Leipzig stand im achtzehnten Jahrhundert im Mittelpunkt des geistigen Lebens. Darum hatte Goethes Vater im Jahre 1765 mit solchem Nachdrucke verlangt, daß Leipzig die erste Universität sei, die sein Sohn besuchen solle. Allerdings waren inzwischen zwei der berühmtesten Professoren – Gottsched und Gellert – gestorben. Immerhin besaß Leipzig noch eine Anzahl von Männern, deren Namen einen guten Klang hatten, vor allem die Professoren Clodius und Ernesti, sowie den Singspieldichter und Jugendschriftsteller Weiße, einen der vertrautesten Freunde Lessings, der auch auf den jungen Goethe nicht ohne Einfluß gewesen war. Noch immer standen jedem Kunstbegeisterten die Kunstanstalten und die reichen Sammlungen Leipziger Bürger zur Verfügung. Noch immer war Leipzig der Mittelpunkt des deutschen Buchhandels und Buchgewerbes, wo die wichtigsten Erzeugnisse deutschen Geisteslebens gedruckt, verlegt und vertrieben wurden. Noch immer kamen bedeutende Leute von auswärts herbei, um für einige Tage oder Wochen die Luft Leipzigs zu atmen, denn die einmal geschaffene geistige Atmosphäre verflüchtigt sich nicht so leicht, um so mehr als die Abzugskanäle – Verkehrs- und Zeitungswesen – damals viel enger waren als heutzutage.
Neben Wissenschaft und Kunst blühte in Leipzig der gesellige Verkehr. Goethe hatte ihn selbst in reichem Maße genossen. In den Familien der großen Handelsherren, nicht zum wenigsten in denen der Buchhändler, waren Studenten, die sich dem Tone des Hauses anzupassen wußten, gern gesehene Gäste. Wie herzlich sich die Beziehungen Goethes zu der Familie des feinsinnigen Buchdruckers und Musikalienhändlers Johann Gottlob Immanuel Breitkopf gestaltet hatten, geht aus dem achten Buche von »Dichtung und Wahrheit« hervor. Weniger bekannt ist die Tatsache, daß Goethe, nachdem er Leipzig verlassen hatte, in brieflicher Verbindung mit der Familie Breitkopf blieb, hierbei den jüngeren Sohn mit »Bruder Gottlob« anredete und des älteren unter der gleichen Bezeichnung – »Bruder Bernhard« – gedachte[2].
Daß der Verkehr der Studenten untereinander sich gleichfalls immer in so gesitteten Bahnen bewegt habe, muß, wenn man sich die Szene in Auerbachs Keller vor Augen hält, billig bezweifelt werden. Immerhin wissen wir aus »Dichtung und Wahrheit«, daß auch innerhalb der Studentenschaft Quellen geistiger Anregung flossen.
Dies war die Umwelt auch unsers jungen Reiboldt. Die Einträge im Stammbuche reden eine deutliche Sprache. Der Zahl nach überwiegen naturgemäß die Einträge von Studenten. Aus allen Gegenden Deutschlands stammen sie. Aber auch Ausländer haben sich verhältnismäßig häufig eingezeichnet. Man würde sie nach ihrem Namen und nach der Art ihres Eintrags nicht immer als solche erkennen, wenn nicht viele der Einzeichner nach guter alter Sitte bei ihrem Namen die Heimat angegeben hätten. Wir finden Leute aus Holland, England, Dänemark, Schweden, Norwegen, Kurland, Livland, Estland, Polen und dem eigentlichen Rußland.
Von den Universitätslehrern haben sich eingetragen:
Der in Gottscheds Bahnen wandelnde Christian August Clodius, Professor der Philosophie und Poesie (Goethe hatte seine Vorlesungen besucht, ihn aber als Dichter nicht allzuhoch einzuschätzen gewußt und ein seine dichterischen Eigenheiten nachahmendes Spottgedicht verfaßt),
Johann August Ernesti, berühmter Philolog und Theolog (Goethe, dessen Sinn ursprünglich nach Göttingen stand, hatte sich mit Leipzig in der Erwartung abzufinden gewußt, daß er dort unter anderen auch Ernesti würde hören können),
Hofrat Johann Gottlob Böhme, Professor der Geschichte (hatte für Goethe den Studienplan aufgestellt, freilich ohne sich dessen Beifall zu erwerben; anderseits war »Madame Böhme« bemüht gewesen, dem jungen Studenten die für Leipzig unbedingt erforderliche Lebensart beizubringen),
Hofrat Carl Andreas Bel, Professor der Poesie und Universitätsbibliothekar,
Dr. Christian Rau, Professor der Rechtswissenschaft,