Das Schönste in Ossegg ist die herrliche Aussicht, die man von den großen Fenstern des Speisesaals und vom Klostergarten auf die geschlossene dunkle Waldwand des Erzgebirges und anderseits auf die abwechslungsreich geformten Bergkuppen des Mittelgebirges genießt. Das Stift Ossegg besaß bis zum Ende des Weltkrieges durch verpachtete Ländereien und durch ausgeliehene Kapitalien auch einen bedeutenden wirtschaftlichen Einfluß auf weite Landstrecken am Südfuße des Erzgebirges. Wie sich dort jetzt die finanziellen Verhältnisse gestaltet haben, das entzieht sich unserer Kenntnis.

Von den ländlichen Siedlungen, die durch Burgen geschützt, durch Klöster gefördert werden sollten, ist der Einzelhof die kleinste. Ein solcher Einzelhof, das Forstgut, bildet die Urzelle des ehemaligen Waldarbeiterdorfes, jetzigen Kurortes Oberbärenburg. Christof von Bärenstein hat das Forstgut angelegt, indem er eines Tages (um 1515) mit seinem Heger auf diese luftige, aussichtsreiche Waldplatte hinaufritt, die Rodung abstecken und innerhalb derselben die quadratische Hofraite für das Vorwerk »Neubau« ausmessen ließ. Die Rodung wurde in Wiesenland verwandelt und wie eine bayrische Alm mit Rindern betrieben, die hier und auf anderen Waldwiesen ihren reichlichen Weidegang fanden. Als das Vorwerk ausgebaut war, wird das Vieh auch im Winter dageblieben sein. Kaspar von Bärenstein verkaufte das Vorwerk 1613 an den Kurfürsten Johann Georg I., damals gehörten nicht weniger als zweitausendsechsundvierzig Acker Wald dazu. Später wurde es der Sitz eines »Forstknechtes« (Förster), und über die ganze große Waldwiese verstreut erhoben sich die Einhäuser der Waldarbeiter, jedes inmitten des dem Besitzer zugewiesenen Landes. In dieser Gestalt war mir Oberbärenburg vor vierzig Jahren der liebste Ort des ganzen östlichen Gebirges. Das machte die erquickende Stille und der entzückende Ausblick hinunter in die nahen Waldschluchten, hinüber zu den blauen Tafelbergen des Sandsteingebirges und hinaus in die fernen Täler der Menschen, aus denen auch im Sommer nur selten ein Laut oder ein Ruch oder Rauch in diese reinen Höhen heraufdrang. Jetzt ist es anders: nur sechs Waldbauern sind hier im Besitz ihrer Scholle geblieben; das andere Gelände ist aufgeteilt und mit neuzeitlichen Landhäusern und Fremdenheimen besetzt. Um Dolzes »Berghotel« sammelt sich im Sommer ein ganzer Park von Kraftwagen, Benzolgeruch streift über die blumigen Wiesen und die Hupe schreckt das Wild aus den entlegensten Schlupfwinkeln. Wohl stehen als Zeugen der alten Zeit noch einige schlichte Fachwerkbauten mit der Linde vor der Tür, unter denen sich die »Urselhütte« durch den Zahnschnitt des Gebälks als die älteste darstellt, aber sie ist doch nur ein junges Ding gegen das alte Forstgut. Seine schlichte Anmut wußte auch ein König zu schätzen. Friedrich August II., der Pflanzenfreund, war im Frühling tagelang hier oben, um das Wachstum der Orchideen auf den Bergwiesen zu beobachten, und jeden Abend um neun Uhr ließ er eine Rakete steigen, um seiner in Pillnitz weilenden Gattin den Gutenachtgruß zu bieten. Noch ist das schlichte Königszimmer erhalten. Eine hohe Steinmauer trennt das Anwesen wie etwas Wesensfremdes von der heutigen Welt, und ein milder Segen ruht auf der umfriedeten Scholle: ich sah in dieser Höhe (siebenhundertdreiundsiebzig Meter) dunkelrote Kirschen und rotbäckige Äpfel über den Mauerrand nicken.

Von der benachbarten Waldhöhe aus sieht man den langgestreckten sargähnlichen Rücken des Kahleberges, und ihm zu Füßen weiß ich im Walde versteckt eine noch einsamere Siedlung als das Oberbärenburger Forstgut ehedem war: die Paradies-Fundgrube. Sie ist der oberirdische Rest einer bergmännischen Anlage, auf der einst im Zusammenhang mit dem Altenberger Bergbau Zinn- und Kupfererz gewonnen wurde. Aber es ist lang her, daß hier der letzte Steiger den »verbrochenen Schacht« befuhr. 1873 hat der Staat das verlassene Grubengebäude gekauft und meist dazu verwendet, einem Forstinvaliden Wohnung zu gewähren – freilich eine weltabgeschiedene Wohnung in einer fast märchenhaften Waldeinsamkeit. Als ich vor langen Jahren einmal vor einem herbstlichen Dauerregen, der mich unter den Wetterfichten des Kahlebergs bis auf die Haut gepeitscht hatte, im »Paradies« Unterschlupf suchte, bewohnte es eine behagliche alte Frau, die mir auf der Ofenbank unter dem Ticken der Schwarzwälder Uhr und beim Schnurren der großen Katze allerhand gruselige Geschichten erzählte. Am gruseligsten war der Einbruch in der Novembernacht, wo sich schon das Bein des Einbrechers über den Fensterstock schob, als die Frau gerade noch aus dem warmen Bette durch die Tür entwischte. Sie rannte nach Altenberg, um Hilfe zu holen. Auf vieles Bitten kam endlich der Nachtwächter mit hinaus und indem er selbst vor Angst schlotterte, schob er den Spieß in die dunkle, kleine Flur mit den herzhaften Worten »Alle guten Geister loben Gott den Herrn«. In der Stube aber fand man den Einbrecher laut schnarchend im Bett. Es war ein Bauer aus der Umgegend, der seinen Kirmesrausch ausschlief.

Der letzte Insasse des Paradieses, der »alte Walther«, machte sich bei der Ausübung einer kleinen Gastwirtschaft einen Namen durch seine naturwüchsige Grobheit. Wehe dem Gaste, der etwa, während die Wirtin in Altenberg Einkäufe besorgte, einen Kaffee zu bekommen wünschte. Ich habe selbst diese Erfahrung gemacht, als ich einmal für meine durch eine größere Wanderung ermattete Frau beim alten Walther eine solche Herzstärkung bestellte und mich nicht gleich von der Unmöglichkeit, den Wunsch zu erfüllen, überzeugen ließ. Mit zwei kurzen Sätzen gelangte der Biedere zur Schlußformel, und diese lautete: »Ner naus, ner naus!« Es ist schon manches Jahr her, daß der alte Walther seine langen Glieder in dem steinigen Grunde des Altenberger Friedhofes zur Ruhe gestreckt hat, aber ich stehe mit ihm immer noch in Verbindung. Denn die Säge, mit der ich mein Buchenholz schneide, habe ich aus seinem Nachlaß erworben. Ihr Bügel ist eckig und knorrig, wie ihr ehemaliger Besitzer, aber ihre Seele, das heißt ihr Blatt, ist scharfkantig und tüchtig. Hoffen wir, daß des alten Walthers Seele auch so gewesen sei. Jetzt ist das »Paradies« an die Dresdner Rudergesellschaft »Neptun« als Sporthaus vermietet. Aber schon hat sich eine Aktiengesellschaft gebildet, um hier den einst auf Zinn und Kupfer betriebenen Bergbau wieder aufzunehmen. Es wird die Aufgabe des Heimatschutzes sein, achtzugeben, daß dabei die unentweihte Schönheit der Abhänge des Kahlebergs, der Galgenteichwiesen und der Umgebung der Paradies-Fundgrube nicht Schaden leide. Die ganze Herrlichkeit dieses Gebietes ist mir am 13. Januar, an einem hellen Wintersonntag, von neuem vor Augen gestellt worden. Ich wanderte von Hirschsprung aus über dieses Waldrevier nach Schellerhau. Über den blauen Himmel jagt der Südsturm durchsichtiges Gewölk, das sich als lichtdurchfluteter Nebel in die Täler senkt. Das gibt der ganzen Landschaft eine magische Stimmung. Von Kölners Vorwerk an bläst der Sturm mit Trompetenstößen gegen den kleinen Bannwald, der die Forstmeisterei und die Dorfgasse schirmt. Wohl ächzen die Fichten und beugen sich in beängstigendem Rhythmus vor dem wilden Riesen, aber sie halten Stand. Dann nimmt uns der gutausgeschaufelte Wettinweg in seine sonst dunkelgrünen Arme. Aber auf deren Gewand ist heute soviel Silber und bauschige weiße Seide versponnen, daß man den grünen Grund kaum noch erkennt. An den Ecken und Biegungen des Wegs, wo der Rauhreif angreifen konnte, stehen die hohen Würdenträger des Waldes wie die Cherubim der Gottheit; ihre weißen Rüstungen und silbernen Schwerter glitzern im Sonnengold. Wir überschreiten die Dresden–Teplitzer Straße und biegen nach einer kurzen Strecke links ab auf Schneise 31, die uns in schnurgerader Richtung zum Paradiese führt. Dann gehen wir zum Schellerhauer Wege zurück an der Stelle vorüber, wo sich der Neugraben von dem jungen Weißeritzflüßchen trennt, ([Abb. 4]) und senken uns mit ihm zur »Schinderbrücke« nieder ([Abb. 5]). Hier öffnet sich nach links hin der Blick auf den langgestreckten Kahleberg, den aus Schneewolken dampfenden Altar der großen Winterkirche, dem wir denselben Gruß gönnen dürfen, mit dem einst der jugendliche Goethe den Brocken grüßte:

Du stehst mit unerforschtem Busen

geheimnisvoll offenbar

über der erstaunten Welt

und schaust aus Wolken

auf ihre Reiche und Herrlichkeit.

In der Tat, von allen Seiten her ziehen die Skifahrer heran, um dem höchsten Gipfel des östlichen Gebirges zu huldigen und von seinem »schneebehangenen Scheitel« herunterzuschauen in die goldenen Nebel, die südwärts in die Tschecho-Slowakei, nordwärts ins Deutsche Reich hinunterwallen. Meist still und gelassen ziehen die Verehrer der winterlichen Schönheit ihre Bahn; heute sind es Hunderte, die den Dunst und den Ruß der Städte mit der lichtdurchfluteten Klarheit und Reinheit dieser Höhen vertauscht haben. Heil ihnen! Rechts unter uns aber schlummert das Dorf ([Abb. 6]) mit seinen weithin verstreuten Höfen und Einhäusern in weiße Schleier gehüllt, und beim Heimwege leuchtet vom dunkelblauen Himmel die flimmernde Sichel des Mondes, aber noch viel heller das blau zitternde, zackige Sternbild des Sirius.