß zeigten sich auf dem rechten Turm und Schutzhaus. Kaum wagten wir auszusprechen was alle dachten. Der höchste Berg der Heimat und sein stolzer böhmischer Bruder sandten uns freundlichen Abendgruß beim Abschied von winterlichen Gebirge. Und über dem allen ein Himmel, der frühlingsselig grün und blau und rot leuchtete und sich in den Zapfen spiegelte, die zu Hunderten an den Rauhreiffichten um uns herum hingen. Als ich im vergangenen Herbst in der Dresdner Volkszeitung einen Bericht über meine Algerienfahrt veröffentlichte, schloß ich mit den Worten: Was sind alle Schätze des Orients neben dem bescheidenen Grün der Zäunlinge, das jetzt wieder unsere Anlagen schmückt, und was sind selbst die hundertfünfzigtausend Palmen Biskras neben einer rauhreifgeschmückten Fichte am Kahleberg! Daß selbst dieses kühne Wort noch nicht genug sagte, lehrte mich diese Stunde, als das Abendlicht über Schnee und Eis und Rauhfrost seine letzten grellen Lichter warf und damit einen Schönheitsgarten um uns schuf, aus dessen Verzauberung wir uns nur schweren Herzens losreißen konnten. In sausender Fahrt trugen uns die nun wieder ganz brav gewordenen Bretter den Schlängelweg hinab nach der Einunddreißig und von da nach Altenberg, wo unser Zügel immer noch nicht angelangt war, so daß uns wohl oder übel noch die Abfahrt nach Geising blühte. Eine Viertelstunde später langten wir über den glattgefahrenen und gefrorenen Schnee der Vorwerkswiesen am Bahnhof an.