Schließlich, nach mancherlei Reisen, die ihn teilweise auch in das Ausland führten, wurde er in Hannover Redakteur und begnügte sich vorläufig damit, auf diesem Gebiet sehr vielseitig und hervorragend zu wirken.

»Wenn ich das Heftchen sah, in das ich als Bursch meine Verse geschrieben hatte, überkam mich ein aus Spott und Mitleid gemischtes Gefühl. Jahrelang kam ich kaum zu mir selbst. Ich führte ein ganz äußerliches Leben, das sich in der Hauptsache zwischen der Zeitung und der Jagd abspielte.«

Die Jagd, worunter er, wie jeder richtige Jäger, den stillen, innigen Verkehr mit der Natur versteht, ließ ihn immer wieder zur Besinnung auf sich selbst, zur inneren Einkehr kommen, und sie erweckte auch wieder den Dichter in ihm, und was der Wind, der über die Heide ging, ihm erzählte, das gewann Gestalt, und so entstand, fast unbewußt, sein »Braunes Buch«, dessen unaussprechlicher Zauber noch immer unerreicht ist, diese »Heidbilder«, die uns im Kleinen die Größe und Herrlichkeit des Alls zeigen.

Darum ist auch so wenig von ihm über das zu sagen, was man gewöhnlich »Entwicklung« nennt. Seine Entwicklung und sein Leben sind in seinen Büchern zu lesen, denn seine eigenen Dichterwerke sind ja auch Selbstbekenntnisse. Gerade bei Löns hat das Unbewußte eine hervorragende Bedeutung, so daß der Ausspruch Schopenhauers: »Ein großer Dichter ist ein Mensch, der wachend tun kann, was wir alle im Traum,« gerade auf ihn paßt. So wuchsen auch seine Gedichte und Balladen aus einem innerlichen Drange heraus, wie er selbst bekennt: »Alles, was in Dichtungen, sei es Vers, sei es Prosa, gut ist, steht außerhalb meines äußeren Wollens.« Die Balladenstoffe, die er gesammelt hat, lassen ihn nicht los, bis er sie in eine poetische Form gebracht hat und in seinem »Blauen Buche« herausgibt. Und neben diesen beiden entsteht sein »Goldenes Buch« mit sechzig kurzen, goldenen Liedern. Menschenseele und Natur eng verbunden klingen und singen hier, und eine unendliche Schönheit und Tiefe und Leidenschaft ist darin zu finden.

1911 kam dann eine wundersame Volksliedersammlung heraus: »Der kleine Rosengarten«, 110 Volkslieder. Er weiß es selbst nicht, wie es kam und woher sie erklungen sind. In ihnen findet man alles, was man sucht in trüben und heiteren Stunden. Sie sind so echt, daß sie alle im Wunderhorn stehen könnten und so sangbar, daß sich viele Tondichter schon mit mehr oder weniger Glück daran versucht haben.

Jeder, der Sinn für eine gemütvolle und innige Vereinigung von Dichtung und Liedkunst hat, greife zu diesen schlichten, lebenswahren Liedern, die auch dann noch leben werden, wenn das Volk längst vergessen haben wird, wer sie zuerst gesungen. –

Zuletzt wohnte Löns, nachdem er sich 1911 und 1912 in der Schweiz, in Wiesbaden, in Holland und in einigen norddeutschen Heideorten aufgehalten hatte, in Hannover, und hier in dem alten hannoverschen Lande, dessen herbe Natur, dessen Geschichte und Menschen es Löns angetan hatten, wurde er zum begeisterten, unvergeßlichen Sänger der Lüneburger Heide. Was er, der Jäger, Forscher, Dichter uns an Naturschilderungen aus der Heide bietet, ist so köstlich, so tief dichterisch erschaut und erfühlt, daß wir beim Lesen oft den Atem anhalten und für Minuten das Buch sinken lassen müssen.

Auch, was uns Löns an Jagdbüchern geschenkt hat, steht hoch über allen ähnlichen Stoffen. Sie sind eigener und ganz anderer Art. Die künstlerische Behandlung des Stoffes ist auf eine solche Höhe gebracht, daß schließlich das Gegenständliche – das Wild und seine Erlegung – zum Vorwand wird, um dem draußen Belauschten, Ersonnenen den Rahmen zu geben. Und wie weiß Löns die Landschaft uns nahe zu bringen, wie wundervoll zeichnet er uns das Bild des Moors, der Heide, wie werden die Farben des Jahres und die Stimmungen des Tages, das Wechselspiel von Luft und Licht, Wind und Wolken lebendig! Er zwingt zum Nacherleben. All die tausend Wunder der Schöpfung erfaßt er liebevoll, ihm entgehen nicht die Fährten des Wildes im Heidesande, er sieht den heimlich erbitterten Kampf der Pflanzen um Licht und Luft, die Falterwelt ist ihm vertraut und das Heer der Hautflügler, er kennt Glück und Leid des Schlängleins, das seinen Weg kreuzt. Keine Stimme draußen, sei’s die eines Vogels oder andern Getiers, die er nicht deuten könnte, kein Geschöpf, das er nicht liebte.

Ein reicher Schatz seines Schaffens ist uns aus dieser Zeit geworden: »Mümmelmann« mit seinem herzerfrischenden Humor. Sorglos, arglos lernt man bei den reizenden Tier- und Jagdnovellen lachen. Wahrhaft künstlerisch nach Form und Inhalt geben diese Novellen etwas ganz Neues, Eigenartiges, voll von poetischer Schönheit und zarter Empfindung. »Auf der Wildbahn« ist ein Buch reich an mannigfaltigen Stimmungen. Tiefe, ureigene Erlebnisse gibt der Dichter hier wieder, wie in den »Heidbildern« die toten Dinge in der Natur Leben erhalten. So steckt in diesen und anderen seiner Werke ein Stück Ewigkeitswert, der noch unsere Kinder und Enkel erquicken und befriedigen wird. Überhaupt müßten die vier Bücher: »Das braune Buch«, »Mümmelmann«, »Aus Wald und Heide« und »Was da kreucht und fleucht« in Millionen von Stücken unter der Jugend verbreitet werden. Es gibt keinen Ersatz dafür und nichts Gleichwertiges.

Und weil Löns so unerbittlich und naturnotwendig »draußen« wurzelt, so macht er auch in seinen Romanen die Natur zur Trägerin der Stimmung. Derb und kraftvoll, zart und lieblich weiß schon sein erster Roman: »Der letzte Hansbur«, dieser Bauernroman aus der Lüneburger Heide von Anfang bis zum Schluß zu fesseln.