Abb. 2 Georgenfeld bei Zinnwald
(aus den Vorarbeiten für den Bilderatlas zur Dresdner Heimatkunde von Weicker und Wiese)
Wir wenden uns nun dazu, die wichtigsten Formen (Typen) der Besiedlung in einzelnen Musterbeispielen zu betrachten. Da stehen am Anfang als Schützer und Schirmer des Grenzwaldes, der Pässe und der unbewehrten Siedler die Burgen. Manchmal freilich vergaßen ihre Inhaber auch ihre eigentliche Aufgabe und wurden zu Bedrückern derer, die sie schirmen sollten. Aus der nicht allzugroßen Zahl der Burgen des östlichen Gebirges hebe ich den Purschenstein und den Bärenstein hervor. Beide sind wichtige Ausgangspunkte der Kolonisation und Mittelpunkte eines umfänglichen Schutzgebietes, beide haben eine etwa siebenhundertjährige Geschichte hinter sich. Purschenstein war um 1220 auf einer über der Flöha liegenden Felsplatte erbaut worden. Schon Heinrich der Erlauchte brachte die Herrschaft Sayda-Purschenstein (vor 1287) durch Kauf in Meißnischen Besitz. Aber noch 1300 galt Purschenstein als Reichslehen; um 1324 war Purschenstein eine Zollstätte an der von Brüx und Ossegg nach Freiberg führenden Straße. 1352 kam die Burg an die Meißner Burggrafen aus der Familie Meinher, um 1400 an die Familie von Schönberg, die sie noch heute besitzt. Von dem ursprünglichen Mauerwerk der Burg ist nicht mehr viel übrig. Es ist wie die benachbarte Burg Sayda im Dreißigjährigen Kriege zugrunde gegangen. Nur Teile des Wallgrabens sind noch zu erkennen, und der jetzige runde Wartturm mag wohl auf den Grundmauern des alten Bergfrieds stehen. Die meisten Zimmer und Säle des geräumigen Schlosses stammen aus dem achtzehnten Jahrhundert.
Bärenstein ist eine viel kühnere Anlage als Purschenstein. Es liegt auf einem steil aus der schmalen Uferaue der Müglitz aufspringenden Felsen an einer leicht sperrbaren Stelle des Tals, und sein Baumeister hat wie der von Weesenstein das Mauerwerk mit dem gewachsenen Felsen zu einer untrennbaren Einheit vermählt. Trotzdem sind von der ursprünglichen Anlage nur Teile der Untermauerungen, die in den Stein eingeschnittenen Strecken des Burggrabens und die untersten Geschosse des Bergfrieds übrig. Merkwürdigerweise hat das Schloß keine durchgehende Unterkellerung; nur an einer dem Tal zugekehrten Stelle reichen die kleinen in Tonnenform überspannten Gewölbe ein wenig unter den gewachsenen Boden; sie bilden den Zugang zu dem jetzt verschütteten unterirdischen Gang, von dem unten im Müglitztale noch eine Strecke erhalten ist. Zu beiden Seiten dieses Ganges waren wohl, wie heute noch im Schönburgischen Schlosse Lichtenstein, kleinere Keller in den Felsen gesprengt, die jetzt unzugänglich sind. Der Palas, der die wichtigsten Zimmer enthält, kennzeichnet sich durch das jetzt wieder bloßgelegte geschnitzte und gemalte Gebälk als ein Bauwerk aus der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts, und als Bauherren nennen sich über einer vermauerten gotischen Außentür der herzogliche Rat: Doktor Bernstein und Elsa Pflugk mit der Jahreszahl 1522. Andere Bauteile des Schlosses, namentlich die oberen Geschosse des Turms, deren höchstes das Archiv enthält, scheinen in der heutigen Gestalt erst aus dem achtzehnten oder dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts zu stammen, der jetzige breite Treppenaufgang zum Palas ist erst aus dem zwanzigsten Jahrhundert.
Die Hauptlinie des großen Geschlechts von Bernstein, das einst fast das ganze Waldgebiet zwischen dem Oberlauf der Müglitz und der Weißeritz besaß und dieses herrliche Land der bäuerlichen Besiedlung und dem Bergbau erschloß, außerdem auch noch ansehnliche Güter in der Meißner und Pirnaischen Pflege erwarb, hat von seiner großen Unternehmung weder Lohn noch Dank geerntet. Gleich der erste Bergherr, Walzig von Bernstein, hat mit den streikenden Arbeitern, noch mehr aber mit den »Zinnern« von Altenberg und Geising und schließlich auch mit der Landesherrschaft viel Verdruß gehabt. Er mußte das zum Berg- und Hüttenwesen nötige Holz fast umsonst liefern und die wilden Schachtwässer größtenteils auf seine Kosten bewältigen, so daß bei seinem Tode 1489 sein ganzer Besitz an Erhart Müntzer verpfändet war. Von dem daraus folgenden wirtschaftlichen Zusammenbruch hat sich der Hauptzweig der Familie nie wieder ganz erholt: er ist nach tragischen Schicksalen 1638 mit Dam von Bernstein ausgestorben. Danach kämpften die überlebenden Glieder seines Geschlechts fast vierzig Jahre um die Behauptung ihrer Stammburg. Aber da sie die darauf lastenden Schulden nicht bezahlen konnten, kam keine neue Belehnung zustande, bis endlich Siegfried von Lüttichau auf Groß-Kmehlen, als Bruder der Witwe Dams, der Elisabeth Bernstein geborenen von Lüttichau, die Herrschaft sub hasta erstand und mit ihr 1678 belehnt wurde. Im achtzehnten Jahrhundert war Bärenstein in den Händen der Herren von Schönberg und der Grafen von Holzendorff. Am 2. März 1795 kaufte es die Gräfin von Bünau, eine geborene Gräfin Cossell, und diese verkaufte das Gut am 27. Januar 1816 an ihren Schwiegersohn, Hans Friedrich Curt von Lüttichau.
Der jetzige Besitzer, Siegfried von Lüttichau, hat viel für die Wiederherstellung, Erhaltung und innere Ausstattung des ehrwürdigen Bauwerks getan, so daß es jetzt zu den wohnlichsten und stattlichsten alten Herrensitzen des östlichen Gebirges gehört, zumal da es sich auch einen reichen Schatz künstlerisch und geschichtlich wertvoller Bilder ([Abb. 3]) und Urkunden bewahrt hat. Nach dem Städtchen Bärenstein zu ist es von gärtnerischen und landwirtschaftlichen Betrieben umrahmt, von der Talseite her aber gleicht es noch immer einer mittelalterlichen Burg, deren romantischer Zauber jeden gefangen nimmt, der ihr von Lauenstein her auf dem Fußwege des linken Müglitzufers naht.
Unter den Klöstern des östlichen Gebirges sind die drei Zisterzienserabteien Altzelle, Ossegg und Grünhain von besonderer Bedeutung. Den weißgekleideten, mit schwarzem Skapulier versehenen Ordensbrüdern wird mit Recht ihre tatkräftige und umsichtige Fürsorge für die Bodenkultur nachgerühmt. Sie wurden deshalb meist dorthin berufen, wo es darauf ankam, Kolonisationsarbeit zu organisieren und durchzuführen. Außerdem waren sie Meister im Kirchenbau und, wie die Altzeller Urkunden beweisen, sehr für den Bergbau eingenommen. Als der Königliche Kämmerer Zlauko sie in Ossegg (zu deutsch »Gehau«) ansiedelte, war außer der Sorge für sein Seelenheil der Hauptgesichtspunkt wohl der, daß das Kloster ein wirtschaftlich leistungsfähiger Stützpunkt für die geplante Verbindung mit der mächtig aufblühenden meißnischen Bergstadt Freiberg werden sollte. Denn Ossegg liegt gerade an der Schwelle der Straßen, die aus dem Dux-Brüxer Becken über Langewiese–Fleyh–Cämmerswalde–Clausnitz–Mulda und über Oberleutensdorf–Johnsdorf–Einsiedel–Neuhausen–Sayda nach Freiberg führen. Zum Schutz des Klosters und der Straßen hatten die Hrabieschitz (Grabisse, das ist die Familie, aus der die oben erwähnten Zlauko und Borso abstammten) die Riesenburg da, wo der steile Aufstieg zum Gebirgskamm beginnt, vor 1250 erbaut. Sie nannten sich seitdem mit dem deutschen Namen: Herren von Riesenburg. Ihr trotziger Bergfried steht noch heute wie ein Wächter am Eingange zu dem mühseligen Saumpfad, der nach Langewiese emporführt.
Abb. 3 Schloß Bärenstein mit dem Städtlein und dem Dorf Bärenstein nach einer Zeichnung von H. Chr. Rößler, Schulmeister und Organist 1684. Die anderen Namen bezeichnen Schächte und Stollen der Umgegend von Bärenstein. Das Original ist im Besitz des Herrn Siegfried von Lüttichau auf Bärenstein
Die Abtei Ossegg entwickelte sich durch die Gunst des Königshauses und des deutsch-böhmischen Adels sowie durch eigene Tüchtigkeit zu einer ausgedehnten Grundherrschaft. Im Jahre 1397 hat der Wettiner Markgraf Wilhelm I., der schon Brüx und Laun im Pfandbesitz hatte, auch die Herrschaft Riesenburg mit Dux und Ossegg, deren Gebiet auch die meißnischen Dörfer Rechenberg, Clausnitz, Cämmerswalde, Nassau, ja sogar Ammelsdorf und Hartmannsdorf bei Frauenstein umfaßte, von Borso VI. von Riesenburg für vierzigtausend Mark Silber gekauft. Ein Menschenalter später wurde das Kloster Ossegg von den durch Hussens Lehre fanatisierten Tschechen mit Feuer und Schwert verwüstet und 1459 im Vertrag von Eger samt Brüx, Laun, Dux und der Riesenburg an Böhmen zurückgegeben, dafür aber wurde an anderen Stellen die böhmische Grenze zugunsten der sächsischen zurückgeschoben. Im Jahre 1580 wurde unter dem Einfluß der lutherischen Reformation auch das Stift Ossegg aufgehoben, aber im Zeitalter der Gegenreformation 1624 wiederhergestellt. So kommt es, daß die ursprünglich romanischen Gebäude des Klosters heute in ausgesprochenem Barockstil vor uns stehen. Namentlich die Klosterkirche ist durch die feinen, wiewohl etwas überladenen Stuckarbeiten berühmt. Die Zisterzienser, die man beim Gottesdienst auf den schön geschnitzten Chorstühlen sitzen sieht, sind alte Herren, die hier als Ruheständler ihren Lebensabend verbringen, die jüngeren Glieder des Orden versorgen auswärts kirchliche Ämter oder wirken als Professoren an den Gymnasien von Leitmeritz und Kommotau.