Fleißig war nun das Elternpaar auf der Jagd, um ihre junge Brut zu sättigen. In zwanzig Minuten oder einer halben Stunde war eine Maus erlegt und zum Horst getragen. Doch es wurde nicht wahllos den ganzen Tag über gefüttert, denn das hätte dem jungen Magen der Fälklein geschadet. Die Stunden der Mahlzeit hielt Mutter Turmfalk streng inne, nämlich morgens etwa um sieben Uhr, mittags um zwölf Uhr und abends auch wieder um sieben Uhr, wenn oben im Turme das Bergglöckchen läutete. Die Mahlzeiten dehnten sich natürlich über längere Zeit aus, denn es ist nicht leicht und rasch getan, für vier hungrige Kinderlein die Nahrung herbeizuschaffen, sie zu füttern und zu sättigen, und schließlich selbst auch noch dabei satt zu werden. Ausschließlich Mäusebraten war die Nahrung unserer ritterlichen Familie Turmfalk. Trotz eingehender Beobachtung wurde nie ein Vogel oder ein Restlein Geflügelbraten oder auch nur eine Feder im Nest oder bei der Atzung bemerkt. Was ist denn auch ein Vögelchen für ein dürftiger Braten, mehr Knochen und Haut als Fleisch, gegen eine runde, appetitliche Feldmaus mit speckigem Rücken! Nur wenn es gar nichts Besseres gibt und der Hunger weh tut, mag auch mal ein Vogel als »Mausersatz« auf Turmfalks Speisezettel stehen. Unser Ritter vom Petriturm hatte solchen »Ersatzbraten« jedenfalls nicht nötig, sondern sein Jagdgebiet bot ihm reichlich die gesuchte Beute.
Im stillen Garten des benachbarten Logenhauses war es schon seit längerer Zeit den Mäusen unheimlich geworden. Sie hatten so lange ein friedliches, ungestörtes Leben geführt, waren umhergehuscht auf Besuch bald hier, bald da, hatten Hochzeiten und fröhliche Feste gefeiert, von allem genascht und niemals gehascht, und nun kam ein blitzschneller Schatten vom Himmel herabgeschossen, ein ängstliches Piepen und eine Maus aus ihrem Volk, eine Hauptmaus mit besonders ausgeprägtem Speckrücken war verschwunden, blitzschnell wie der Schatten! Wo war sie geblieben! Aufgeregt lief man zur Nachbarin, die schon allerlei erlebt hatte und zu erzählen wußte! Dieses unerhörte Ereignis mußte gründlich besprochen werden! Wie konnte so etwas im friedlichen Logengarten vorkommen?!
Wie sollte man sich dagegen schützen? – Doch die Tür der weitgereisten Nachbarin war noch nicht erreicht, da fuhr es plötzlich wie scharfe Dolche durch den Leib der neugierigen Mäusedame! Ein Zappeln und pfeifender Aufschrei und alle Neugierde ihres Lebens war befriedigt. Die unfehlbaren, nadelscharfen Krallen Ritter Turmfalks trugen sie zum nahen Horst. Tagaus, tagein minderte sich so das Mäusevolk. Eine unheimliche Stimmung und Angst breitete sich aus. Die tapfersten Mäusemänner wurden kleinlaut und sehr häuslich und ihre langen Schnurrhaare wurden stumpf und grau. Die blanken, schwarzen Äuglein matt und trüb! Die ganze Staatsordnung kam ins Wanken! Von Auswanderung wurde heimlich in den Gängen gewispert, denn man durfte sich bei Tage nicht mehr ins Freie wagen, da das fast an Selbstmord grenzte. Kein Mäusegatte ließ seine Gattin mehr zum Einholen aus dem Loche heraus. Der Speisezettel wurde täglich dürftiger, und der bisher so prall sitzende graue Leibrock wurde merklich weiter und unangenehm bequem! Ausgestellte Wachen an versteckten Eingängen zur Mäusesiedlung hatten mit zitternden Schwänzen und bebendem Fell beobachtet, daß der blitzschnelle Schatten ein großer Vogel gewesen war! Als erstes habe er stets ohne Unterschied dem erbeuteten, schmählich geraubten Mauseherrn oder Dame mit dem Schnabel haarscharf den Kopf abgeschnitten, wie mit einem Messer oder Schere, und das warme Blut sei umhergespritzt! Furchtbar! Solche Kopflosigkeit war nicht nach ihrem Geschmack! – – Ja, es ist nicht gut, einen stark bewehrten Feind mit scharfem Schnabel und spitzen Fängen als Nachbar zu haben, wenn man schwach und wehrlos ist! Wehrlosigkeit zeugt Feigheit, Nachgiebigkeit, Ehrlosigkeit, Armut, Hunger, Auswanderung, Untergang! – –
So war Ritter Turmfalk und Gemahlin der Schrecken des ganzen Mäusevolkes der Umgegend. Doch auch die Vogelwelt blieb nicht ganz unbeeinflußt. Obgleich man nie beobachtete, daß er einen Vogel gejagt oder geschlagen hätte, hatten sich doch auch die kleineren Vögel, welche sonst in den grünen Lindenwipfeln des Kirchplatzes fröhlich sangen und zwischen den Zweigen umherschlüpften und spielten, vorsichtig aus der unmittelbaren Nähe der Burg des reisigen Ritters zurückgezogen. Ob die neidischen Dohlen ihn verleumdet hatten? Ob den Vögelchen die Mäuse etwas von ihren Sorgen gepfiffen hatten? Ob alte Sagen und Aberglauben überliefert waren, die nun noch in den kleinen Vogelköpfchen spukten, und den bisher niegesehenen Vogel dort oben verdächtig machten? Ob der Anblick seiner scharfen Krallen und des spitzen Schnabels sie allein schon furchtsam machte? Ob sie den unfehlbaren Stoß bei der Mäusejagd beobachtet hatten und ihn nun für sich fürchteten? Ob sie aus Vorsicht nur die unheimliche Nähe des Raschen und Starken mieden, um nicht einem plötzlichen Begehren oder Einfall des Unberechenbaren ausgesetzt zu sein? – Der Schluß ihrer Vogelphilosophie war jedenfalls, daß sie sich drückten, denn geh zu den mächtigen Herren nur, wenn sie dich rufen, und bleib in ihrer Nähe nur, wenn du mußt. Der Schwache ist neben dem Starken leicht in Gefahr! – – –
Unermüdlich trieben so Herr und Frau Turmfalk ihre Mäusejagd, um ihre edelste Aufgabe in rechter Weise zu erfüllen, nämlich ihre Jugend aufzuziehen zu rechter Kraft und echtem Falkentum, um allen Aufgaben des Falkenlebens gewachsen zu sein. Sie waren auch vorsichtig und vorausschauend wie ein rechtes Elternpaar, das nicht nur für heute sorgt, sondern auch für die Zukunft, und daran denkt, daß für jede Mahlzeit genügender Vorrat zur Verfügung stehen muß, daß die Kinder nicht lange auf die Beschaffung warten und schließlich gar hungern müssen. Turmfalks hatten ihre Vorratsschränke und ihren Vorratsboden, die eifrig gefüllt wurden mit blutfrischen Braten, solange nicht die Atzung der Kinderlein sie in Anspruch nahm. In den seitlichen Wandungen rechts und links ihres steinernen Horstes befanden sich die Speiseschränke, das heißt etwa zehn Zentimeter tiefe aus den breiten Fugen des Gneissteinmauerwerks ausgewitterte Löcher, in welche sie sorgfältig erlegte Mäuse hineinlegten, ein Mäuslein über das andere gepackt, öfter drei oder vier in jedem Mauerschrank, alle Mäuse selbstverständlich ohne Kopf. Die braven Kinder konnten leicht an die offenen Schränke, wo das appetitliche Wildbret lag, aber Naschen und Stehlen lag ihnen fern. Sie warteten geduldig, bis die gute Mutter an den Vorrat ging und ihre aus dem Mäusewams »ausgehöselten« Leckerbissen verteilte. Mit dem raschen Wachstum der Falken wurden diese Happen größer und größer, bis sie schließlich Mann für Mann bei jeder Mahlzeit eine Maus bekamen und selbst an ihr das »Aushöseln« lernten. Da kam es auch vor, daß zwei Fälklein sich mit einer Maus beschäftigten und mit den Eingeweiden ihre liebe Not hatten. Das eine Brüderchen zog an einem Ende des Darmes, das andere am anderen Ende. Es wurde erst einmal »Tauziehen« gespielt, bis jedes seinen Happen sich einverleibt hatte. Das war nicht leicht und für Fälkleins vielleicht ebenso schwierig, wie wenn kleine Menschenkinder faserigen Stangenspargel oder glatte weiche Makkaroni essen sollen, ohne mit den Fingern nachzuhelfen!
Die Speiseschränke reichten manchmal nicht aus bei dem gesunden Hunger der kräftigen Falkenjugend und wenn die Jagd besonders ergiebig war. Als man eines Tages die Holzläden an den Fenstern des Glockenbodens auf dem Turme hoch über dem Horste öffnete, sah man auf einem hölzernen Sims oben eine Reihe von blutfrischen Mäusen liegen, nebeneinander kopflos und friedlich aufgereiht, wie der Wildhändler seine Hasen auf dem Schaubrett auslegt. Ob dieses Vorratslager der alte Herr Ritter Turmfalk nun heimlich für sich zu besonderen Genießerzwecken angelegt hatte, oder ob er in treuem Vaterpflichtgefühl hier seine Jagdbeute für die Jungen niederlegte, solange die Gattin mit der Atzung der Kinder beschäftigt war, damit sie ohne Mühe und ohne Zeitverlust die Nahrung von dem verabredeten Platze rasch herbeiholen könnte, das läßt sich nicht genau feststellen. Wir glauben aber, daß solche Arbeitsteilung und die gemeinsame Sorge für ihren hoffnungsvollen Nachwuchs durchaus in dem ritterlichen Charakter unserer geflügelten Helden liegt. Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß auch an anderen Stellen Ritter Turmfalk sich solch Lager von Wildbret anlegte, denn man sah ihn öfter um den Turm kreisen und auch durch eine fehlende Scheibe im unbewohnten Kämmerchen des ehemaligen Türmers auf der Ostseite des hohen nördlichen Turmes verschwinden und bald wieder herausfliegen. Was suchte er in dem öden engen Raume, wo höchstens Spinnen ihre Nester bauen und ihr Dasein kümmerlich fristen? Er hat sein Geheimnis nicht verraten! Vielleicht hatte er dort auch eine Niederlage eingerichtet, um auf alle Fälle gerüstet zu sein und seine hungrige Gesellschaft stets reichlich versorgen zu können, wenn die Jagd einmal nicht so ergiebig sein sollte. –
Die jungen Falken hatten sich in wenigen Wochen so kräftig entwickelt, die kleinen Schnäbel hatten sich hakenförmig gekrümmt und eine nadelscharfe Spitze bekommen, das zarte, weiche Daunenkleid war einem Federkleide gewichen, dessen Weiß mit feinen braunen Streifchen gesprenkelt war und allmählich namentlich auf dem Rücken mehr und mehr in Braun überging. Die kleinen Gesellen waren immer lebhafter geworden und der enge Raum der Fensternische wollte kaum mehr reichen. Vater und Mutter Turmfalk hatten schon auswärts Wohnung suchen müssen, weil für sie der Platz nicht mehr reichte. Wer weiß, ob nicht in wenigen Tagen die Kraft der jungen Flügel erprobt werden sollte – und dann war es zu spät, eine photographische Aufnahme zu machen! Am 18. Juli stiegen nachmittags drei Uhr Herr Kantor Bretschneider und Herr A. Schreiber mit photographischem Apparat die enge Wendeltreppe zum Turme hinauf, um die vier Junker Turmfalk auf die Platte zu bannen. Die Aufgabe war nicht leicht, denn die Aufstellung des Apparates war durch das Gebälk und die Treppe im Turme stark behindert. Die jungen Falken hatten scharfe Augen und scharfes Gehör. Auf jedes Geräusch und jede Bewegung antworteten sie durch Stutzen. Leise, ganz leise nur durfte das Fenster geöffnet werden, um nicht die Fälklein durch plötzliche Bewegungen zu erschrecken und dadurch etwa ein Zurückweichen und einen Absturz aus der engen Kinderstube über den Mauerrand in die Tiefe zu verursachen. Die Hand ging leise und langsam stückweise am Fensterrahmen innen hoch mit Ruhepausen und oben am Rahmen allmählich entlang und wieder abwärts, um Wirbel und Knopf zu erreichen, aber unverwandt folgten die funkelnden Falkenaugen, die Köpfe und die sich hebenden Hälse voll Mißtrauen der Bewegung, bis die Hand verschwunden und die dunkle Gestalt am Fenster nicht mehr sichtbar war.
Da die Aufnahmen jedoch aus dem dunklen Raume gegen das helle Tageslicht gemacht werden mußten, ergaben sie leider nur dunkle Schattenbilder ohne Durchzeichnung, die nicht befriedigen konnten. Eine Wiederholung der Aufnahme gleich am Abend wurde beschlossen zu einer Zeit, wo die nun bald flügge Junkerschar reichlich und fertig geatzt, satt, ruhig und behaglich im Horste saß und der gestrenge Herr Ritter von Turmfalk nebst Frau Gemahlin schon beruhigt fern von der Kinderstube sich einen sicheren Ruheplatz gesucht hatten.
Einhalbneun Uhr abends ging es nun wieder leise die dunkle gewundene Turmtreppe hinauf, ausgerüstet mit Blitzlicht, um, wie Schillings es nennt, eine »Natururkunde« zu gewinnen. Leise und vorsichtig beim Scheine einer Taschenlampe wurde der Apparat gerichtet, das Blitzlicht fertig gemacht und das Fensterchen am Horste geöffnet. Es war nicht leicht, die Linse scharf einzustellen, da ein scharfer Wind und Gegenzug durch das geöffnete Fenster sauste und alle Vorsicht zu Schanden zu machen drohte, auch das Holzwerk des Turmes innen Unbequemlichkeiten bot. Auch die geringste Bewegung und das leiseste Geräusch merkten die jungen Falken, wurden unruhig, zogen sich bis an den Außenrand der Nische, den Rand des finsteren Abgrundes zurück, wobei ein oder zwei der Tierchen verdeckt waren und die Absturzgefahr drohte.
Das machte eine Aufnahme zunächst unmöglich. Es galt die scheuen und ängstlichen Tierchen zu beruhigen, an das Geräusch und das Blitzen zu gewöhnen. Der Apparat wurde öfters »blind« abgedrückt, so daß ihnen das Knipsgeräusch nicht mehr auffiel und mit der elektrischen Taschenlampe wurde ein kleines Wetterleuchten veranstaltet, dessen Blitze die Falkenbrüder manchmal blendete, aber nicht weiter erschreckte, denn von ihrem Hochsitz aus hatten sie schon andere Flammenstrahlen die Dunkelheit zerreißen sehen. Nach ein und einer halben Stunde, etwa um einviertelelf Uhr, waren die Tierchen so beruhigt über das merkwürdige geheimnisvolle Treiben im Turm, daß sie zuletzt ihre Stellung nicht mehr verließen.