Blitzlichtaufnahme von A. Schreiber, Freiberg

Abb. 2 Junge Turmfalken im Horst, einem Fensterschlitz am Petriturm in Freiberg

Jetzt konnte Blitz und Aufnahme gewagt werden. Brav saßen die vier Junkerchen nebeneinander gedrängt, denn der Nachtwind pfiff ganz ungewohnt und scharf aus der Finsternis durch ihre sonst so gemütliche Kinderstube, und sie drehten dem ungemütlichen Blaser, den durch die Flügel besser und wärmer gedeckten und geschützten Rücken zu und schauten gerade richtig in den Turm hinein auf die Kamera ([Abb. 2]). In der Mitte saß ziemlich breitspurig der älteste der Brüder und reckte den Kopf. Er fühlte sich verantwortlich für die Sicherheit der Burg. Er hatte doch ein ungewohntes Geräusch gehört, auf das er lauschen wollte. Halb hinter ihm der kleine Dicke, der den Mäusespeck so gern hatte, schlief schon halb und klappte ab und zu die runden Augen auf. Er war der satte Phlegmatiker, der ruhig für sich sorgen ließ, am wärmsten saß, dabei aber den jüngsten Bruder, das Nesthöckchen, ganz selbstverständlich und gemütlich noch an die Wand drängte, um recht bequemen Platz für sich zu haben, und der dazu noch sein dümmstes Gesicht aufsetzte. Das kleine ängstliche Nesthöckchen aber hob ergeben das kleine scharfe Schnäbelchen, zufrieden, daß es wenigstens noch ein Plätzchen hatte dicht bei den Brüderchen in dieser kalten unheimlichen windigen Nacht voller Unruhe. Dem vierten älteren Bruder war die Spannung des ältesten nicht entgangen, und mit ihm gemeinsam lauscht er hinaus in die unheimliche Finsternis, aus welcher eine ungekannte Gefahr sich zu nahen schien. Eben will er sein Bedenken und finstere Ahnung mitteilen, da blitzt es plötzlich blendend und grell auf, als wollte das Licht ihre Augen verbrennen und pechschwarze Finsternis folgt. Sie fahren entsetzt auseinander, Dickbrüderchen ist hellwach geworden und reißt die runden Augen auf, als wäre er eine Eule mit den großen Telleraugen. – Erst gestern Nacht hatte er ja eine mit leisem Flug um den Turm streichen seh’n! – Sie wenden sich rückwärts und wollen auf und davon im ersten Schrecken, Nesthöckchen ist schon fast am Rande des Horstes; da blitzt es zum zweiten Male auf, ebenso grell, ebenso schnell und dann bleibt es dunkel ([Abb. 3]). Wie gelähmt bleiben sie sitzen und können sich nicht rühren. Wohin sollen sie flüchten? Erst allmählich, als kein neues Entsetzen folgt und alles still bleibt, fällt die bannende Angst ab. Nur leise Geräusche im Turme, wie sie schon oft gehört, vernehmen sie noch, das Fenster wird geschlossen und plötzlich hört auch der kalte zugige Wind auf und sein unangenehmes Zausen, Zupfen und Wühlen in ihrem Gefieder. Der Wind, der ungebärdige böse Zausegeselle, ist wieder aus der Kinderstube der Falken ausgeschlossen. Sie drängen sich wieder zusammen, daß eins am andern sich wärmt, vergessen den Schrecken und schlafen dann ruhig im warmen Winkel ein, bis morgen früh die Sonne sie weckt oder die liebe Mutter Turmfalk mit dem heißbegehrten Frühstück kommt. – – –

»Es gingen drei Jäger wohl auf die Pirsch

Sie wollten erjagen den weißen Hirsch«

Froher hätten die drei Jäger auch nicht nach Hause wandern können, wenn sie den weißen Hirsch erlegt hätten – sie haben ihn aber nicht erlegt!! – als wie unsere Photographen, als sie nach langem geduldigen Mühen den Lohn wohlgelungener seltener Aufnahmen nach Hause trugen. Sie fühlten sich beim Herabsteigen auf der schwarzen Wendelstiege des Turmes zu mitternächtiger Stunde wie Schillings, als er »mit Blitzlicht und Büchse« aus dem finsteren Urwald heimkehrte. Hellauf flammte der Mut: »In den nächsten Tagen oder Abenden wiederholen wir die Aufnahme und stellen untrüglich fest, wie die Entwicklung vorgeschritten ist!« »Natururkunden!« Doch Hindernisse treten ein: Als nach acht Tagen die Forscher zur Tat schreiten wollten, da war das Nest leer, und die jungen Falken hatten ihren Flug in die Welt angetreten.

Blitzlichtaufnahme von A. Schreiber, Freiberg

Abb. 3 Junge Turmfalken im Horst, einem Fensterschlitz am Petriturm in Freiberg