Auch hinter viele Einzelschilderungen von Steinkreuzen muß man bei näherer Prüfung ein großes Fragezeichen machen, denn neben erweislich unrichtigen Angaben wird manche Sage als geschichtliche Wahrheit aufgetischt, wenn sie sich dazu eignet, die »beiden Zierden der Menschheit« als Heidenbekehrer zu verherrlichen oder den Ruhm des Slawentums im allgemeinen zu mehren.
Nach alledem möchte ich mein Urteil über das Přicrylsche Buch, soweit es die Steinkreuzforschung betrifft, dahin zusammenfassen, daß es uns mit einigen Dutzend neuer mährischer Standorte – ohne nähere Beschreibung der Kreuze – flüchtig bekannt macht, an der Lösung des Steinkreuzproblems aber genau in dem Maße irreführend und verwirrend beteiligt ist, wie seinerzeit die Helbigschen Aufsätze.
Wenn man diese literarischen Veröffentlichungen des letzten Jahrzehntes also nochmals überblickt, so läßt sich zwar erfreulicherweise eine wachsende Tätigkeit bei der örtlichen Aufsuchung der Steinkreuze feststellen, von nennenswerten Fortschritten bei der wissenschaftlichen Forschung und Deutung, ist mir aber nichts zur Kenntnis gekommen.
Für die allgemeinere volkstümliche Ausbreitung des Interesses an der alten germanischen Sitte, erschien es mir schließlich schon früher bemerkenswert, daß das Steinkreuz in der darstellenden Kunst und der Literatur vielfach als charakteristisches Begleitstück deutscher Landschaft in phantasievoller Weise erwähnt oder abgebildet wird. Zu den damals erwähnten Proben (vgl. Bd. VI, Heft 11, Seite 299 und Abb. 77 aus Kaulbachs Reineke Fuchs) ließe sich eine lange Reihe weiterer Beispiele bis herauf zu Liliencron und Löns anführen.
Wichtiger als die einzelne Aufzählung solch dichterischer oder künstlerischer Verwertung aus neuer Zeit, erscheint mir aber die dauernde Ergänzung der alten Urkundsverzeichnisse, soweit sie sächsische Ortschaften betreffen. Neben den von Meiche wiedergegebenen, aus Leipzig usw., seien deshalb zwei unbekannte aus dem westlichen Erzgebirge genannt, die 1487 in Zwickau und 1490 in Schneeberg das Setzen eines Steinkreuzes als Totschlagsühne verlangen und in Herzogs Chronik von Zwickau 1845, II. Teil, S. 149, sowie in Christian Meltzers Stadt- und Bergchronik von Schneeberg, 1716, S. 1166, abgedruckt sind. Im weiteren Verlauf der Forschung wird sich auch für solche Sühneverträge oder Wahrsprüche, die von mir bereits 1914 aufgezählt wurden, eine Fortsetzung der listenmäßigen Zusammenstellung nützlich erweisen, damit die urkundliche Seite der Sache zu den Funden an Ort und Stelle in bestimmte Beziehung gebracht werden kann. Wenn der Sühnegedanke wohl auch nicht der Ursprung und der alleinige Zweck der gesamten Steinkreuzsitte gewesen ist, so dürfte er doch fast ein halbes Jahrtausend lang und bis zum Ausgang der Sache am Anfang des achtzehnten Jahrhunderts den Hauptgrund für die Errichtung der überwiegenden Mehrzahl abgegeben haben. Ich bitte also bei archivalischen Studien nebenbei auf solche Gerichtsurteile weltlicher oder geistlicher Stühle, auf Wahrsprüche städtischer oder fürstlicher Machthaber, Sühneverträge und Vergleichsurkunden aller Art zu achten und mich durch Quellenangabe und Auszüge freundlichst auch auf diese papiernen Fundstätten aufmerksam zu machen.
Damit schließe ich die textliche Darstellung meiner bisherigen Forschungen zur sächsischen Steinkreuzkunde; neben weiteren Nachträgen hoffe ich, meine nach Tausenden zählenden Steinkreuzfeststellungen im übrigen Europa auch einmal in schriftstellerischer Weise veröffentlichen zu können.
I. Vorhandene Steinkreuze
a) Nachträge zu früher genannten Kreuzen
| Nr. | Standort | Maße | Gesteinsart Ergänzungen |
| 3 | Auerbach i. V.: Zwei Kreuze aus der Ufermauerherausgenommen und gleich den anderen beiden(Nr. 4) im Stadtpark 1921 aufgestellt. Beidestanden auf oder neben der alten Göltzschbrücke,die 1883 abgebrochen wurde. | ||
| 34 | Crostwitz bei Kamenz: Am selben Platz im Dorfe beimzugeschütteten Teich 1922 wieder aufgestellt. | ||
| 45 | Großer Garten, Dresden: Im August 1920böswilligerweise in Stücke zerschlagen. Mit Zementausgebessert und flach auf den Boden gelegt. | ||
| 63 | Gorknitz bei Pirna: Ausgegraben und am selben Orte1920 neu aufgestellt. Mitteilungen X, Heft 4/6, S. 85. | ||
| 70 | Gröbern bei Meißen: Aus der Scheunenmauer im Gutshofeherausgenommen und am Dorfplatz aufgestellt. | 78 : 56 : 15 | Sandstein |
| 128 | Liebstadt: Das stehende Kreuz war zerbrochen und wurdeauf Stadtkosten 1919 neu aufgestellt. – Das liegendean der Wegweisersäule nach Bertelsdorf wurde gehobenund neu aufgestellt. | 88 : 48 : 23 | |
| 141 | Mügeln bei Oschatz: In der Südostecke des Friedhofesbei der Totengräberwohnung neu aufgestellt. | ||
| 153 | Oberau bei Meißen a. E.: Ausgegraben und am selbenOrte neu aufgestellt. | ||
| 187a | Rochlitz: Im Museum. Drei Kreuze aus der RochlitzerGegend. | ||
| 222 | Weißig bei Dresden: Am Bahnhof weggenommen undnördlich der Straße unter alten Bäumen in der Wieseneu aufgestellt. | ||