An windgeschützter Stelle wurde aus dem Rucksack ein »Promenadendiner« eingenommen, dann gings weiter in Richtung Koselitz. Ein Schnee- und Regenschauer erinnerte uns daran, daß der April noch am Ruder sei. Es war aber eine letzte, schüchterne Mahnung, denn ein wundervoller Nachmittag war uns noch beschieden. Allerhand boten uns noch die Koselitzer Teiche. Schwarz-, Rothals- und Haubentaucher, Bläßhühner, Stock-, Schell- und Tafelenten belebten die Wasserfläche. Die freudigste Überraschung bot uns aber der Neue Teich bei Frauenhain, als wir im Schilf Freund Adebar »herumstorchen« sahen. Als wir dann im Dorfwirtshause bei einem Schälchen »Heeßen« von den Strapazen der Wanderung uns erholten, da erfuhren wir, daß ein besetztes Storchnest im Dorfe vorhanden sei. Ein Besuch bei ihm sollte den würdigen Abschluß des so erfolgreichen Tages bilden. Im Garten hinter der Scheune von Nummer einundvierzig steht es auf einer hohen Eiche. Drei mächtige Äste, die schräg emporwachsen, bilden eine vorzügliche Unterlage für den massigen Horst. Frau Adebar saß – wie es schien brütend – darin. Und während wir schauen und uns berichten lassen vom Besitzer des Grundstückes, daß das Nest seit vierzig bis fünfzig Jahren immer besetzt gewesen ist, da kommt auch der Gatte herangestrichen, fußt auf dem Nestrande und verflicht einen mitgebrachten Zweig ins Gewirr der schon vorhandenen.

Lange stehen wir und freuen uns des in unsrer Heimat so selten gewordenen Anblicks und übersehen dabei auch die Spatzen nicht, die im Neste des großen Vettern ihre winzige Kinderstube aufgeschlagen haben.

In halbstündigem Marsch ist dann die Station Frauenhain erreicht, und rasch bringt uns das Berliner »Zügle« den heimischen Penaten zu. Die Fahrt gibt uns noch einmal Gelegenheit, zu überdenken, was uns an Schönem der Tag alles beschert hat.

Aus einem alten Stammbuche

Von Geh. Reg.-Rat Benno von Polenz

Vor mir liegt ein altes Stammbuch aus dem letzten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts. Es trägt den Titel

Denkmahl der Freundschaft
gestiftet von Christian Ferdinand von Reiboldt.
Reinsdorff 1772.

Die Einträge sind aus den Jahren 1772 bis 1777.

Christian Ferdinand von Reiboldt entstammte einem inzwischen ausgestorbenen vogtländischen Adelsgeschlechte, an welches noch jetzt die Ortsnamen »Reiboldsruhe« und »Reiboldsgrün« erinnern. Die Überlieferung berichtet, es habe früher »das halbe Vogtland« der Familie von Reibold (so schrieb sie sich zuletzt) gehört. Der Vater Christian Ferdinands besaß Reinsdorf, ein Gut in nächster Nähe von Plauen. Hier ist unser Christian Ferdinand im Jahre 1754 geboren worden. Den ersten Unterricht erhielt er von Haushofmeistern, wie es damals bei jungen Kavalieren der Brauch war. Es waren Kandidaten der Theologie. Ihre Namen sind am Schlusse des Buches verewigt. Sie haben sich bescheidentlich auf den letzten Blättern eingetragen, obwohl die Einträge der Zeit nach zu den ersten gehören. Christian Ferdinand hat dann (offenbar im Jahre 1773) die Universität Leipzig bezogen und dort seine Studien bis zum Jahre 1777 fortgesetzt.

Er hat – den Einträgen nach zu schließen – einen großen Bekanntenkreis gehabt. Wiegt zunächst der grundbesitzende Adel der näheren und weiteren Umgegend von Plauen vor, so treten von dem Augenblick an, wo Christian Ferdinand von Reiboldt nach Leipzig kommt, das Bürgertum und die gelehrten Kreise sowie die Studentenschaft in den Vordergrund.