In seinem anderen Romane: »Da hinten in der Heide« steht vor jedem Abschnitte der Name eines Vogels, das ist ein äußeres Zeichen für die eigenartige Poesie, die in diesem Buche ruht. Auch hier schildert er die Menschen in der Heide, und die Liebe zur Heimat findet und weckt ein lebendiges Echo.
Sein bestes, wertvollstes Buch aber ist der »Wehrwolf«, ein Buch, von dem man nicht wieder loskommt, ein Kriegslied, auch für die jetzige harte, hohe, grausame, stolze Zeit, wie es schöner nicht gesungen werden kann. Jeder Satz gräbt sich ein in Geist und Gemüt, und von diesen Menschen voller Kraft und Leben kann man sein Empfinden und Denken nicht wieder trennen, sie müssen durch das ganze Leben begleiten. Wie ein gewaltiges Tonwerk braust diese Bauernchronik aus dem Dreißigjährigen Kriege dahin, es liegt die Geschichte eines ganzen Volkes darin, wie es sich mit eiserner Kraft, mit aufgezwungener Härte und eingepreßter Grausamkeit geradezu hindurchwürgt und hindurcharbeitet durch die wilde Zeit. Das Werk paßt für alle Zeiten, für alle Völker, es hat Ewigkeitsgedanken und Ewigkeitswerte. Aber gerade für uns ist alles groß, schwer, heilig und erhebend, was darin zu lesen ist, und mit erschauerndem Herzen übertragen wir manches auf unsre Tage. – Und wie er dieses umstellte, umdrohte Volk der Heidebauern, das sich in Not und Untergang behauptet, als das deutsche Volk empfand, so daß er selbst sagte: »Mein Kriegslied von 1914 habe ich 1910 geschrieben im Wehrwolf«, so verdichtete sich ihm diese Liebe zu seinem Volk in einer unvergeßlichen Gestalt im »Zweiten Gesicht«, seinem letzten Erzählbuche. Wer Hermann Löns ganz kennen lernen will, muß diese Dichtung lesen; er selbst und vieles aus seinem Leben ist in diesem Bekenntnisbuche verborgen. Der, dessen Seele so reich, dessen Herz – trotz eines durchstürmten Lebens – so rein geblieben war, hat es nicht verstanden, das Glück an sich zu fesseln. Auch dann, als er sich schon wirtschaftlich freier regen konnte, ward dem herben Manne keine Ruhe geschenkt – innere Unrast, leidenschaftliches Gequältsein folterten durch Jahre den, der andern soviel Sonne und Wärme geben konnte.
Vom Leben enttäuscht und todmüde flüchtet er sich in seine Heide, da ist es das Volkskind Annemieken, das ihn tröstet und stärkt, Annemieken, das Backen hat, rot wie Rosen, Augen blau wie Bachblumen und Haar, das aussieht wie Haferstroh im Schnee. »In ihr küßt er sein Volk, ließ er sein Bewußtsein untergehen, wärmte er sein altes Herz an ewig jungem Leben.«
Weidwund schleppte sich Hermann Löns durch die letzten Jahre, nur die treue Büchse war ihm geblieben. So holte er sich Kraft immer und immer wieder auf seinen einsamen Gängen und Pirschfahrten im unwegsamen Moor, im menschenleeren Wildland.
Wer Löns aber im Kreise seiner geliebten »Heidjer« im Dorfkruge traf, wo er mit tausend Schnurren alle in Atem hielt, würde nie geglaubt haben, daß diesem hartgewöhnten, helläugigen Manne der Tod am Herzen saß, wie er uns ja auch in seinem Buche: »Der zweckmäßige Meyer« als ein echter Humorist entgegentritt, in diesen scheinbar harmlosen Geschichten, in denen aber doch so viel geistige Überlegenheit steckt, aus denen der richtige Leser so viel Lebenswahrheit, wahre Vornehmheit und reiche Anregung zu echter Bildung herausholen kann. Wir lesen da von den Liebesliedern der Vögel, und daß auch der Spatz Liebeslieder singt, von dem Vogel Wupp, dem Mauersegler, der in den Städten lebt, wo es keine Natur gibt. Wir erfreuen uns an dem köstlichen Teckel Bettermann und seinen Lebensweisheiten: »Sage mir, wie jemand riecht und ich will dir sagen, was er wert ist.« Und wie in seinen Büchern war er auch in Wirklichkeit ein wundervoller Erzähler, der, wenn er einmal alles Herzeleid vergaß, die Dörfler in der Heideschenke ebenso wie die Freunde in der Großstadt zu fesseln vermochte. Wenn Löns sprach, hing alles – vornehm und gering, Männlein und Weiblein – an seinen Lippen, und die Stunden schwanden im Nu dahin. Löns wurde viel geliebt, denn er war von Herzen liebenswürdig.
Und doch hörten auch die, die ihm fernstanden, aus seinen letzten Arbeiten mehr und mehr den müden, hoffnungslosen Ton heraus. So war der Ausbruch des Weltkrieges wie eine Erlösung für ihn. Schulter an Schulter mit seinem Volke, für »sein Volk, das einzige, das er auf der Welt noch liebte«, zu kämpfen, todestrotzig, in entfesselter Kraft, das war Erfüllung, das war die Vollendung seines Lebens und Dichtens. Keinen Augenblick zögerte der fast Fünfzigjährige, der ungediente Landstürmer, in die Reihen der Kämpfenden einzutreten, und bald finden wir ihn bei der 4. Kompanie des 73. Infanterie-Regiments vor Reims stehen. Von hier aus sind noch Postkarten bekannt geworden, in denen er strahlend vor Glück von dem wild-schönen Leben im Schützengraben seinen Freunden schreibt. Löns war ja auch wie geschaffen zu solchem Leben; seine scharfen Augen, seine seit Kindestagen geübte Schießfertigkeit, seine ganze harte Natur und sein Vertrautsein mit »draußen« schufen ihn geradezu zum Idealkrieger. Er wußte nicht, was Furcht ist und hohnlachte stets jeder Gefahr ins Gesicht.
Und auch im Schützengraben konnte Angst und nervenstörende Spannung nicht aufkommen, wo Löns mit unerschütterlichem Gleichmute und Humor Stimmung schuf. Alle fühlten sich geborgen in seiner Nähe. Und weil er allen so viel bedeutete, weil man den Dichter-Forscher dem Vaterland erhalten wollte, wendete man ohne sein Wissen Gefahren möglichst von ihm ab. Löns bat und bettelte, an größeren Operationen teilnehmen zu dürfen, bis es schließlich nicht mehr möglich war, ihm nicht den Willen zu lassen.
So kam der 26. September 1914 heran, an dem seiner Kompagnie Sturmangriff befohlen war. Löns war glückselig; ein verwundeter Mitkämpfer erzählte später, daß er ihn nie so ausgelassen gesehen hätte, als an diesem Morgen. Um fünf Uhr ging der Sturm los. Löns mit einem Kameraden voraus ohne Deckung über weite Stoppeln dem Feind entgegen. Da prasselt auch schon feindliches Infanteriefeuer in die Reihen, und ehe die Kompagnie eine kurze Strecke vorwärtsgekommen war, brach Löns an einem Herzschuß zusammen. »Ich habe eins gekriegt,« das war sein Letztes.
So, wie er sich’s gewünscht durch Jahre, so hat er den Tod gefunden. Mitten aus dem starken Leben heraus, mitten aus seinem Liede. »Kurz war der Knall und schnell war sein Tod« – so hatte er einst in seinem »Braunen Buche« das Ende eines von ihm erlegten Rehbockes geschildert – »wohl dem, dem solch Ende beschieden wird: aus der Sonne hinaus den Sprung in die Nacht hinein!« So ist er über die dunkle Schwelle geschritten und eingegangen in das Land ewiger Schönheit und ewigen Friedens, nach dem er sich so lange gesehnt hat.
Wir aber wollen dankbar sein, daß wir einen deutschen Dichter, einen mannhaften Mann haben, wie Hermann Löns. Kraft brauchen wir, reine deutsche Kraft und Gesundheit in Leben und Dichtung. Gesunde Dichter brauchen wir, die festwurzeln im deutschen Land und in seiner herben, treuen Natur, die feststehen im echten Volkstum, aber dennoch auch in weite himmelblaue Ferne schweifen und nach den höchsten Sternen greifen.