der Universitätsfechtlehrer (maître des armes de l’academie) Georg Gottfried Michaelis (Reiboldt vermerkt: »Einer der seltenen Edeln!«).
Ferner finden sich Einträge des schon erwähnten Jugendschriftstellers Christian Ferdinand Weiße, der im Hauptberufe Kreissteuereinnehmer war und sich als solcher eingezeichnet hat, sowie des Lustspieldichters Johann Friedrich Jünger, der allerdings damals noch studierte. Gleichfalls Student war zur Zeit seiner Einzeichnung C. F. Ludwig, offenbar Christian Ferdinand Ludwig, der Sohn jenes Hofrats Ludwig, bei dem Goethe zunächst seinen Mittagstisch gehabt hatte. Der Sohn wurde später Professor der Chirurgie und fruchtbarer Schriftsteller in der Heil- wie in der Pflanzenkunde, bei dem sich Goethe für seine Forschungen Rat holte. Zu den damals noch unentdeckten Gestirnen gehört ferner Wilhelm Becker, der sich im Oktober 1776 eingetragen hat. Er wurde 1795 Inspektor der Dresdner Antikengalerie und des Münzkabinets und erhielt 1805 auch die Aufsicht über das Grüne Gewölbe. Goethe erwähnt in einem Briefe an Schiller Beckers Schilderung des Tales von Seifersdorf, die durch Kupferstiche[3] erläutert in dem von Becker herausgegebenen »Taschenbuch zum geselligen Vergnügen« erschienen war. In diesem Zusammenhange muß auch eines Eintrags des Kunstschriftstellers und Generaldirektors der Sächsischen Kunstakademieen Christian Ludwig von Hagedorn gedacht werden. Goethe war ihm vorgestellt worden, als er im Jahre 1768 von Leipzig aus Dresden besuchte, und Hagedorn, erfreut über seine Kunstbegeisterung, hatte ihm persönlich seine Sammlungen gezeigt. Auch Reiboldt, der in so mancher Hinsicht auf Goethes Spuren gewandelt zu sein scheint, hat Hagedorn offenbar bei einem mehrwöchigen Besuche in Dresden kennen gelernt, den er während seiner Studienzeit ausführte.
Bemerkenswert ist, daß sich unter den Einzeichnern auch ein Schauspieler befindet, der zur Bondinischen Gesellschaft gehörende Friedrich Günther. (Der Besitzer des Buches kennzeichnet ihn in einem Randvermerke: »Einer der ersten deutschen Schauspieler im komischen Fach und ein braver Mann).« Das gesellschaftliche Vorurteil gegen die Schauspieler, unter dem noch die Neuberin (gestorben 1760) zu leiden hatte, war also damals doch schon stark geschwunden.
Daß Reiboldt auch in den Kreisen der Leipziger Bürgerschaft verkehrt hat, geht aus den Einträgen von Christoph Gottlob Breitkopf (dem schon erwähnten »Bruder Gottlob«) sowie seiner Schwester Konstantia (von ihren näheren Bekannten meist »Stenzel« genannt) hervor. Stenzel hatte seiner Zeit Goethes Vertraute bei seinem Liebeshandel mit Kätchen (Annette) Schönkopf gespielt und ist von ihm in der »Laune des Verliebten« verewigt worden, denn hinter den Schäfernamen dieses Stückes steckt niemand anders als auf der einen Seite Goethe selbst in seiner leidenschaftlichen Laune und das von ihm geplagte Kätchen, und auf der anderen Seite die muntere Stenzel und Goethes übermütiger Freund Horn. Stenzel hat sich im Jahre 1774 mit dem Dresdner Arzte Dr. Oehme verheiratet[4]. Reiboldt, der sie offenbar noch von Leipzig her kannte, hat sie, wie aus ihrem Eintrage hervorgeht, im Jahre 1776 in Dresden besucht. Dies und andere Umstände deuten darauf hin, daß der Verkehr Reiboldts im Breitkopfschen Hause sich nicht bloß auf gelegentliche Besuche beschränkt hat. Daß es auch damals noch lebhaft im Hause Breitkopf zuging, berichtet der Musikschriftsteller Reichardt im Jahre 1772:
»Das ansehnliche Breitkopfische Haus war ein sehr gastfreies, und mancher Abend wurde da unter frohen Spielen und lebhafter, witziger Unterhaltung durchlebt, bald mit Musik, bald mit sinnreichen und lustigen Aufführungen dramatisierter Sprichwörter. Man erzählte damals noch oft davon, wie Goethe wenige Jahre vorher in diesen Spielen geglänzt habe.« –
Ob Reiboldt ein Autographenjäger gewesen ist? Fast könnte man es vermuten, wenn man in seinem Stammbuch Einträge von Lessing, Goethe und Ramler findet. Billigerweise werden wir uns aber sagen müssen, daß die Bitte um einen Stammbucheintrag damals wohl auch dem Fernerstehenden nicht unbedingt verdacht wurde. Lessing hat sich am 20. Februar 1775 eingezeichnet. Er hat damals auf einer Reise von Berlin nach Wien in Leipzig Halt gemacht. Goethes Eintrag ist vom 31. März 1776. Er war damals von Weimar aus auf reichlich eine Woche herübergekommen, um sein geliebtes Leipzig nach der Studentenzeit zum ersten Male wiederzusehen. Wie dringlich es ihm mit diesem Besuche gewesen ist, geht daraus hervor, daß er erst seit dem 7. November 1775 in Weimar weilte! Ramlers Eintrag ist vom 22. Juni 1776. Ramler (damals Professor an der Kadettenanstalt in Berlin) galt als der Mann, der die deutsche Sprache am besten beherrschte. Trotzdem hat er nichts Eigenes, sondern einen Vers von Logau eingetragen. Lessings Eintrag ist ziemlich farblos. Er lautet ins Deutsche übersetzt: »Besser keinen Freund als einen oberflächlichen!« Viel bedeutsamer ist Goethes Eintrag: »Wer gern zu tun hat, dem gibt Gott zu schaffen!«
Daß Reiboldt zu dem Goetheschen Eintrage durch die Familie Breitkopf gekommen ist, halte ich nicht für unwahrscheinlich, denn Goethe hat bei seinem Besuche in Leipzig den oft gegangenen Weg zum »Silbernen Bären« sicherlich wiedergefunden. Die Einträge von Lessing und Ramler sind vielleicht durch Weiße vermittelt worden.
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Nach alledem werden wir annehmen dürfen, daß Christian Ferdinand von Reiboldt am geistigen Leben seiner Tage einen mehr als gewöhnlichen Anteil genommen hat. Er scheint aber auch ein Mann von gutem Geschmack gewesen zu sein, wenn anders wir aus der Gestaltung des Buches einen Rückschluß auf die Gesinnung des Besitzers ziehen dürfen.