Abb. 1 Naturfreundehaus am Zirkelstein (Vorderansicht)
Ganz andrer Art ist das »Haus am Zirkelstein«. Schon seine Lage unterscheidet es vorteilhaft von den eben genannten Unterkunftshäusern. Während sie nahe den Brennpunkten des Touristenverkehrs an nicht gerade übermäßig landschaftlich bedeutsamer Stelle sich finden, liegt das Zirkelsteinhaus in dem Teil der Sächsischen Schweiz, der glücklicherweise noch nicht überlaufen ist, obwohl gerade hier eine Fülle schöner Landschaften aneinanderstoßen. Im Osten begrenzen die beiden Zschirnsteine, die wie zwei Adlerflügel auseinanderstreben, die Ebenheit, auf der Wolfsberg, Kaiserkrone und Zirkelstein liegen. Der nach Süden schweifende Blick fällt in den gewaltigen Elbkañon bei Niedergrund, den man am besten von den etwa eine Viertelstunde von der Hütte entfernten Sandsteinklötzen überblickt, die die Mündung des romantischen Gelobtbachtals flankieren. Die Ostaussicht gehört zum Schönsten, was man überhaupt in einem deutschen Mittelgebirge sehen kann. Da steigt zur Linken des der Hütte gerade gegenüber mündenden Kamnitztals das mächtige buchengeschmückte Basaltmassiv des Großen Winterbergs auf, an den sich im Norden die hier mehr wuchtig als grotesk wirkenden Schrammsteine, im Süden die Silber- und Flügelwände am Gabrielensteig anschließen. Im Süden aber erheben sich die ganz anders gearteten Gipfel der böhmischen Basalt- und Klingsteinvulkane, deren heitere Formenwelt den italienkranken Ludwig Richter von seiner Sehnsucht nach den Albaner Bergen zu heilen vermochte.
Abb. 2 Naturfreundehaus am Zirkelstein (Rückansicht)
Infolge dieser glücklichen Lage kann die Hütte wochenlang als Stützpunkt für die verschiedensten Wanderungen dienen. Aber sie ermöglicht es auch, das Haus jedesmal auf einem anderen und andersgearteten Wege zu erreichen. Selbst der Aufstieg von der nur zwanzig Minuten entfernten Bahnstation Schöna bietet eine Fülle von prächtigen Eindrücken. Nach wenigen Schritten von der zum Dorf Schöna führenden Straße abbiegend steigen wir in einer Schlucht aufwärts, von der immer neue Blicke sich öffnen auf die Klamm des Kamnitzbaches, das in ihr liegende Herrnskretschen und den Elbspiegel. Am Ende der Schlucht bringt uns ein scharfer Geländeknick an den Hang eines diluvialen Elbtals, bis endlich bei einem neuen Wechsel der Neigung der Blick auf den Zirkelstein und die Hütte mit ihrem hellen Sandsteinunterbau, der warmen Holzverschalung und dem roten Ziegeldach fällt. Aber nicht minder reizvoll ist der Weg von der Station Schmilka über das Waldhufendorf Schöna an der Kaiserkrone vorüber und durch die Schönaer Felder um den Zirkelstein herum, dessen Besteigung sich trotz seiner geringen Höhe ebenso lohnt wie der seiner dreizackigen Nachbarin. Noch schöner ist’s, wenn man die Hütte als Ziel einer Tageswanderung auf den Tagesplan setzen kann. Wer die belebten Gegenden nicht missen möchte, wandert von Königstein über Gohrisch und die dahinter gelegene Felsenregion (Papststein, Gohrisch, Kleinhennersdorfer Stein) nach dem hübschen Dörfchen, nach dem der letztere genannt ist, besucht von hier aus die idyllische Liethenmühle oder den aus der Mode gekommenen Kohlbornstein und erreicht dann Schöna über den Wolfsberg oder das langhingezogene und trotzdem durchaus nicht langweilige Reinhardsdorf. Ich bin im letzten Winter diesen Weg auch einmal mit Schneeschuhen gefahren und dabei auf meine Rechnung gekommen, zumal er eine Reihe für bescheidene Gemüter sehr reizvoller Abfahrten einschließt. Wie schön ist ferner der Weg durchs Krippental oder über die Lasensteine zur Rölligmühle und von dort über den Kleinen nach dem Großen Zschirnstein, dem höchsten Berge der eigentlichen Sächsischen Schweiz, dessen Aussicht schon Schiffner 1840 mit folgenden Worten rühmt: »Im Norden ist die Aussicht durch den Berg selbst unterbrochen, übrigens aber ein Panorama vom höchsten Reichtum und wahrer Großartigkeit, so daß es, abgesehen von der hier mangelnden Elbe, jenem des Winterbergs mindestens gleichsteht. Insbesondere stellt das Niederland sich hier deutlicher, der sichtbare Teil Böhmens schöner dar, und das Riesengebirge zeigt hier mehr Höhen als dort, unter welche jedoch nur der Irrtum auch die Schneekoppe gebracht hat.« Recht niedlich und glücklicherweise auch für andere noch nicht von den üblen Zeitgenossen entdeckte Aussichtspunkte passend ist der Satz, den er seiner Panoramabeschreibung hinzufügt: »Obwohl nun der Berg bequem zu besteigen ist, so geschieht dies seitens der Schweizreisenden sehr selten, weil es diesem Panorama nicht nur an Wasser, sondern auch an Bier und Schnaps fehlt.« Materialisten seien trotzdem darauf aufmerksam gemacht, daß bei meiner letzten Klassenwanderung nach dem Naturfreundehaus meine Wandergefährten (ich selbst bin auf diesem Gebiet etwas unbegabt) so viele Maronenpilze auf dem Zschirnsteinplateau fanden, daß wir uns abends in der Hütte ein opulentes Mahl bereiten konnten, bei dem alle satt wurden, und wir außerdem noch einen Rucksack voll mit nach Dresden brachten. – Selbst auf die Gefahr hin, daß ich einen oder den andern Leser das nächste Mal auf einem meiner Lieblingsspaziergänge treffe, will ich hier noch auf zwei schöne Wege hinweisen, die in Verbindung mit den Anmarschwegen zum Zirkelstein bequem mitzunehmen sind. Der eine ist der Rundgang um den Kleinen Zirkelstein, der nicht nur wieder eine ganz entzückende Aussicht besonders nach dem Erzgebirge zu bietet, sondern vor allem die Verwitterungserscheinungen des Sandsteins in unübertrefflicher Weise zeigt. Die Zerfressenheit der Wände durch Alaunausblühungen mag mit dazu beitragen, daß man hier im Spätwinter Eisgebilde schauen kann, wie man sie in solcher Schönheit nur an einzelnen Stellen im Polenztalgebiet wiederfindet. Der andre schöne Zugangsweg ist der Grenzweg von Rosenthal nach Schöna. Wer das Bedürfnis hat, einmal stundenlang auf einsamen Waldwegen zu wandern, auf denen er höchstens hier und da einen stillen Teich oder ein klares an bemooster Felswand hinfließendes Wässerlein trifft, dem ist dieser Weg aufs wärmste zu empfehlen. Allerdings kann die Einsamkeit auch ihre Nachteile haben. Wenigstens hätten wir sonst etwas darum gegeben, wenn nach dem Schneefall am Ende des alten Jahrs auch nur ein Skiläufer vor uns diese Strecke schon gefahren wäre. Dann hätten wir nicht von zwei bis gegen sieben Uhr Schneepflug spielen und die schönsten Abfahrten tränenden Auges unsre Bretter hinabschieben müssen.
Abb. 3 Naturfreundehaus am Zirkelstein (Saal)
Doch die Zugangswege zur Hütte haben uns recht weit von ihr weg geführt. Wir kehren also zum Zirkelstein und dem an seinem Fuße sich ausbreitenden auch den Naturfreunden gehörigen Wald zurück, der an drei Seiten das Haus umgibt. Durch die Eingangspforte treten wir zunächst in einen Vorraum ein, der zum Waschen und für die Kleider dient. Von dort gelangen wir in den geräumigen Vorsaal, von dem aus es links in die Küche geht, wo der Hüttenwart und seine bessere Hälfte ihres Amtes warten, obwohl ihnen das, wenn gleichzeitig ein Dutzend andre Parteien sich um den mit allerhand Töpfen besetzten Herd drängen, nicht immer leicht gemacht wird. Trotzdem ist’s auf der Wandbank hinter dem großen Tisch außerordentlich gemütlich. Das wissen andre Leute leider auch, und so bleibt meist nichts weiter übrig, als uns in das kleine Zimmer zurückzuziehen, das ihm gegenüberliegt und mit schönen Steindrucken und einer ausgezeichneten Bücherei geschmückt ist. Das Muster eines ländlichen Festsaals stellt der große Raum dar, der das Haus nach Osten zu abschließt. Mit kräftigen Farben und lustigen Sprüchen sind die Balken und Wandverkleidungen bedeckt, ohne irgendwie in altdeutschen Stil zu verfallen. Der schönste Schmuck des Saals ist aber zweifellos der Ofen, ein gemütvolles Ungetüm, zu dem man schwer seinesgleichen finden dürfte. Aus diesem Saal treten wir hinaus auf eine von Quadersteinen eingefaßte Plattform, wo sich an Ferien- und Sonntagabenden ein fröhliches Leben bei Gesang und Gitarrenklang abspielt. Wer aber die Jugend bei Tanz und Spiel sehen will, der muß auf die große Wiese am Westrand des Wäldchens gehen, die statt der üblichen Ballsaaldekoration die beiden Zschirnsteine und die untergehende Sonne als nie veraltenden Bühnenschmuck besitzt. Im ersten Stock liegen die Einzelzimmer und zwei Schlafsäle, in denen man vom Bett aus den Sonnenaufgang zwischen Kaltenberg und Rosenberg bewundern kann. Mehr ist von einer Sommerfrische wirklich nicht zu verlangen. Da auch der gesamte Boden noch voll Betten steht, ist es möglich, bis an zweihundert Menschen in diesem schönen Hause, das auch elektrisches Licht und Wasserleitung besitzt, unterzubringen.