Den 27. Juli, einen schönen Sonntag, hatten sie zu ihrem ersten Ausflug auf eigenen Flügeln sich ausgesucht. Bis zu den benachbarten Dachfirsten hatten sie ihre jungen Schwingen zunächst abwärts getragen. Dort saßen sie dann mehr ängstlich und erstaunt über ihren eigenen Mut und warteten, daß die Eltern ihnen den gewohnten Braten brachten. Die Maus auf dem Dachfirste, von den Eltern zugetragen, war ihnen so lieb wie die Maus im Turmhorst. Auch hier auf dem Dachfirste hielt aber die gestrenge Frau Mutter scharf die Reihenfolge ein, so daß nicht etwa ein kleiner Frechling doppelt erhalten konnte, während ein anderer leer ausging. Wenige Tage nur ging es von Dachfirst zu Dachfirst, auf Essenköpfe in immer gewandterem Fluge, dann hinüber in die benachbarten Gärten und Promenaden. Auf hohen Bäumen hat man sie noch bemerkt, bis eines Tages ihre erstarkten Flügel sie in die Ferne trugen zu eigenen Fahrten, Jagden und Abenteuern.

Die Kindheit war vorüber. Sie hatten gelernt, daß Mäusebraten jedem anderen Braten vorzuziehen, ja das einzige würdige und ritterbürtige Essen ist, daß die Mäusejagd der einzige Turmfalkensport ist, in dem Kraft, Gewandtheit, Schnelligkeit, scharfe Augen und Fänge sich rühmlich und nützlich betätigen können.

Aufnahme von K. Reymann in Freiberg

Abb. 4 Petrikirchtürme in Freiberg Von Süden

Drei Monate etwa hatten Ritter Turmfalks auf dem Petriturm gehorstet und täglich wohl mindestens durchschnittlich zehn Mäuse geschlagen. Das sind etwa tausend Mäuse in kurzer Zeit! Ruhm und Dank darum dir du wackrer, schneller Held!

Wenn aber ihr jungen Falken über den Feldern schwebt, wenn ihr in die blaue Höhe steigt, wenn ihr eure Beute schlagt, möge kein Schießer euch treffen, kein Feind euch verderblich werden! Eure Burg und Kinderstube auf dem Petriturm ist leer. Bald braust der Wintersturm um seine Ecken. – Wenn der Frühling kommt und das Birklein an der Brust des alten Riesen grünt und die Kinder nach dem Sonnenstrählchen auf dem Turmknopf spähen, wird dann ein Paar von eurem ritterlichen Geschlecht dort oben wieder horsten auf stolzer Burg über dem Treiben und der Unruhe der Welt? ([Abb. 4]).

Willkommen seid ihr uns, uns und der heimlichen neugierigen Kamera!

Fußnote:

[1] Nach eigenen Beobachtungen und Mitteilungen der Herren Kantor Bretschneider, Obersekretär Walter, Kirchendiener Klemm, Glöckner Lohse und des Herrn A. Schreiber in Freiberg.