Abb. 10 Steinrücken-Landschaft bei Rückenhain
Aufnahme von Georg Marschner, Dresden

Im Osten zeigt sich das Erzgebirge schärfer begrenzt. Hier erheben sich hinter den bewaldeten Felsmauern der Raitzaer und Tyssaer Wände die Sandsteinklötze der Sächsischen Schweiz, beherrscht von dem breit hingelagerten hohen Schneeberg.

Und nun wenden wir den Blick nach Süden. Welcher Gegensatz! Kein scharfzackiger Kamm krönt das Gebirge; aber steil senkt sich der von zahlreichen rauschenden Bergbächen zertalte Waldhang hinab zur böhmischen Senke. Und unten rauchen die Schlote der Kohlenschächte, blitzen die Spiegel der Teiche, und dazwischen dehnt sich die reich angebaute Fruchtebene, bis sie sich anschmiegt an die Schar ehemaliger Feuerberge, die das Böhmische Mittelgebirge aufbauen. In diesem Gegensatz zwischen greisenhaften und jugendlichen Formen, zwischen uralter Rumpffläche und jungem Abbruch liegt ein Hauptreiz unserer Kammaussichten.

Abb. 11 Stadt Geising, vom Fuße des Geisingberges gesehen
Rumpffläche mit flacher Talmulde
(Aus den Vorarbeiten für den Bilderatlas zur Dresdner Heimatkunde von Weicker und Wiese)

Aber sie erschöpfen das Gesamtbild des Erzgebirges nicht. Wir müssen unsern Standpunkt wechseln, um noch eine Wesensseite kennen zu lernen, die dem schönheitsuchenden Wanderer gerade am reizvollsten erscheint: die tiefeingeschnittenen Täler des Nordhanges. Als der Gebirgssockel sich in geologisch nicht weit zurückliegender Vergangenheit erneut schräg stellte, als die Flüsse ihre Sägearbeit verstärken konnten, da fraßen sie sich – vom Unterlauf angefangen – allmählich bergwärts in die alten felsigen Talmulden ein. Die Kammregion ist von dieser wiederbelebten Talbildung noch nicht erreicht worden – daher oben die flachen Formen. Aber von der Aussichtswarte des Lauensteiner Schlosses, von der Felsbastion bei Bärenstein, vom Schlosse Kuckuckstein schaut man hinein in jene prächtigen Täler. Und jeder Wanderer benutzt ihre vielgewundenen Talstraßen, freut sich des rauschenden Wassers, der schattenspendenden Waldhänge, der schroffen Felsnasen, die eine Gebirgslandschaft vortäuschen – viel wilder und zergliederter, als sie der Aufstieg zum Talrande dann darbietet. Denn auch in diesen nördlichen Teilen des Erzgebirges überwiegt der Charakter der Rumpfebene durchaus. Selbst das »Elbtalschiefergebirge«, jene östliche Grenzlandschaft des Erzgebirges mit ihren rasch wechselnden Streifen alter Schiefergesteine und ihren vielgewundenen Felsentälern (Bahre, Seidewitz, Müglitz), zeigt auf seinen Höhen zwar einige langgestreckte Härtlingsrücken aus Kieselschiefer, Quarzfels, Porphyr, Grünstein, sonst aber das gleiche Bild einer sanft absinkenden Hochfläche wie das Kammgebiet.

Abb. 12 Zinnwald und Georgenfeld. Streusiedelung auf der Hochfläche
(Aus den Vorarbeiten für den Bilderatlas zur Dresdner Heimatkunde von Weicker und Wiese)

Tief hat der Mensch seine Spuren der erzgebirgischen Landschaft eingeprägt. Durch das einst undurchdringliche Wald- und Moorgebiet zog er seine Straßen vom Meißner- zum Böhmerland. Rodend drang er vor; Germanen und Slawen versuchten die Wildnis zu besiegen. Der deutsche Ackerbauer baute seine Waldhufendörfer hinein; der Bergmann grub nach Schätzen. Eisenhämmer dröhnten in abgelegenen Waldwinkeln; sie wurden die Urahnen einer reich entwickelten Gewerbetätigkeit, die uns heute entgegentritt in den kleinen Städten des Gebietes, wie in den oft volkreichen Dörfern. Man kann sich das Menschenwerk nicht wegdenken aus dem Landschaftsbild – im Erzgebirge am allerwenigsten. Denn es ist längst keine Wildnis mehr, sondern ein Kulturgebiet ersten Ranges, ein Land, das Hunderttausenden Arbeit und Brot bietet, ein Land, reich an Schönheit – Wanderziel und Stätte des Ausruhens dem einen, dem andern die treugeliebte Heimat!