Habe ich bisher zu zeigen versucht, daß ein ausgesprochen christlicher Charakter des Weihnachtsfestes den Heimatsinn in jeder Weise stärkt und belebt, so möchte ich nun auch den umgekehrten Satz aufstellen: Wem an einem wirklich lebendigen Weihnachtsfest gelegen ist, der muß auch an den heimatlichen Weihnachtssitten ein starkes Interesse haben. Es gibt auch puritanisch Gerichtete, die um der Heiligkeit des Festes willen alle schönen Sitten verwerfen, weil sie zu einer Veräußerlichung dieses Festes führen müßten. Daß diese Gefahr besteht und immer bestanden hat, ist nicht zu bestreiten. Heute kommt diese Gefahr vor allem von jener Weihnachtsindustrie her, die ohne innere Fühlung mit der Volkssitte alle nur erdenklichen Massenartikel auf den Markt wirft, zur angeblichen »Verschönerung« und »ergreifenden« Gestaltung des Festes, der Weihnachtsstube, des Christbaumes usw. Wieviel ursprünglicher Sinn geht z. B. verloren durch die elektrischen Christbaumkerzen! In manchen Kirchen lassen sie sich zwar der Feuergefährlichkeit wegen leider nicht vermeiden. Aber im Haus ist es doch nur der »Effekt«, den man erzielen will, wenn man knipst und der Baum erstrahlt. Und so verzichtet man auf die lebendige, brennende, flammende, wehende Kerze, deren Wachsduft sich mit dem Duft der Tanne vermischt. Man verzichtet auf den Anblick des Niederbrennens bis zu den letzten Lichtern, wo dann die Schatten an der Decke und an den Wänden huschen und die Stube in geheimnisvolles Dämmerlicht versinkt.
Es ist ja überhaupt vom Übel, wenn man sich gerade für das Christfest alles »fix und fertig« liefern läßt, anstatt selber Hand anzulegen und sich die häusliche Weihnachtsfeier zu »gestalten«. Ich kenne noch heute Familien, die immer weiterbauen an ihrem Weihnachtsberg oder an ihrer Pyramide, so daß sie von Jahr zu Jahr schöner wird. Dringend zu raten ist auch, derjenigen Industrie rechte Beachtung zu schenken, die noch nicht ins rein Mechanische versunken ist. Das ist die erzgebirgische Spielwarenindustrie. Sie verdankt es wohl auch gerade ihrer Gestaltungsfähigkeit und Verbindung mit dem Kunsthandwerk, daß sie noch immer einen Weltruf genießt. Die schaffende und gestaltende Hand ist noch nicht durch die Maschine ausgeschaltet. So schenkt sie uns auch für Weihnachten viel Brauchbares und Wertvolles, bis hin zu den handgeschnitzten Krippenfiguren der heiligen Familie, der Hirten und Schafe, der drei Könige und ihres Gefolges an Menschen und Tieren, der himmlischen Heerscharen. Natürlich müssen solche Figuren teurer sein, als die üblichen Industrieerzeugnisse. Aber ich weiß von manchen, die sich allmählich einen solchen kleinen Weihnachtsschatz sammeln, indem sie das eine Jahr einen »Heiligen-Drei-König«, das andere einen schönen Engel, das dritte zwei Schafe usw. hinzuerwerben. So können wir die Heimatkunst in den Dienst des schönsten aller Feste stellen, anstatt daß wir es nur mit Likörflaschen und mit Zigarren »in Geschenkverpackung« umrahmen. Und wo es im Ort ein Christspiel gibt, – wohl zu unterscheiden von einem bloß weihnachtlich zurechtgestutzten und innerlich zusammenhanglosen Theaterstück, – da führe man nun auch seine Kinder hin und komme vor allem auch selber mit. Alles, was uns Weihnachten veranschaulicht, dient dem Sinn dieses Festes. Denn so ganz »geistig« sind wir nun einmal nicht, und noch weniger sind es unsere Kinder, daß wir auf alles Äußerliche verzichten könnten. Und niemals kann dieses Äußerliche uns zu einer bloßen Ablenkung werden, so lange wir eben den eigentlichen Sinn des Festes stets im Auge behalten. Darum aber sind alle Bestrebungen freudig zu begrüßen, die unserem Christfest wieder einen recht heimatlichen, bodenbeständigen Charakter geben wollen.
Glaube und Heimat sind und bleiben die beiden Kraftquellen unseres Volkslebens.
Die wiedererstandene Burg Scharfenstein an der Zschopau
Von Otto Eduard Schmidt
Mit Aufnahmen der Dresdner Photographischen Werkstätten, Dresden
Unter dem blauseidigen Himmel eines goldigen Herbstsonntags fuhr ich von Flöha aus das herrliche Zschopautal aufwärts. Noch nie hatte ich es in solcher Pracht gesehen. Der reiche Laubschmuck dieses Sommers (1924) hatte zwar schon sein Sterbekleid angelegt, aber es sprühte Licht und Farben, als ob der Tod in das Leben umgebogen werden könnte. Und was so siegprangend in die reine Luft leuchtete, das verdoppelte sich noch hie und da durch Spiegelung in dem ruhigen klaren Wasser der Wehrteiche, zu denen der Fluß sich überall anstaut, wo ein Mühlgraben abzweigt. Unten auf den smaragdgrünen Wiesen weideten buntscheckige Rinder und oben über dem golddurchwirkten Walde glänzten die kraftvoll durchgebildeten Ecktürme und Dächer der alles beherrschenden Augustusburg. Es folgt das behaglich um die altersgraue Feste Wildeck geschmiegte Städtchen Zschopau. Bald danach verkünden höher ansteigende schwarze Waldberge das Nahen der sagenumwobenen Burg Scharfenstein, der Perle des oberen Zschopautales – und nun liegt sie selbst vor mir, auf felsiger Anhöhe, vom Sonnengold umflossen, und bietet mir heute wieder fast denselben reizvollen Anblick wie vor sechs Jahren, als ich sie zuletzt sah. Aber zu genauerem Vergleich ist zunächst keine Zeit; denn im Durchgang des Bahnhofs begrüßt mich der Burgherr Graf Alexander von Einsiedel, und im nächsten Augenblick trägt uns der Kraftwagen mit kaum glaublicher Tatkraft den steilen Felsen empor in den Burghof. Die breite Steintreppe führt uns in ein großes, helles Empfangszimmer mit schönem Blick in eine sich nach rechts hin erstreckende, mit Kreuzgewölben überdeckte Galerie. Hier wird der Burgherr auf kurze Zeit abgerufen – und nun erst komme ich dazu, meine abgebrochene Gedankenkette über das Wie und Wo wieder aufzunehmen.
Über die Anfänge von Scharfenstein besitzen wir weder eine Urkunde noch die Angabe eines zeitgenössischen Geschichtschreibers. Aber der Name deutet, gerade wie der verwandte Name des Schlosses Scharfenberg bei Meißen, auf Beziehungen zum Bergbau: Scharfenstein ist der Stein, in dessen Nähe »geschürft« wird. Zum Beweise führe ich folgendes an. Gleich die erste urkundliche Erwähnung Scharfensteins im Lehnsbuche Friedrichs des Strengen (1349/50): »Johann von Waldenburg trägt vom Markgrafen zu Lehen Wolkenstein, Grifenstein (Greifenstein), Zcinewerk (Ehrenfriedersdorf), Bergwerck (Geyer), dy Schape (Zschopau) Scharfenstein« zeigt die Burg in Verbindung mit Zinn- und Silberbergwerken, ebenso die Urkunde über den Verkauf von Scharfenstein im Jahre 1439 (s. unten [S. 321]), endlich beweisen auch Reste von Stollen und Gruben in größerer Nähe von Scharfenstein, daß dort bergmännische Tätigkeit zu Hause war. Dem gegenüber müssen die älteren Behauptungen, Burg Scharfenstein sei schon lange vor dem Jahre 1000 erbaut worden, in das Gebiet der Fabel verwiesen werden.
Abb. 1