Ins Trappengebiet
Von Friedrich A. Bäßler
Acht wetterfeste Ornithologen, ein Weiblein und sieben Männlein begrüßten sich am frühen Morgen auf dem Bahnhof in Großenhain. Wetterfest, denn auf dem Wege zum Bahnhof in Dresden war man schon einmal »durch« geworden vom Schnee und Regen, den der launische April herunterschüttete. Da es aber jetzt nicht mehr regnete, ging’s mit gutem Mute voraus ins Trappenrevier. Aus dem Park am Ufer der Röder begrüßte der Zilp-Zalp als erster Vertreter der Ornithologie ihre getreuen Jünger. Weitere Namen konnte der Buchführer bald in seine Liste eintragen. Dicht vor der Mühle von Kleinraschütz flog ein Ringeltäuber vom Boden auf, ließ sich in einem Baume nieder und machte so die Beobachter auf sein Nest aufmerksam, in dem seine bessere Hälfte brütend saß. Vom Mühlendach herab ließ der Hausrotschwanz sein krächzendes Liebesliedchen erschallen. Rechts der Straße breitete sich nun die kahle Fläche des Exerzierplatzes aus, spärlich bewachsen mit Gräsern und fruchtendem Moosrasen, nur hie und da durchsetzt von niedrigem Gebüsch. Mehrere Steinschmätzerpärchen trieben dort ihr Wesen. Ein Männchen war sogar so freundlich, vom Telephondraht herunter sein wenig bekanntes Lied zum besten zu geben. Aus einem Wiesengraben der Röderniederung erhob sich ein Stockentenpärchen, um bald wieder plätschernd in dem Überschwemmungsgebiet einzufallen. Langgeschwänzte Elstern, diese bösen Nesträuber im schmucken Kleide, kreuzten schwerfälligen Fluges den Weg, und ein Bussard zog über den Wiesenflächen seine Kreise.
Weiter wandern wir auf Skassa zu, das von drüben über der Röder herübergrüßt. Die Straße biegt jetzt links ab und führt über eine Brücke ins Dorf. Wir halten uns rechts auf einem Feldweg, an großen Kartoffelmieten vorbei, der Neumühle zu. Ein mächtiger Eichenstamm, der gefällt am Wege liegt, bietet willkommene Gelegenheit zur Frühstücksrast. Selbst während der Rast bietet sich dem Vogelfreund Gelegenheit zum Beobachten. Vor uns liegen überschwemmte Wiesen, über denen dreißig bis vierzig Rauchschwalben hastigen Fluges durcheinanderfliegen. Für diese armen Tierchen, die ja nur fliegende Insekten fangen können, ist noch karge Zeit. Mücken und Fliegen halten sich vor der Kälte noch verborgen in ihren Schlupfwinkeln. Drüben jenseits des Wassers erfreuen Fasanen das Auge der Beobachter. Frisch gestärkt geht’s nun weiter. Ein prächtiges Bild bietet die Neumühle drüben am andern Ufer. In breitem Bette strömt das Wasser schäumend über ein flaches Steinwehr, über dem dicht der schmale Steg in den Mühlenhof führt, während der Fahrweg durch das rauschende Wasser am Fuße des Wehres nebenherläuft. Weit kann das Auge dem Laufe des Flusses folgen, der sich von Auwald umsäumt nach Norden wendet.
Nun gehts aber ernstlich hinein ins Trappengebiet. Auf Feldwegen nähern wir uns Weißig, dessen Windmühle schon über den Höhenrücken herüberschaut. Auffällig viele Hasen treiben hier auf den Feldern ihr Wesen. Bald links, bald rechts sucht einer, aufgescheucht durch unser Nahen, das Weite. Dicht beim Dorfe sind mindestens zwanzig Vertreter dieser Sippe auf engstem Raume versammelt und lassen sich beim »Karussell« bewundern, das heißt sie jagen sich unermüdlich im Kreise herum, einer hinter dem andern.
Wir haben nun Weißig durchschritten und vor uns in einiger Entfernung liegen die Häuser von Roda im schönsten Sonnenschein. Dort, vor jener schiefergedeckten Scheune balzten die Trappen im vorigen Jahre. Jetzt also die Prismengläser zur Hand, und aufgepaßt! Aufmerksam durchforschen wir das Gelände. Nichts ist zu sehen von den stattlichen Vögeln. Also näher heran! Wir folgen der Straße nach Wildenhain. Von da haben wir die Felder vor Roda in günstigster Beleuchtung vor uns. Aller paar Schritte bleiben wir stehen, um die Gegend zu durchmustern. Endlich ruft jemand: »Dort sind sie.« In einer Bodentelle bewegen sich braune Gestalten und schneeweiße Flecken leuchten im Sonnenschein herüber. »Ja, jetzt habe ich sie auch.« So ruft einer nach dem andern. Was doch die Suggestion ausmacht! Keiner will’s glauben, als der Führer behauptet, das seien nur Rehe, deren Spiegel so hell leuchte. Endlich hat sich aber auch der letzte Zweifler überzeugen müssen, daß drüben elf »Feld«-Rehe an der jungen Saat sich gütlich tun und dabei hin und her treten. »Aber dort, weiter rechts, das sind Trappen.« Ja, das sieht doch ein wenig anders aus, als vorhin die Rehe. Dort stehen unsre größten einheimischen Hühnervögel. Ein Trapphahn in Balzstellung zeigt, den Kopf von uns abgewendet, den gefächerten Schwanz, unter dem das reine Weiß der Unterschwanzfedern wie ein Wattebausch hervorschimmert. Jetzt dreht er sich langsam um und über dem Braun der herabhängenden Flügel und des Rückens wird der graue Hals sichtbar. Mehrere Hennen, wesentlich kleiner als der Hahn, stehen und liegen um ihn herum. Nun ist das »Jagd-« oder besser »Beobachtungs«-Fieber erwacht. Wir müssen noch näher heranzukommen suchen. Auf Rainen und Feldwegen pirschen wir uns heran. Von Zeit zu Zeit tun wir einen Blick durchs Glas, dann geht’s weiter. Da streichen von Weißig her zwei Trappen heran, und jetzt entdecken wir immer mehr der großen Vögel. Einunddreißig Stück zählen wir mit Befriedigung, darunter auch noch einige Hähne, doch sie haben uns eräugt, und langsam ziehen sie von uns weg. Auf einem Umweg gelingt es uns noch einmal, auf einhundertfünfzig Meter heranzukommen, so daß wir den ganzen Trupp mit einem Blick überschauen können. Alle Einzelheiten können wir durchs Prismenglas erkennen: die grauen Hälse, die braunen Rücken, die schwarzgesäumten Flügel und den Backenbart der Hähne. Fürwahr, ein prächtiges Bild fürs Ornithologenherz und für jeden Naturfreund.
Doch die Trappen lieben es nicht, daß der Mensch sich so eingehend mit ihnen beschäftigt. Langsam machen sie kehrt und bewegen sich von uns weg, und als wir noch näher herangehen, da erhebt sich einer der scheuen Vögel nach dem andern. Ruhigen Flügelschlages geht’s fort. Ein Bild, nicht weniger wirkungsvoll als vorhin, so fünfundzwanzig der großen Flieger in dichtem Schwarm beieinander in der Luft zu sehen. Den Hals gerade nach vorn gestreckt, die Ständer nach hinten gelegt, so ziehen die schweren Vögel scheinbar mühelos dahin, den neugierigen Beobachtern zu entgehen, um nach kurzer Zeit wieder Fuß zu fassen.
Voll befriedigt verschnaufen wir ein Weilchen. Wir suchen noch die Stelle auf, wo vorhin der Hahn balzte. Dort liegen einige der großen schneeweißen Dunenfedern, die wir uns zur Erinnerung an die Trappenbalz mitnehmen.
Und während wir rasten, da erörtern wir das Thema, ob hier nicht eine lohnende Aufgabe für den Verein Heimatschutz wäre, diese einzigartigen »Hühnerstelzen«, die in solcher Zahl wohl nirgends mehr in Sachsen vorkommen, zu schützen. Denn es wäre jammerschade, sollte dieser Steppenvogel etwa ganz verschwinden. Doch ist wohl noch kein Grund für ein Eingreifen vorhanden. Die Zahl hat sich in den letzten Jahren immer auf derselben Höhe gehalten. Der Vogel weiß sich selbst am besten zu schützen. Seine Größe läßt ihn den Feind schon von weitem erkennen. Jetzt wo Klee und Getreide noch niedrig sind, kann man näher nicht herankommen als wir. Wenn dann gegen Ende Mai die Äcker kniehoch bewachsen sind, dann kann man sich wohl auf fünfzig bis fünfundsiebzig Meter heranschleichen, dann sind aber auch die Tiere viel schwerer zu entdecken. Und wie klug die Tiere sind, das konnten wir im vorigen Jahre beobachten. Zum Greifen nahe flogen sie über die arbeitenden Bauern und Pferde hinweg, während sie uns nicht näher heranließen als auf einhundertfünfundzwanzig bis einhundertfünfzig Meter. So kommt es, daß nur selten einmal eine Trappe zur Strecke kommt, wie erfahrene Jäger der dortigen Gegend versichern.
Unerwartet schnell hatte uns der Vormittag einen so guten Erfolg beschert, und da wir den Tag noch vor uns hatten und das Wetter gut war, so beschlossen wir, den Teichen zwischen Koselitz und Frauenhain im Norden unsres Gebiets noch einen Besuch abzustatten. Am Glaubitzer Pfarrbusch vorbei, über Radewitz strebten wir dem Höhenzuge zu, an dessen Fuße der Grödel-Elsterwerdaer Floßgraben von Süd-West nach Nord-Ost sich hinzieht. Die feuchten Wiesen wären so recht ein Gelände für den Brachvogel gewesen und die sandigen Äcker auf der Höhe für den Triel, aber keiner von beiden zeigte sich uns. Nur Kiebitze riefen uns im wuchtelnden Flug ihren Namen zu.