Not und Drangsal, Unsicherheit und Gewalttat verknüpft sich im Volksmunde seit Jahrhunderten mit den alten Steinkreuzen.

Sorge und Entbehrung, Zuchtlosigkeit und blutiger Parteizwist lastet heute wiederum auf dem vom Erbfeind geknechteten Vaterland und rückt manchmal das Gedenken an mittelalterliche Zustände mit ihren düsteren Sagen des Mordkreuzproblems vor unsere Augen.

Der frühere lebhafte Meinungsaustausch über Ursprung und Zweck der Steinkreuze ist fast völlig verstummt. Solch friedliche Forscherarbeit, wie sie der Dilettant vor dem Kriege nebenbei zur Erholung und Erbauung treiben konnte, stockt heutzutage schon vor ihrem unerschwinglichen Geldaufwand für Reisen, Photographien und Briefwechsel und erscheint auch mit ihrem unproduktiven Müh- und Zeitopfer als unverantwortlicher Luxus. Aber trotzalledem sollte man versuchen, die begonnenen Studien fortzusetzen, denn nie sind unscheinbare Zeugnisse grauer Vorzeit mehr gefährdet, als in jungstürmerischen Wirrnissen.

Als ich hier im Juniheft des Jahrgangs 1914 mit der Veröffentlichung eines abgeschlossenen Beitrags zur Steinkreuzkunde begann, hatte ich nach jahrelangen Studien und Wanderfahrten etwa zweihundertdreißig vorhandene, sowie sechzig verschwundene alte Steinkreuze im Königreich Sachsen verzeichnet und mindestens ebensoviele in den Nachbargebieten gleichfalls persönlich besucht und festgestellt. Die Darstellung beschränkte sich auf die Steine in wirklicher Kreuzform und ließ die Steinplatten und Findlingsblöcke, die mit ähnlichen Einmeißelungen versehen sind, außer Betracht[1].

Aus mancherlei Umständen konnte ich schon damals mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß in jener Zahl zwar noch nicht alle vorhandenen Steinkreuze Sachsens restlos inbegriffen waren, daß aber doch wohl ein gewisses Maß von Vollständigkeit bei dieser sächsischen Sammlung erzielt und keine überraschende Entdeckung mehr zu erwarten sei. Diese Vermutung hat sich vollauf bestätigt.

In der Folgezeit der Kriegs- und Nachkriegsjahre wurde von ortskundigen Helfern oder aufmerksamen Wanderern zwar hier und da noch ein verstecktes oder halbversunkenes Steinkreuz ans Tageslicht gezogen, insgesamt beschränkt sich die Zahl dieser neuen Funde aber nur auf 29 Stück. Selbst eine amtliche Umfrage, die im Jahre 1916 auf Anregung des Heimatschutzes durch die Amtshauptmannschaften angestellt wurde, förderte kaum noch ein halbes Dutzend unbekannter Stücke zu Tage. Dagegen zeigte sich das allgemeine Interesse an der Sache in einer reichen Folge von Zuschriften, die mir neben bereits bekannten Steinkreuzen auch alle möglichen andern alten Steine als Kreuze bezeichneten. Dies geschah z. B. mit dem ovalen Denkstein von 1817 beim Bahnhof Frankenberg und dem »Schäferkreuz« bei Limbach i. V. Seit etwa zwei Jahren ist aber auch die Quelle privater Mitteilungen ganz versiegt.

Ich gehe also wohl nicht fehl, wenn ich behaupte, daß sich heute auf sächsischem Staatsgebiet kaum noch ein altes Steinkreuz an sichtbarer Stelle in Dorf oder Stadt, Flur oder Wald befinden dürfte, das in meinen früheren und heutigen Listen noch nicht verzeichnet steht. Dagegen wird man nach den Vorgängen der letzten Jahrzehnte auch in Zukunft bei Aufgrabungen oder Mauerabbruch noch manch verschwundenes Stück wiederfinden können.

Die Frage ausgegrabener und vergrabener Steinkreuze verdient übrigens einmal besonderer Prüfung. Vor zehn Jahren wurde das Fischheimer Kreuz bei Rochlitz ([Abb. 78]) mitten im Acker in eine mühsam ausgeschachtete Grube geworfen, weil sich die Bauern stets gar so sehr davor gefürchtet hatten. Aus Schlesien berichtet Hellmich (Steinerne Zeugen, S. 6), daß ein ausgegrabenes Kreuz auf Bitten des Besitzers wieder verschüttet und ein anderes nicht am Zaune geduldet wurde; er folgert daraus, daß früher des öfteren solche alte Mäler aus Aberglauben verscharrt worden seien. Prüft man die Umstände nach, unter denen in Sachsen ganz zufällig bei Tiefbauarbeiten das eine der beiden Löbauer ([Abb. 79]) und das Röhrsdorfer Kreuz ([Abb. 80]) drei Meter unter der Oberfläche herausgeholt wurden, so gewinnt jene Vermutung sicher an Wahrscheinlichkeit, denn bis in solche Tiefen hat der Block trotz seiner Schwere sicherlich nicht von selbst versinken können.

Abb. 78 Fischheim bei Wechselburg a. M.