Abb. 4 Seitlicher Abfluß (links) vom Neugraben (eine »Quelle« der Roten Weißeritz)
(aus den Vorarbeiten für den Bilderatlas zur Dresdner Heimatkunde von Weicker und Wiese)
Die Übergangsform vom Einzelgehöft zum eigentlichen Dorf bildet der Weiler. Das ist eine so kleine ländliche Gemeinde, daß sie keine selbständige Behörde besitzt, sondern rechtlich einer größeren Nachbargemeinde angegliedert ist. Beispiele dafür sind Bärenklau und Bärenhecke an der Müglitz (zwischen Bärenstein und Schüllermühle). Ihre Namen beweisen nichts für das einstige Vorkommen von Bären in diesem Tal, sie hängen vielmehr mit dem Wappentier des kolonisierenden Burgherrn (von Bärenstein) zusammen, sind also heraldischen Ursprungs. Weit zahlreicher sind die ansehnlichen, wohlhäbigen Dörfer ([Abb. 7] u. [8]) des östlichen Gebirges, zumeist Reihendörfer aus der ersten Periode der Siedlung.
Abb. 5 Die Schinderbrücke bei Schellerhau im Tal der Roten Weißeritz (1790)
(aus den Vorarbeiten für den Bilderatlas zur Dresdner Heimatkunde von Weicker und Wiese)
Ein typisches Reihendorf Bärensteinischer Gründung ist Johnsbach, benannt nach einem Siedlungsordner (Locator) Jonas, der von dem Grundherrn für seine Mühewaltung das Amt des Erblehnrichters mit einer Doppelhufe nebst dem Schank- und Fleischverkaufsrecht erhielt. Sein Anwesen ist in dem Lehngerichtsgasthof erhalten. In der Mitte des Ortes liegt die 1749 neuerbaute Kirche. Die Gehöfte von Johnsbach liegen zu beiden Seiten des der Prießnitz zueilenden Baches und der ihm folgenden Straße und bilden die Ausgangspunkte der Hufen, die in gleichlaufenden Streifen wie die Federn zweier ausgespreizter Flügel nach zwei Seiten hin die sanften Böschungen des Tales hinaufstreifen bis an den Wald. Die bei dieser Fluraufteilung angewendete Waldhufe (54 Scheffel = 27 Acker = 15 Hektar) »vermag sich in ihrem oft gewundenen Lauf den Unebenheiten des Bodens am leichtesten anzupassen. Sie gewährt zugleich Anteil an der fetten Wiesenaue, dem fruchtbaren Abschwemmungsboden der Gehänge und dem steinigen Land der Bergkuppen«. (Hennig).
Abb. 6 Am Butterfaß (in Schellerhau)
(aus den Vorarbeiten für den Bilderatlas zur Dresdner Heimatkunde von Weicker und Wiese)
Die Johnsbacher Talmulde beginnt etwa fünfhundert Meter hoch noch im Gebiet des Gneises und zieht sich etwa drei Kilometer lang aufwärts einer Bergkuppe entgegen, die schon mit Granitporphyr überdeckt ist (sechshundertfünfunddreißig Meter). Hier stoßen an die Johnsbacher Flur die Äcker von Falkenhain, die völlig auf Granitporphyr liegen. Dieses geologische Verhältnis drückt sich auch in der Siedlung aus: Falkenhain zeigt eine Mischform von Reihendorf und Streusiedlung. Wandern wir auf der alten Dresden–Teplitzer Poststraße über Hirschsprung und Altenberg ([Abb. 9]–[12]) weiter südwärts, so erreichen wir in Sächsisch- und Böhmisch-Zinnwald die größte und anziehendste Streusiedlung des östlichen Erzgebirges. Auf dieser seit Jahrhunderten durch bergmännische Rodung von Wald entblößten Hochfläche bot kein Bach den Ansiedlern die Leitlinie: regellos, wie sie die Aussicht, Quellwasser oder eine leichter zu behackende Humusschicht zu finden, oder den Schutz einiger stehengebliebener Bäume zu genießen, anlockte, so bauten sich die Berghäuer und Schmelzer auf diesem nebelumwallten, sturmgepeitschten, und doch im Sommer mit bunten Blumen geschmückten Wiesenboden an. Bei ihren schmucken Häuschen ist der Hauptteil das eisenbraun oder silbergrau verwitterte, schindelbewährte Dach, das sich, vier- bis fünfmal so hoch als das Mauerwerk, wie ein schirmender Doppelschild über das niedrige, weißgetünchte Bruchsteingeschoß niedersenkt. Es blieb Erich Buchwalds Zeichenstift und Radiernadel vorbehalten, den Rhythmus der in und über diesem kargen Gelände waltenden Kräfte zu entdecken und in seinen Bildern festzuhalten. Auch die von Professor Kühne entworfene und von ihm und Lossow ausgeführte evangelische Kirche in Sächsisch-Zinnwald, die sich mit breiten Füßen und gedrungenen Formen im Felsboden festklemmt wie ein Faustkämpfer, der den Anprall des Gegners erwartet, wirkt wie eine Verkörperung der ernstgestimmten Landschaft, die uns umgibt.