Abb. 1 Putte als Giebelbekrönung am Wallpavillon (Wallseite)
Die beiden Gesichtshälften sind durch Frost abgesprengt.

Zur Leipziger Messe, dem Treffpunkt von Nord und Süd, sprach ich mit einem norddeutschen Maler, der kunstgewerbliche Arbeiten ausgestellt hatte, über die Wiederherstellung des Zwingers. Ich hatte ihm erzählt, daß man mir voraussichtlich diese Arbeiten anvertrauen wollte. »Nun, das werden Sie doch unbedingt ablehnen.« – »Warum? Im Gegenteil, ich freue mich über diese interessante Aufgabe.« – »Beim Heidelberger Schloß ist man doch auch dagegen, daß der Ott-Heinrichbau wieder erneuert wird.« – »Ja, das ist doch etwas ganz anderes, das ist eine Ruine.« – »Nun dann schmeißen Sie ein paar Bomben hinein, daß der Zwinger auch eine Ruine wird.« – »Aber hören Sie mal, was hat Ihnen unser Dresdner Zwinger angetan?« – »Solange uns diese scheußlichen überlebten Formen wie Klötzer an den Beinen hängen, werden wir keine Fortschritte in der neuen deutschen Kunst erreichen!« – »Aha, der berühmte Bolschewistenstandpunkt,« dachte ich, »erst mal alles kurz und klein schlagen und dann hinterher nicht annähernd Gleichwertiges schaffen können.« Und doch ging mir dies Gespräch, besonders der Vergleich mit dem Heidelberger Schloß lange Zeit durch den Kopf. Aber es ist doch ein Unterschied. In Heidelberg ist es eine Fassade, die man übrigens auch hin und wieder ausbessert, Vierungen einsetzt und Teile ergänzt. Man hat aber abgelehnt, das zu dieser Fassade gehörige Haus mit Dach usw. zu erneuern. Man wollte die Idee der Fassade erhalten, den Kunstgedanken, ohne ihn durch moderne Zutaten beeinträchtigen zu lassen. Zu diesen Zutaten hätten die Fenster, Türen, Dachrinnen und schließlich vor allem das Dach gehört. Beim Zwinger liegt die Sache ja wesentlich anders: Der Zwinger ist das Gehäuse überaus wertvoller Sammlungen, die kaum in absehbarer Zeit den erhofften Neubau werden bekommen können. Schon aus diesem rein praktischen Grunde muß der Zwinger erhalten bleiben.

Aufnahme von Dr. Ermisch, Dresden

Abb. 2 Putte vom Pavillon F (Mathemat. Salon) wurde provisorisch mit Seilen festgehalten, um ein Abstürzen zu verhüten

Aufnahme von Dr. Ermisch, Dresden

Abb. 3 Pfeilerfigur von Permoser am Wallpavillon

Der rechte Arm war in Zement ausgeflickt und wurde in Sandstein ergänzt, Blattschmuck über der Volute, der nur mit Kalkweiße angeklebt war, wird durch ein Vierungsstück, das auf dem Bilde fertig zu sehen ist, ersetzt

Aber auch der Kunstgedanke muß hier erhalten bleiben, der Kunstgedanke dieses einzigartigen, formenvollendeten Bauwerkes des Dresdner Barock. Der Gedanke des Bauwerkes: Ein Rahmen für »alle Arten öffentlicher Ritterspiele, Gepränge und andere Lustbarkeiten des Hofes« konnte schöner und überzeugender nicht zum Ausdruck gebracht werden. Dabei die wohltuende klare Grundrißentwicklung. Bedauerlich ist nur, daß spätere Zutaten den Gesamteindruck beeinträchtigen und daß die umgebenden Bauten so wenig Rücksicht auf dieses Kunstwerk genommen haben. Aber trotzdem können wir stolz sein auf dieses Meisterwerk des deutschen Barock. Es ist wahrlich erhaltenswert. Es war aber auch allerhöchste Zeit, daß mit aller Energie dem weiteren Verfall entgegengearbeitet wurde. Das Schicksal schreitet unheimlich schnell. Besonders in der kalten Jahreszeit bringt jeder Frost neue Schäden an den Tag. Wie gewöhnlich kommt kein Unglück allein. Die Geldnot der letzten zehn Jahre, die alle Vorbeugungsmaßnahmen unmöglich machte, der unglückselige Ölfarbenanstrich, mit dem man im vorigen Jahrhundert den Bau zu schützen suchte, und nicht zum wenigsten auch die bodenlose Leichtsinnigkeit mit der vor zweihundert Jahren der Bau errichtet wurde und die wohl schon oft denen zu denken gegeben hat, die mit dem Schutz des Bauwerkes betraut waren. Noch ist der Gesamteindruck nicht zerstört, aber eine Figur nach der anderen fällt um, ein Zierat nach dem anderen bröckelt ab. Wie soll aber der Bau erneuert werden, wenn man vom alten Bestand nur kümmerliche Bruchstücke überliefert bekommt. Im Januar 1924 fiel eine der reizvollsten Putten vom Pavillon F – dem Mathematischen Salon – herunter, eine weitere liegt z. Zt. zertrümmert in der Dachrinne, eine dritte hatte man zur Sicherheit mit Stricken an die Esse angebunden. Da gilt es rasch handeln und dauernd auf dem Posten zu sein, weiteres Unheil zu verhüten. Alle gefährdeten Teile werden photographisch festgelegt und danach in Sicherheit gebracht um dann, wenn die Wiederherstellungsarbeiten an diesem Punkt angelangt sind, ganz oder teilweise erneuert wieder an die alte Stelle zu kommen. Bei allen Erneuerungsarbeiten wird mit peinlichstem Abwägen darauf gesehen, daß möglichst viel »Altes« erhalten werden kann. Georg Wrba wacht über der Schar der Bildhauer, daß der Charakter des Baues durch die Erneuerung nicht verlorengehe. Besonders alle Ergänzungen, die ja leider nicht zu umgehen sind, werden unter seiner Leitung und nach seinen Angaben ausgeführt. Die Arbeiten der Wiederherstellung werden im Frühjahr außer am Wallpavillon, noch an der Langgalerie nach der Ostraallee zu, und im Sommer voraussichtlich am Pavillon F (dem Mathematischen Salon) in Angriff genommen werden. Ein gut Teil der Mittel für diese Instandsetzung soll aus der Geldlotterie des Heimatschutzes fließen. Möchten alle Freunde unseres schönen Dresden, möchten alle, die für Kunst und Denkmalpflege ein warmes Herz haben, an ihrem Teil zum Erfolge der Lotterie beitragen und so helfen, daß dem völligen Zerfall dieses Meisterwerkes deutscher Barockbaukunst erfolgreich entgegengearbeitet werden kann.