Gottleuba liegt hinter uns; an der alten Postsäule vorbei haben wir den südlichen Ausgang erreicht, wo zwischen altem und neuem Friedhof der Fuhdebach sein Tal schlängelnd durchzieht. An der großen Heimatschutztafel, die den Naturschutzbezirk Östliches Erzgebirge verkündet, machen wir Halt. ([Abb. 1.])

Die sanfte Talmulde vor uns trug einst die Hufen eines deutschen Walddorfes, namens Erdmannsdorf, das schon im Jahre 1379 vom Böhmenkönig Wenzel an Thimo von Colditz verpfändet worden war. Im Hussitenkriege scheint das Dorf untergegangen zu sein; seine »wüste Mark« ist später in die Gemeinde Gottleuba einverleibt worden. Ein weißmarkierter Fahrweg kreuzt das Tal und führt über den Hackhübel nach der Ölsener Höhe und links am Sattelberg vorüber nach Schönwald–Nollendorf–Kninitz–Kulm. Ein uralter Verbindungsweg, der vom Elbtal bei Dohna nach Aussig und Prag führte, vielleicht ein Teilstück des »Kulmer Steiges«, der schon vor einem Jahrtausend strategische und verkehrspolitische Bedeutung hatte! Zu unserer Linken zieht eine ältere Talstraße (flankiert von zwei neuen Autostraßen) im »Leichengründel« aufwärts zum Sandsteinplateau des Wachsteines. Hier wurden die Leichen aus Hellendorf zum Gottleubaer Friedhof gebracht – der geschichtlich wohlbegründete Name ist heute durch das empfindsamere, aber nichtssagende »Mariengründel« ersetzt. Mit steiler Wand bricht der Wachstein gegen das Gehänge des Fuhdetals hin ab. Ein Teil des Plateaus führt den Namen »Wüstes Schloß«. Was man heute als Mauerreste einer Burg deutet, sind natürlich »gewachsene« Sandsteinquader – aber warum soll die Überlieferung nicht recht haben, daß hier oben einst eine Burg gestanden hat, die nicht nur den »Kulmer Steig«, sondern auch die über »Vierzehn Nothelfer« nach Peterswald führende Straße beherrschte?

Abb. 1 Heimatschutztafel: Naturschutzbezirk »Östliches Erzgebirge«
(Die Tafel mußte aus praktischen Gründen an dieser Stelle aufgestellt werden, ein vorbildlicher Aufstellungsort ist es nicht)

Wir gehen die rechte Autostraße bergan bis fast zur Wasserscheide, wo von Süden her ein Wald heranzieht. Die »Katrine« heißt er auf der Forstkarte. Vielleicht lag hier einst eine Kapelle in einem alten Bergbaugebiet; denn schon 1478 gewährten Kurfürst Ernst und Herzog Albrecht den »gewercken zu Ertmanstorff zcu sanct Katherin bey der Gotlouben« auf sechs Jahre Münzfreiheit[4]. Am Waldrande führt ein stellenweise quelligfeuchter Fußpfad südwärts, dem Hutstein zu. »Hutschken« steht auf der neuen Spezialkarte – eine mundartliche Form wie Wolfschken für Wolfstein bei Markersbach. Wir halten uns links vom Waldzipfel und erreichen am Ende einer hübschen Lärchenallee die von Ölsen nach Hellendorf führende Fahrstraße. Unser Weg kreuzt diese und führt durch Hochwald mit zahlreichen Bergbauhalden schließlich links abwärts ins Wiesental des »Dürrenbaches«. Wo wir die Talstraße erreichen, ist links am Wege eine größere Halde, rechts ein Stollenmundloch. Oben auf der Höhe neben dem »Apothekerborn« hat man vielleicht schon vor Jahrhunderten nach Silber gegraben. Im Jahre 1860 fing eine Gewerkschaft im Gebiete der alten Halden aufs neue an, die »Gotteszeche« abzubauen. Man legte einen zwanzig Meter tiefen Schacht an, fand auch Arsenkies und Schwefelkies. In der Hoffnung, daß in größerer Tiefe reichere Schätze der Ausbeutung harrten, trieb man 1861–1885 vom Tal aus den »Tiefen Gotteszecher-Stollen« dreihundertsechzig Meter tief in das Gneisgebirge, setzte auch den Schacht weiter fort. Aber 1885 kam die Grube zum Stillstand, nachdem man ganze acht Zentner Erz mit anderthalb Kilo Silber ausgebracht hatte[5].

Neben der Halde ragt eine prächtige Zottelfichte empor. Unter ihr steht eine neue Bank; zwei Schilder künden, daß dieser Platz »unterm Heimatschutz« steht und »Karl Schmidt« zum Andenken geweiht ist. ([Abb. 2.]) Fürwahr ein stimmungsvolles Denkmal für den Mann, der unserem Sachsenvolk den Heimatschutzgedanken gebracht und unseren »Landesverein« gegründet hat! Unmittelbar neben der Bank bildet eine Brücke den Eingang in den »Naturschutzbezirk Bienhof«, dessen Sicherung eine der letzten Taten Karl Schmidts gewesen ist.

Ein entzückendes, einsames Tal! Die breite Wiesenaue wird begleitet von zwei steil aufsteigenden Waldhängen. Links oben bildet der Waldsaum gleichzeitig die Landesgrenze; rechts reicht der »Cratzaer Wald« bis hinab in das feuchte Wiesenland und einige Prachtexemplare von Einzelfichten bezeichnen die Reviergrenze. ([Abb. 3.]) Hinter Buschwerk oft versteckt, murmelt der forellenreiche Bach; die Straße pendelt behaglich hin und her, bis endlich im Vordergrund eine Häusergruppe sichtbar wird: Hammergut Bienhof ([Abb. 4]). Das kleine »Zechelgut« mit seiner Scheune grüßt uns zuerst. Vornehm zurückgezogen ragt dahinter die steildachige Jagdvilla auf, die auf dem Grunde eines zweiten Gutes erbaut ist. Nur die alte Scheune mit ihrem bemoosten Strohdach, bewacht von einem knorrigen Eichbaum und einer Zypresse ist von jenem Gute noch erhalten, leider verschandelt das Zerrbild eines Bienenhauses mit vielgliedrigem Schieferdach das schöne Gesamtbild!

Abb. 2 Zottelfichte und Karl-Schmidt-Bank Zum Gedächtnis an den Gründer des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz

Jenseit der Straße steht das Hauptgut. Ein alter vermauerter Torbogen zeigt den früheren Eingang in das damals mit Schankgerechtigkeit begabte Grundstück. Auf der Rückseite des Hofes steht eine Scheuer mit nordisch anmutenden Bauformen. Sie ist ein Neubau – aber nach dem Muster der früheren Scheune wiederhergestellt. Oberhalb des Hammergutes kreuzt ein Weg das Tal, der von Ölsen herabkommt und über die böhmische Grenze – am Schwarzen Kreuz vorüber – nach dem langgestreckten Industriedorf Peterswald führt. Schon mancher sächsische »Finanzer« hat im Gebiete dieses Weges seinen verdrießlichen Kleinkrieg gegen Schmuggler und Schieber ausgefochten!