Löns gehört zu denen, denen die Dichtung und die ungeheure Tiefe ihrer Empfindung und Einbildungskraft glühende Male in die Seele brannte, und wo Brandwunden waren, da bleiben Narben, und manche Feuerwunden des Herzens heilen niemals. Wenn er gefehlt hat, so trugen Verwirrung, Verirrung und Krankheit die Schuld daran.

Hermann Löns hat selbst das Beste über sich, sein Werden und Schaffen geschrieben. Das steht im ersten Heft des deutschen Literaturblattes »Eckart« im vierten Jahrgang von 1909.

Löns ist am 29. August 1866 in Kulm an der Weichsel geboren; seine Eltern waren Westfalen. Sein Vater war Gymnasialoberlehrer; seine Mutter Klara geb. Kramer stammte aus Paderborn. Als Hermann ein Jahr alt war, wurde sein Vater nach Deutsch-Krone versetzt, wo die Familie Löns siebzehn Jahre blieb. Seine erste Kindheitserinnerung, die für seinen Sinn recht bezeichnend ist, war, daß er in einem blauen Kittel auf einem gepflasterten Hofe saß und grün und rot gefärbte Blattkäfer in eine Pillenschachtel sammelte. »Mit fünf Jahren lockte mich eine tote Maus mehr als ein Stück Kuchen.« Immer größer wurde seine Liebe zur Natur, vereint mit einem Hange zum Alleinsein; er war auch deshalb meist einsam, weil er sich in dem fremden Lande als Westfale nicht einheimisch fühlen konnte. Meist ganz für sich durchstreifte er Heide, Wälder und Moore und erlebte dabei allerlei Abenteuer:

»Beim Besuch einer Seeschwalbensiedlung, die sich auf einer Insel im Klotzowmoor befand, ertrank ich beinahe. Acht Tage nachher biß mich eine Kreuzotter.«

»Teils durch meinen Vater, teils durch das Leben auf Gütern und Förstereien, auf denen ich meist die Ferien verbrachte, wurde ich Fischer und Jäger, doch war mir schon damals ein unbekannter Fisch, ein seltener Vogel, eine regelwidrig gefärbte Eichkatze von größerem Werte denn ein gutes Geweih oder eine ganze Tasche voller Hühner. – Ich schoß auf meinen ersten Hirsch wie nach der Scheibe, aber als ich in den Sägemühler Fichten eine Schwarzdrossel als Brutvogel fand, flog mir das Herz. Schon damals war ich der Heide angeschworen. Ich konnte vor Freude über die Pracht des maigrünen Buchenwaldes nasse Augen bekommen, aber die Heiden, Kiefernwälder, Moore und Brüche lockten mich doch mehr. Ähnlich ging es mir mit den Menschen; auch bei ihnen lockte mich das Ursprüngliche!«

Seine ursprüngliche Urwüchsigkeit, die er in seinem ganzen Leben und Denken nicht verloren hat, zeigte sich auch in seinem Verkehr: »Ich war ein Freund der Hütejungen, Fischerknechte, Waldarbeiter; meine sehr zivilisierten Mitschüler, die mit achtzehn Jahren Zigaretten rauchten und Fensterpromenaden machten, langweilten mich.« Als Hermann achtzehn Jahre alt war, wurde sein Vater in die Heimat, nach Münster versetzt. Eine Woche Aufenthalt in Berlin machte auf den Jüngling keinen besonderen Eindruck; er erinnerte sich nur noch an das, was er im Zoologischen Garten und im Aquarium sah. Er erwachte gewissermaßen erst, als er jenseits der Elbe die ersten Rabenkrähen erblickte und später bei Paderborn wirkliche, lebendige Salamander fing.

In Paderborn, der Heimatstadt seiner Mutter, entdeckte er seinen Sinn für Geschichte und deutsche Vergangenheit.

»Bisher hatte ich mich ganz als Einzelwesen gefühlt, nun empfand ich Stammesbewußtsein. Stärker wurde es, als ich nach Münster kam, und es waren kaum zwei Jahre vergangen, da war ich bewußt das, was ich unbewußt immer gewesen: Niedersachse.

Ein Heißhunger nach tieferer Bildung kam über mich. Zum ersten Male in meinem Leben arbeitete ich zäh und zielbewußt für die Schule und konnte, als ich eben das Gymnasium verlassen hatte, einige kleine Arbeiten in zoologischen Fachblättern herausgeben, die heute noch in gewisser Weise ihren Wert haben.«

In Münster, Greifswald und Göttingen studierte Löns Medizin und Naturwissenschaften und er war ein recht fröhlicher Student, der sich überall gut durchzusetzen wußte und, wenn es nötig war, eine sehr gute Klinge schlug. Das erwachende deutsche Schrifttum erweckte seine lebhafte Teilnahme; Arzt mochte er nicht werden, die zoologische Laufbahn war gänzlich aussichtslos; so kam es, daß Löns »mit beiden Beinen in das Zeitungsfach sprang.«