Ein wunderlicher Tag geht über die alte Erde. Es schimmert in allen Farben und Stimmungen. Grau im Nebel und grämlich im Regen schleicht er dahin, andächtig und still wandelt er ohne einen Lufthauch – mit wildem Lärmen und Heulen saust er im Winde daher, bis zuletzt alles gegen die Nachmittagsdämmerung hin im sanften Regengeriesel einzuschlummern scheint.

Das ist die heimatliche, heimelige Schummerstunde, wo im Sinnen und Träumen und Dämmern Gestalten kommen, von draußen und drinnen, Gestalten lebendig werden, die einem lieb geworden im Laufe der Jahre – und die Gestalten grüßen aus goldenem Eiland und erinnern an Zeiten, da man selbst noch glücklicher war. Der Heidebusch aber vor mir auf meinem Schreibtische duftet mir heute besonders entgegen und läßt mich träumen von einem, der auch gewesen, mit dessen Werken und Wirken ich mich oft in stillen Stunden beschäftigte. Und die Gedanken flechten sich zu Bildern, und leibhaft ersteht vor meinem geistigen Auge Hermann Löns, dieser moderne Klassiker der Naturschilderung, dieser im geistigsten Sinne urdeutsche Mann. Und meine Gedanken tragen mich mit ihm hinaus in seine Heide, in seine Dörfer und Wälder, hinauf auf die Berge. Ich bin in der schönen, reinsten und heiligsten Natur, ich bin bei dem Besten und Echtesten, was das Leben der suchenden Seele bietet. Durch ihn redet auch heute wieder die Natur zu mir, durch ihn sprechen die Tiere, die Wälder rauschen und die Quellen lächeln. Und Menschen wandeln dazwischen von starker Echtheit und Kraft, von harter Lebenstreue und bitterer Daseinswahrheit, von milder Süße und träumerischer Schönheit, wie sie nur Sinn und Seele eines echten Dichters hegen und hergeben können.

Und was diese stille Stunde in mir geweckt und was ich aus seinen Werken gelesen, das will ich hier noch einmal – in kurzen Zügen – entrollen, will doch auch der Landesverein Sächsischer Heimatschutz diesem edlen Mann in den Herzen seiner Mitglieder ein bleibendes Denkmal setzen.

Willst du den Dichter recht verstehn,

Mußt du in Dichters Lande gehn!

Man muß einen Dichter erleben, sonst hat man nichts von ihm.

Hermann Löns, der Dichter, verdient es ganz besonders, ein Erlebnis zu sein. Nur so gewinnt man das richtige Verständnis von ihm. Und das ist ja der Zweck meiner kurzen Worte und des heutigen ganzen Abends. Liebe zu ihm und seinen Werken soll erweckt werden und die Würdigung, die er verdient.

Das aber soll gleich vorweg deutlich ausgesprochen werden: Hermann Löns ist kein »Jagdschriftsteller«, als der er so gern abgezeichnet wird, er ist auch kein »Heimatschriftsteller« oder ein »Heidedichter«, sondern er ist einfach ein Mensch und ein Dichter, wie wir nicht viele gehabt haben und nicht viele haben.

Ein Dichter nimmt das ganze Leben wie eine Dichtung, und jede seiner Dichtungen nimmt er wie das ganze Leben. Darin liegt sein Glück und sein Unglück. Wer ihm das nachfühlen kann, der ist ebenso glücklich oder unglücklich.

Alle die Verwirrungen und Irrungen, an denen das Leben Löns oft krankte, liegen in der tiefsten Seele seiner Dichternatur begründet, und wer hier beschreiben, erzählen und kennen lernen will, der muß gründlich und lange in diese Tiefen hinabtauchen und den Grund klären.