Doch wir wollen gerecht sein. Die Stammbücher spielen bei uns auch nicht entfernt die Rolle, die ihnen in früheren Jahrhunderten zukam. In der Hauptsache stammen die Einträge ja doch nur von Kindern und jungen Leuten, die noch nicht recht flügge geworden sind, allenfalls von Lehrern und Geistlichen, die in Erfüllung einer Art von Berufspflicht den Eintrag bewirkten. Wer einmal in hundert Jahren die Stammbücher aus dem letzten Drittel des neunzehnten und dem ersten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts betrachtet, der täte uns Unrecht, wenn er unsern Kulturgrad nach diesen Büchern beurteilen wollte. Ganz so tief sind wir im großen und ganzen denn doch nicht gesunken!

Fußnoten:

[2] Vergleiche die von Oskar von Hase verfaßte Denkschrift »Breitkopf u. Härtel«, Verlag Breitkopf u. Härtel, I. Band, S. 116.

[3] Vergleiche Band XIII, Heft 1/2, Seite 9 ff. der Mitteilungen des Heimatschutzes.

[4] Näheres über Gottlob und Stenzel in der schon erwähnten Denkschrift »Breitkopf u. Härtel«, I. Band, Seite 115 ff.

Unsere alte Linde

Von Marianne Bieber

In dem kleinen Orte Kleinolbersdorf bei Chemnitz fiel im Sommer 1923 die tausendjährige Linde am Kirchhof einem Sturme zum Opfer. Die Pfarrerstochter, die im Schatten des Baumes aufgewachsen ist, widmet dem untergegangenen Naturdenkmal ein Gedenkblatt.

Schon seit frühesten Kindheitstagen war sie uns eine liebe Freundin – unsere alte Kirchhofslinde! Außerhalb des Friedhofes stand sie, an der Umfassungsmauer und ihr Stamm bildete, völlig krumm gebogen, – ob durch Alter oder durch Blitzschlag, war nicht zu ermitteln – einen natürlichen Torbogen zum Friedhofseingange. Ihr Alter war nicht festzustellen, die ältesten Dorfchroniken, die bis ins fünfzehnte Jahrhundert zurückreichen, erwähnen schon ihr Vorhandensein, aber nie ist darin der Tag ihrer Einpflanzung genannt. So zogen Jahrhunderte an ihr vorüber, sie sah Geschlechter kommen und vergehen und blieb immer die alte. Wenn an linden Sommerabenden die Dämmerung ihre zartvioletten Schleier über die heimatlichen Fluren breitete und süßer Heuduft das Tal durchwehte, dann huschten wir Geschwister oft zur alten Mauer. Auf weichem Moospolster eng beisammenhockend, lehnten wir uns an den breiten Stamm unserer alten Linde – drei Männer konnten ihn kaum umfassen – und wenn unser Auge verträumt den goldenen Reflexen folgte, die der letzte Schein der Abendsonne in die Fenster unseres Kirchleins zauberte, lauschten wir dem Blättergesäusel. Oh, wir verstanden so gut, was uns unsere alte Freundin erzählte. Führten doch der Anfang und das Ende eines jeden Lebensweges durch den Bogen der alten Linde, zum Anfang, wenn der zarte Täufling durchs Tor getragen ward, um im Kirchlein durch die heilige Taufe ein junger Christ zu werden und am Ende, wenn der müde Erdenpilger seine letzte Reise antrat.

Doch auch sonst war die alte Linde der Mittelpunkt des Dorflebens. Um ihren Stamm tummelten sich die Dorfkinder mit Haschen und Versteckspiel in frohem, jugendlichem Übermut und sorgloser Heiterkeit. Die Konfirmanden schritten in feierlichem Zuge hindurch, um als erwachsene Christen eingesegnet zu werden, um Kraft zu finden für den beginnenden Ernst des Lebens. Aus den Kindern, die sich einst am Fuße der alten Linde geneckt und gezaust hatten, wurden Leute und manchem erblühte nun in ihrem Schatten beim silbernen Schein des Mondes das selige Glück der ersten Liebe, und hatten sich zwei junge Herzen fürs Leben gefunden, so schritten gar bald zwei Glückliche Hand in Hand unter der Linde hindurch, um den Bund der Herzen im trauten Kirchlein durch Gottes Segen zu weihen.