Das Gesamtergebnis der sächsischen Forschungen nötigt aber auch immer wieder zu der Erkenntnis, daß das einzelne Stück mit seinen sagenhaften oder urkundlichen Zusammenhängen keine entscheidende Bedeutung für die Klärung des Steinkreuzrätsels besitzt, und daß sich das Steinkreuzproblem unmöglich für ein engbegrenztes neuzeitliches Staatsgebiet lösen läßt. Nur durch weitere Sammeltätigkeit, die sich in räumlicher Beziehung über das ganze Verbreitungsgebiet der Steinkreuze in- und außerhalb Europas, sowie über alle auffindbaren urkundlichen Erwähnungen erstrecken muß, läßt sich einmal die Grundlage für eine zweifelsfreie Deutung der ganzen Sitte schaffen. Diese nahezu unbegrenzte Erweiterung der Aufgabe übersteigt aber den Verfügungsbereich des einzelnen Dilettanten; da trotzdem eine gewisse planmäßige Zusammenfassung aller der Kräfte nützlich erscheint, die an verschiedenen Stellen für die Sache tätig sind, so habe ich 1919 in Anlehnung an das Denkmalarchiv des sächsischen Freistaates eine Zentrale für Steinkreuzforschung (Dresden-A., Breite Straße 7) ins Leben gerufen, die sich mit der Sammlung der gesamten Forschungsergebnisse befaßt, Auskünfte erteilt, für die Sammlung oder Erhaltung der alten Mäler zu wirken sucht und die Unterlagen für wissenschaftliche Behandlung der Frage zusammenträgt. Trotz der überaus ungünstigen Zeitverhältnisse ist es mir gelungen, diese Angelegenheit in Fluß zu bringen und an vielen Stellen das Interesse für jene seltsamen Erbstücke deutscher Vergangenheit zu wecken, um die sich die Wissenschaft bisher fast nicht gekümmert hat. Einen ausführlichen Bericht über den Stand der außersächsischen Forschung werde ich gelegentlich an anderer Stelle veröffentlichen.
Abb. 79 Löbau
Mit dieser weiteren Ausdehnung der Steinkreuzforschung, bei der ich bisher nahezu 3000 Standorte in verschiedenen Teilen Europas karteimäßig verzeichnen konnte und zahlreiches Nachrichtenmaterial aller Art zusammenbrachte, befestigte sich aber die in der ersten Schilderung angedeutete Überzeugung[2], daß zu den Steinen in wirklicher Kreuzesform auch die zahlreichen Steinplatten, Säulen oder Naturblöcke zu rechnen sind, die nicht nur ähnliche Zeichen und Inschriften, sowie einen ähnlichen Verwitterungsgrad der alten Steinmetzarbeit aufweisen, sondern häufig sogar mit den Kreuzen in Gruppen beieinanderstehen (vgl. z. B. Abb. 1, 2, 5, 6, Bd. II, Heft 6).
Abb. 80 Röhrsdorf bei Meißen a. E.
Wenn ich diese »Kreuzsteine«, die ich in meiner früheren Schilderung absichtlich nicht aufgenommen, sondern nur mit einigen Bilderbeispielen (vgl. Abb. 7 und 8) veranschaulicht und erwähnt hatte, auch heute nochmals übergehe, so bestimmen mich dazu wiederum nur äußerliche Gründe. Die Erfahrung hat nämlich gelehrt, daß die Erforschung und Aufzählung solch schlichter uralter Denkmale nur dann auf die nötige Genauigkeit Anspruch erheben kann, wenn sie ohne jede Ausnahme nach gleichen Gesichtspunkten und womöglich von derselben Person untersucht, vermessen und abgebildet werden. Weitaus mehr als die Hälfte aller Mitteilungen, die ich im Laufe der Jahre über angebliche Standorte, Formen und Inschriften von steinernen Kreuzen mündlich und schriftlich erhielt, oder sogar in älteren gedruckten Veröffentlichungen vorfand, stellten sich bei eigener Besichtigung als fehlerhaft, ungenau, ja manchmal sogar als freie Erfindung oder Verwechselung heraus. Infolgedessen nahm ich in mein früheres Verzeichnis nur selbstbesuchte und selbstphotographierte Standorte auf und unterschied diese auch außerhalb Sachsens auf der beigefügten Karte von 1914 schon durch die Zeichnung.
Wenn diese Unzuverlässigkeit der fremden Beobachtung sich bereits bei der ausgeprägten Kreuzgestalt geltend macht, so wäre sie um so mehr bei Steinen zu befürchten, die ohne bestimmte allgemeine Form und ohne genau erkennbare Merkmale draußen in der Natur stehen und die Verwechselung mit alten und neueren Denkzeichen, Grenzmarken, Rainsteinen usw. selbst für den Kenner oft recht nahelegen. Nicht immer hat nämlich eine behauene und herbeigefahrene Platte aus benachbarten Steinbrüchen als Werkstück für das Gedächtnismal gedient und noch weniger hält sich das eingemeißelte Bild oder die Jahreszahl und Inschrift immer in regelrechten handwerklichen Formen, wie sie z. B. der schöne Kreuzstein mit dem Ordensritterkreuz am Kirchweg Königsbrück–Gräfenhain vor dem Steinbruch Jenichen aufweist. ([Abb. 81.]) Oft vielmehr ist, wie bei Gränze (Abb. 7 von 1914) nur ein roher Findlingsblock der Flur durch ein paar grobe eingehauene Striche hergerichtet worden; gelegentlich sparten sich die alten Denkmalstifter sogar das Herbeischaffen jedes Blockes, und versahen das anstehende Gestein an einer senkrechten Wand oder sonst auf einem auffälligen Felsgebilde mit irgendeinem Kennzeichen, das demselben Zwecke diente, wie anderwärts die Steinkreuze. Urkundliche Nachweise über den Grund der Einmeißelungen fehlen hier natürlich gleichfalls und somit erscheint ein wirklicher Beweis für den Zusammenhang solcher Stücke mit der Steinkreuzsymbolik im allgemeinen vollständig ausgeschlossen. Höchstens im Einzelfall läßt sich aus der Form der Abbildung, aus ihrem Alter und Verwitterungsgrad oder aus der räumlichen Vereinigung mit eigentlichen Steinkreuzen auf gleichen Ursprung schließen. Da ich bei früheren Kreuzfahrten auch schon auf diese Kreuzsteine mit geachtet und zahlreiches Material zusammengebracht habe, so werde ich vielleicht später für den sächsischen Bereich eine besondere Liste aufstellen können. Anderwärts, wo sorgfältig bearbeitete Platten, Steinsäulen und Radsteine fast ausschließlich an Stelle des Kreuzes vorkommen, wie in manchen Teilen Norddeutschlands, in Böhmen, in Mähren usw., wurden sie ohnehin schon zum einheitlichen Bestand gezählt und verzeichnet.
Abb. 81 Gräfenhain bei Königsbrück