Naturschutz im östlichen Erzgebirge

Von Georg Marschner, Dresden

Mit der ersten Besiedelung unseres Heimatlandes hat eine auch heute noch anhaltende Verschiebung in der Bodennutzung eingesetzt. Die zunehmende Besiedelungsdichte und der hieraus sich ergebende wirtschaftliche Zwang haben den von der ursprünglichen Vegetation eingenommenen Raum zugunsten der Kulturgewächse immer kleiner werden lassen. Die Befürchtung, in unserem hochkultivierten Sachsenlande drohe die Zeit herbeizukommen, in welcher von natürlichen Pflanzenformationen überhaupt nicht mehr die Rede sein könne, hat seine volle Berechtigung.

Es ist ein Stück Kulturgeschichte von ganz besonderer Bedeutung, wenn sich dem Kundigen der unaufhaltsame, eherne Gang kultureller Fortentwicklung in der zunehmenden Verarmung unserer Heimatnatur offenbart. Und wenn heute in den schicksalsschweren, dunkelumhüllten Gegenwartstagen die letzten grünen Inseln ursprünglicher Natur im brandenden Kulturmeere, dem gewaltigen Drucke wirtschaftlicher Not zum Opfer zu fallen drohen, wenn die zunehmend in Erscheinung tretende Gepflogenheit, alle Naturprodukte in Geldeswert umzusetzen, das Schicksal ererbter und von Generationen gehüteter Zeugen erdgeschichtlicher Entwicklung besiegeln, dann wird auch im Sonnenschein späterer Zeiten opferbereites, emsiges Schaffen kommender Geschlechter, nicht mehr das Verlorene ersetzen können.

Die Schwierigkeiten, welche sich dem Bestreben, einzelne Naturobjekte oder räumlich beschränkte Landschaftsteile als Standorte seltener oder charakteristischer Pflanzen, als Zufluchtsstätten bedrängter und bedrohter Tiere oder als Dokumente aus weit in der Vergangenheit zurückliegenden Entwicklungsperioden der Erdoberfläche zu erhalten, sind heute außerordentlich groß. Sie vervielfachen sich mit dem zunehmenden Umfange solcher Schutzgebiete und werden fast unüberwindlich, wenn größere Landesteile aus pflanzen- und tiergeographischen oder geologischen Gesichtspunkten heraus, als einheitliche Naturschutzgebiete angesehen werden müssen.

Ein solches Gebiet ist das östliche Erzgebirge. Hier häufen sich die einzelnen, des Schutzes bedürftigen und der Erhaltung würdigen Naturobjekte botanischer, zoologischer und geologischer Art in so reichem Maße und stehen in so innigen Beziehungen zueinander, daß ein wirksam durchgeführter Naturschutz sich auf das ganze Gebiet erstrecken muß.

Alle Kenner wußten es längst, daß das östliche Erzgebirge der an Umfang bedeutendste Teil unseres Heimatlandes ist, welcher trotz ausgedehntester Bodenkultur noch eine der Ursprünglichkeit nahekommende Pflanzendecke, mit vielen sonst sehr gering verbreiteten und blütenschönen Arten trägt. Auch der Tierwelt ist das östliche Erzgebirge an einigen Stellen eine sichere Herberge geblieben, wo sich ihre der Kultur ausweichenden Vertreter im Haar- und Federkleide bis heute erhalten konnten[1]. Welche Bedeutung aber diesem Teil unseres Vaterlandes als Zeugengebiet erdgeschichtlicher Vergangenheit zukommt, hat Professor Dr. Wagner an anderer Stelle eingehend behandelt.

Abb. 1 Geschützte alte Hauslinde in Oelsen Besitzer Gutsbesitzer Martin Böttger in Oelsen
Aufnahme von Georg Marschner, Dresden

Das in einem so umfänglichen, an erhaltenswerten Naturvorkommnissen so reichem Gebiete nicht mit den bisher angewendeten Mitteln allein, wie Kauf, Pacht, Vertrag, ein ausreichender Naturschutz durchgeführt werden kann, ist im Hinblick auf die dichte Besiedelung und auf die Not der Gegenwart ohne weiteres verständlich. Es kamen deshalb für den Naturschutz im östlichen Erzgebirge nur Maßnahmen in Frage, welche auf breitester Grundlage aufgebaut, ohne Anwendung eines irgendwie gearteten Zwanges und ohne Aufwendung erheblicher Geldmittel zu sicherem Erfolge führten.