Was war geschehen? Der edle Ritter Herr von Turmfalk und Frau Gemahlin waren von weiter Fahrt aus fernen Landen gekommen, hatten hier einen Hochsitz gefunden, wie er ihnen, den Hochgeborenen, gefiel und darum gleich hier Wohnung genommen, ohne nach Wohnungs- oder Meldeamt erst lange zu fragen, ohne den Hauswirt erst artig und höflich zu bitten, aber auch ohne Ansprüche an seinen Geldbeutel zu stellen. »Kiii–je, Kiii–je!« das war der Ruf, mit dem sie sich anmeldeten, ihren Turm umkreisten und mit dem sie in den blauen Himmel emporstiegen oder in die Weite davonflogen, mit dem sie auch dem Gesindel zänkischer Dohlen begegneten, die ihnen eifersüchtig den bisher nicht beachteten Platz nun streitig machen wollten. Etwa zehn dieser ruppigen Gesellen traten mehr mit Geschrei und Gezeter als Mut auf, um den wehrhaften Ritter von seinem Burgsitz zu vertreiben. Das edle, hochgeartete Paar ließ sich aber durch das Geschrei nicht anfechten, denn sie wußten wohl: Feigheit flieht und fürchtet scharfe Fänge! Ritter Turmfalk von Scharfenklau ließ in überlegener Ruhe und Kraft die Dohlen flattern, kreischen und schimpfen, und fuhr nur selten einmal durch den auseinanderstiebenden Schwarm vor oder über seiner Haustür. –
Der Hochsitz, den er sich hier vierhundertdreißig Meter über dem Meere erkoren, war sehr einfacher Art. Ein kleiner Fensterschlitz in der Turmmauer unterhalb der großen Schalluke des niedrigeren Südturmes ([Abb. 1]), fünfundzwanzig Meter etwa über der Erde gelegen, von fünfunddreißig Zentimeter Breite und fünfundsiebzig Zentimeter Höhe und fünfzig Zentimeter Tiefe war seine Burg. Wie der harte Mann im siebenbürgischen Jägerliede hat er sich hier »den Stein zum Bett gemacht« und ohne Halm und Ästchen, ohne Blatt, Feder oder andere weiche Dinge auf dem rauhen Gneis des Fensterquaders seinen Hausstand zwischen engen, harten Wänden eingerichtet. Einfach, enge, rauh und schlicht zwar war der Burgsitz, aber doch gut gewählt und sicher gegen die Feinde und die Wetter, welche Ritter Turmfalk kannte, denn starke Mauern schützten sein Heim von oben, unten und den Seiten und hart war auch die Rückwand seines Horstes, nach seinen mineralogischen Kenntnissen auch von blankem, glattem Stein.
Doch dieser harte, blanke, glatte Stein war blankes Glas, durch welches neugierige, freundliche Menschenaugen heimlich schauten und zudringlicher und frecher als jene ruppigen Dohlen in seine Familienverhältnisse einzudringen suchten, aber immer heimlich, ganz heimlich mit dem höflichen, stillen Ersuchen: »Bitte, bitte, gnädige Frau, sich nicht stören zu lassen.«
Mitte Mai legte Frau Turmfalk ein schönes bräunliches Ei. Nach dieser Leistung schwang sie sich mit dem Herrn Gemahl fröhlich in die Lüfte, um noch einmal vor weiteren Familienereignissen einen frischen, flotten Jagdzug in die Felder zu machen, wo zwischen grünenden, wogenden Saaten so recht runde, fette Mäuslein liefen. Erfrischt, gesättigt, angeregt kehrte sie mit hellem Kiii–je zum Horst zurück. – – Wehe! Das Ei, das erste Ei, das einzige Ei, der Stolz des jungen Ehepaares war fort! Spurlos verschwunden, geholen, gestohlen! Leer der steinerne Horst! Wer war der freche Dieb? – Gewiß diese Nesträuber, diese Dohlen! Doch nein, Frau Turmfalk, Sie sind im Irrtum! Das hatten die schwarzen Burschen mit dem lauten, frechen Schnabel doch nicht gewagt, heimlich in Ihr festes Haus, die Burg des Ritters Turmfalk von Scharfenklau einzudringen. Nein, ein wissensdurstiger Knabe hatte heimlich das Fenster hinten geöffnet, rasch das Ei geholt und freudestrahlend seinem Lehrer gebracht, der es der Schulsammlung einverleibte. Ja, auch im Menschen stecken oft schon frühe Dohlentriebe! Leider! – Frau Turmfalk war nun aber gewarnt! Sie blieb daheim und hütete den Horst und beschenkte nach und nach mit vier Eiern ihren Herrn Gemahl. Die hochgeborene Dame, die im stolzen Fluge nur in den höchsten Kreisen zu verkehren gewohnt war, die weite Reisen und ein buntes, ungebundenes Leben liebte, zog sich von der großen Welt zurück, verließ das feste Haus nur selten und ward ein braves, gewissenhaftes Hausmütterchen.
Herr Turmfalk war um seine Eheliebste recht besorgt. Er mußte für die Nahrung sorgen und brachte treulich seiner trauten Gattin manchen saftigen Braten, feines Wildbret von delikater Feldmaus, der sorglich und glatt der Kopf mit scharfem Schnabel abgeschnitten war. Nur wenn der warme Sonnenschein nachmittags am Turm anlag, vermochte er sein Hausmütterchen zu bewegen, vom Brutplatz aufzustehen, die Schwingen zu schütteln und zu kurzem Fluge in die Luft und in das grünende, üppige Frühsommerland zu schweben. Mutter Sonne hielt inzwischen für die Lieblinge der strahlenden Höhe die Eier warm, bis sie von ihrem Fluge in die Höhe und die Weite zurückkehrten und Frau Turmfalk gewissenhaft den Platz ihrer Hoffnungen mit neuer warmer Mutterliebe wieder einnahm. Was kümmerte es sie, daß mittags um zwölf Uhr und abends um sieben Uhr das Häuerglöckchen eine Viertelstunde dicht über ihrem Horste und Haupte läutete und mit seinem traulichen Bimbam die Lüfte erfüllte! Was ging es Frau Turmfalk an, wenn hinter ihrem Rücken so oft ein seltsames Gepolter sich erhob, wenn die Läuter der großen Kirchenglocken die hölzernen Treppen im Turme heraufstolperten oder herunterpolterten und es dann plötzlich stille wurde und mit Rascheln und Scharren dunkle Gestalten an ihrem Fenster sichtbar wurden und wieder verschwanden. Was kümmerte es sie, wenn Sonntags und in der Woche die großen Glocken tönten und dröhnten und wie ein wunderbares Klanggewitter über sie dahinging! Sie duckte sich fester und schmiegte sich mit schirmendem Flügel über ihren kostbaren Besitz mit der göttlichen Muttertreue, welche den brütenden Vogel zum rührenden Sinnbilde der aufopfernden Liebe macht. –
Vier Wochen gingen vorüber, nachdem sie die Eier gelegt, da, acht Tage nach Pfingsten etwa, mitten im wonnigen Junimonat, in den Tagen der Rosen wurde Frau Turmfalk unruhig. Es war ihr so eigen zumute, als sollte nun das Sitzen im engen Burggemach zu Ende sein, als sollte die fröhliche Jagd in Feld und Flur, das Kreisen in blauer Luft, das scharfe Spähen aus schimmernder Höhe und das Niedersausen zu scharfem Stoß, Griff und Fang wieder beginnen, aber eine ganz andere, höhere Bedeutung gewinnen, einen Zweck, den dunkel keimende Mutterliebe ahnte.
In den Eiern unter ihr war es schon so merkwürdig unruhig gewesen in den letzten Tagen. Jetzt sprangen die harten Schalen und sie fühlte, wie krabbelnde weiche Bällchen sich an ihre wärmenden Federn drückten, erst eins, dann zwei, dann drei und schließlich noch am nächsten Tage ein viertes, das Nesthöckchen, welches besonders warm und weich es haben wollte.
Wann Frau Turmfalk dieses frohe Ereignis ihrem ritterlichen Gatten mitgeteilt hat und wie er es aufgenommen hat und seinen Schnabel verzogen, wissen wir leider nicht, hoffen wir, fröhlicher als ein menschlicher Vater, dem Vierlinge angemeldet werden.
Genug, eines Tages, nicht lange nach Pfingsten, bemerkten die heimlichen Beobachter hinter der verräterischen Glasscheibe, daß vier kleine weiße Bällchen mit großen schwarzen Augen, großen Schnäbeln und ganz zartem Flaumkleid in ihrer Kinderwiege umherkrabbelten, sich zusammendrängten und noch recht unbehilflich ihre Köpfchen drehten. Die liebe Mutter war davongeflogen, den Vater kannten sie noch nicht recht, ihr schwaches Kinderstimmchen reichte noch nicht weit, der kalte Wind blies in ihr Eckchen, und ihr kleiner Magen hatte so seltsame, unangenehme Gefühle, daß die Schnäbelchen öfter ganz wie von selbst trichterartig sich öffneten und wieder schlossen. Ja, sie merkten, wie warm und wohl Mutterliebe und Muttersorge tut! Doch da kam sie schon herangeschwebt wie ein schneller Schatten und saß am Rand, an der Tür ihrer lieben Kinderstube. Und was hatte sie mitgebracht! Ein schönes, zartes, junges Mäuslein, so recht für den jungen Magen ihrer kleinen Brut geeignet und leicht verdaulicher Leckerbissen! Den Kopf hatte sie draußen schon abgeschnitten. Nun faßte sie das Mäuslein mit den Krallen, indem sie sich auf die Fußgelenke oder gleichsam auf die Ellenbogen setzte, um die Hände frei zu haben, und als wäre das tote Mäuslein ein Sack, aus dem sie allerlei Gutes hervorholt, holte sie mit dem spitzen Schnabel das Fleisch und die Eingeweide aus dem grauen Mäusewams heraus. »Sie hat das Fell ausgehöselt,« sagte der Kirchendiener Klemm. Das leere Fell wurde in die Tiefe befördert, und öfter fand man später am Fuß des Turmes in den Gebüschen und am Boden solch sauberen Mäusebalg, an dem nur noch die vier Beinchen und das Schwänzchen hingen.
Der Reihe nach bekamen die Jungen ihr Häppchen in ihren Schnabeltrichter und jedes wartete fein geduldig, bis sein Trichterlein an der Reihe war. Und wenn doch einmal das Nesthöckchen von den drei älteren Geschwistern zurückgedrängt war, dann überging Mutter Turmfalk auch einmal die drei vordringlichen dicken Brüder und nahm Nesthöckchen zuerst vor und füllte ihm den kleinen Hals mit einem Leckerbissen, und Dickbrüderchen mußten warten. O ja! in der Kinderstube von Ritter Turmfalk und Frau Gemahlin herrschte Ordnung und Zucht, Verträglichkeit und Reinlichkeit. Schon während der Brutzeit hatte Frau Turmfalk fleißig dafür gesorgt, daß das Haus rein war, damit der Herr Gemahl nichts zu tadeln fand: Keine Speisereste, kein Mäusewams, kein Schmutz und Kot wurde geduldet, sondern über die Schwelle des Hauses gekehrt. Auch die Kinder mußten dies lernen und waren in wenigen Tagen, lange ehe sie rechte Federn hatten und fliegen konnten, stubenrein und besser erzogen als manches kleine Menschenkind, das schon laufen kann. Wenn die braven, jungen Fälklein spürten, daß ein kritischer Augenblick nahte, dann krabbelten sie zum Rande des Mauerschlitzes vor, drehten sich um und hielten das Schwänzchen in die freie Luft hinaus und – – Klex – die Sorge war vorüber! Die liebe Mutter brauchte nicht das Kinderstübchen auszuputzen, denn das tat sie wohl nicht besonders gern.