Mit dieser Grundstimmung begann ich die einzelnen alten Bauglieder der Burg genauer zu betrachten. ([Abb. 1.]) Zunächst den schon längst nicht mehr bewohnten Bergfried und die sich daran lehnenden Reste des Palas. Beide erheben sich auf der höchsten Spitze des gewachsenen Felsens (Kersantit) und sind mit uraltem, armstarkem Efeu bewachsen. Der kreisrunde Bergfried ist jetzt noch siebzehn Meter hoch, seinen Zinnenkranz und die Storchnesthaube als oberen Abschluß erhielt er 1850. Von zwei jüngeren Gliedern des Hauses Einsiedel unterstützt, maß ich die Mauerstärke: sie beträgt dreieindrittel Meter (der Bergfried in Zschopau drei Meter und siebzig Zentimeter), der innere Hohlraum ist nur ein Meter und fünfundachtzig Zentimeter weit. Das ziemlich hoch liegende Gemach des Bergfrieds war nur auf Leitern zugänglich, erst spät ist die untere Tür in den Steinpanzer gebrochen worden. Von Süden her ist der Angriff gegen den Bergfried erschwert durch den vierzehn Meter breiten und sehr tiefen Halsgraben, der den Talsporn, auf dem die Burg liegt, von den nach Süden zu höher ansteigenden Gebirgsstock lostrennt. Von der Plattform am Zinnenkranz genießt man eine entzückende Aussicht nördlich und südlich ins Zschopautal; der ernste Gipfel des Fichtelbergs war leider durch silbernen Duft verschleiert. Als wir dann zu Füßen des Steinriesen von seinen Schicksalen plauderten, trat der Burgherr wieder zu uns, und nun ging die Wanderung durch die Räume des Erdgeschosses ([Abb. 2]) und in die Tiefe der Keller. Im tiefsten Keller, zwei Stockwerke unter der Erde, sah ich den einst bis auf den Wasserspiegel der Zschopau in den Felsen getriebenen Brunnen; um seine Tiefe einigermaßen zu ermessen, ließen wir angezündetes Papier hinunterflattern. Der Brunnen ist leer, auch ohne Wasserspiegel; als er 1832 ausgeräumt wurde, kamen menschliche Gebeine und Waffen aller Art zum Vorschein; sie sollen von einer Erstürmung der Burg im Dreißigjährigen Krieg herrühren (s. unten [S. 325]). In den alten unteren Geschossen und Kellern habe ich von romanischer Bauweise keine Spur gefunden. Die ältesten Türgewände der Keller zeigten vielmehr die gotische Form des Eselsrückens. Man wird aber, wenn man die ältesten beglaubigten Nachrichten vom Scharfenstein und den baulichen Befund zusammenrechnet, die Anfänge der Burg frühestens um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts ansetzen dürfen. Zum Vergleiche bemerke ich, daß die erste urkundliche Erwähnung des benachbarten und vielfach mit Scharfenstein verschwisterten Schlosses Wolkenstein aus dem Jahre 1241 stammt.
Abb. 2 Burghof Rechts Eingang zur Haupttreppe. Die Fenster darüber gehören zur Galerie des Gesellschaftsflügels. Weiter links die Hofseite des Rundbaues und des Kirchenflügels
In Rücksicht auf eine so späte Entstehung der Burg Scharfenstein halte ich es auch nicht für wahrscheinlich, daß die Burg längere Zeit nur aus dem Bergfried und dem kleinen daran gelehnten Palas bestanden habe. Dazu waren die Bedürfnisse des ritterlichen Adels um 1250 oder gar um 1300 schon zu weit fortgeschritten. Auch scheint die Sicherheit der Burg die Befestigung der ganzen Plattform des Felsens gefordert zu haben. Demnach sind die jetzt bewohnten, den Burghof im Dreiviertelkreis umgebenden Gebäude wenigstens zum Teil wohl gleichzeitig mit dem Bergfried und Palas oder nur wenig später erbaut worden; sie bildeten, untereinander durch Wehrgänge verbunden, den sogenannten Zwinger. So kann man die Burg in ihrem heutigen Umfange als ein beinahe gleichzeitig entstandenes Ganzes auffassen. Einzelne nach Westen zu sich der Talsohle nähernde Steintürme, von denen noch Trümmer vorhanden sind, bildeten, durch unterirdische Gänge miteinander und mit der Burg verbunden, eine Ergänzung dazu, die als Verbindungsglied zu der im Tale hinführenden Straße oder als Fluchtburg bei Gefahr für die Einwohner des Dorfes von Wichtigkeit war.
Diese meine Auffassung wird auch durch die nicht eben reichlich fließenden geschichtlichen Nachrichten über Scharfenstein bestätigt. Als Gründer und erste Inhaber der Burg müssen nach der obenerwähnten Angabe des Lehnsbuchs Friedrichs des Strengen die reichsunmittelbaren Herren von Waldenburg gelten, die seit 1241 auf Wolkenstein bezeugt sind, damals wohl das mächtigste Dynastengeschlecht der ganzen Gegend; denn sie besaßen in den Herrschaften Waldenburg, Rabenstein, Scharfenstein und Wolkenstein ein zusammenhängendes Gebiet, das von den sanften Hügelketten der mittleren Pleiße und Mulde bis hinauf zum Kamm des Gebirges (südlich von Wolkenstein) reichte. Daß es noch vor den Waldenburgern Kaiserliche Vögte von Scharfenstein gegeben habe, ist eine Vermutung, der jede Grundlage fehlt. Die Waldenburger verwendeten Scharfenstein, wie eine Urkunde vom 8. April 1386 (C D S I, B 1, 131 f.) dartut, als Leibgedinge bzw. Witwensitz für ihre Gattinnen. Darin liegt schon ein Beweis dafür, daß Scharfenstein damals nicht nur eine kriegerische Wache war – 1389 war Hans von Forchheim »heupmann uff dem Scharfensteyn« unter Anarg und Heinrich von Waldenburg C D S II, 12, 1 S. 417 –, sondern auch für eine ritterliche Dame genügendes Quartier bot: die Dörfer Griesbach, Hopfgarten, Grünau, Groß-Olbersdorf, Schönbrunn, Falkenbach, Drebach, Herold und Glashütte lieferten Zinsen und Naturalabgaben. Im fünfzehnten Jahrhundert, als die Feste Greifenstein, die bis 1429 die Bergorte Thum, Ehrenfriedersdorf und Geyer beschirmt hatte, von den Hussiten (?) zerstört war, übernahm Scharfenstein auch die Pflicht, diese Bergorte zu beschützen und die sich daraus ergebenden Rechte. Es gewann dadurch solche Bedeutung, daß der Landesherr Kurfürst Friedrich der Sanftmütige sein Auge darauf warf und, da die Vermögenslage der Herren von Waldenburg mißlich geworden war, sie 1439 durch Kauf erwarb, wobei der Münzmeister von Freiberg, Liborius von Senftleben, dessen Brüder und ein Stephan Glasperg als Mittelsmänner dienten. Sechs Jahre lang sollte es den Brüdern Heinrich und Anarg von Waldenburg freistehen, die Güter aus der Verpfändung einzulösen, aber sie vermochten es nicht. So erscheint schon 1445 der Kurfürst als Besitzer von Scharfenstein und seinem Zubehör. Diesem Umstande verdanken wir es, daß wir aus einem Verzeichnisse der landesherrlichen Einkünfte aus dem Jahre 1445 Wichtiges über die Einkünfte aus der Herrschaft Scharfenstein erfahren. Dazu gehören, je nach der Ausbeute steigend und fallend, jährlich zweieinhalb Schock von der Zinnschmelze in Ehrenfriedersdorf, dreißig Gulden von den Bänken der Schuster in den obengenannten Bergorten, zwei Schock Krämerzins und siebzehn Schock Zoll und Geleitsgeld. Dieser letzte Posten zeigt uns, daß Scharfenstein nicht nur Silber- und Zinnbergwerke zu beschirmen hatte, sondern auch eine Straße: den richtigen, von Öderan über Zschopau, Wolkenstein, Chemnitz, Komotau nach Prag führenden Paß. Übrigens behielt der Kurfürst von dem Scheinkaufe Senftlebens nur die Anrechte auf die Bergorte Ehrenfriedersdorf und Geyer, die er zum Amt Wolkenstein schlug, während Thum und Scharfenstein 1473 in den Händen des Heinrich von Schönberg waren, der sie mit Schellenberg und Zschopau vom Fürsten zu Lehen trug. Dieses Verfahren erinnert sehr an das Verhalten der sächsischen Fürsten beim Bankrott der Herrschaft Bärenstein 1491 (s. Kursächsische Streifzüge V. Bd. S. 314).
Von hier an fließen die urkundlichen Nachrichten in ununterbrochener Kette bis zur Gegenwart. Denn von 1486 an besitzen wir die Lehnsbriefe über Scharfenstein und die damit zusammenhängenden »Confirmationes et Consensus« (»Bestätigungen und Bewilligungen«) der Landesfürsten in vierzehn, meist sehr starken Bänden des Hauptstaatsarchivs, alles in allem ein überaus reiches Material mit vielen Briefen, das den unverdrossenen Forscher tief in das Innerste der Geschichte des Einsiedelschen Geschlechtes und der Burg Scharfenstein einführt. Der erste Lehnsbrief vom Jahre 1486 verleiht »Ern Heinrichen von Starschidel Rittern und seinen rechten Leibeslehenserben … Sloß Scharffenstein mit den Mennern dafur gesessen mit aller seiner Zubehörung … zu rechten Manslehen«. Der für uns wichtigste Lehnsbrief ist der vom Jahre 1492, durch den Scharfenstein an Heinrich von Einsiedel übergeht. In ihm sind auch alle die Vorbesitzer der Burg genannt, die sie nach dem oben besprochenen Kauf des Landesherrn (1439) zu Lehn getragen haben; dadurch wird die in der volkstümlichen Literatur über Scharfenstein verbreitete Legende, die Burg sei schon 1427 in den Besitz der Einsiedel gekommen, ohne weiteres als falsch erwiesen. Die wertvollsten Teile dieses Lehnbriefes lauten: »Anno domini etc. 1492 am Donerstage nach Pauli conversionis (des Paulus Bekehrung) hat mein gnediger Herr Herzog George von wegen und anstat seiner Gnaden Ern und Vatern Herzog Albrecht Ern Heinrich vom Einsiedel Rittern und seinen rechten Leibhslehenerben diese nachgeschriebene Sloß, Forwergk, Dorffer und Guter, nemlich das Sloß Scharffenstein … item das Forwerg die Grunaw genant … item das Dorff Alberstorff (Groß-Olbersdorf), Grunaw, Königswalde, Grisbach, Hopfgarten, Hornsdorff mit Frone uff etlichen Leuthen und etlichen Leuthen Fronen Geld, wie ime (ihm) die Er Heinrich Starschedel verkaufft … und also in aller mase so solch Sloß, Forwerg, Dorffer mit aller irer Zcugehorunge von den Hochgeborn̄ Fürsten, Herzogen Ernst Curfürsten seliger Gedechtnus und Herzog Albrecht etc. seiner Gnaden lieben Herrn Vettern und Vatern an Heinrichen von Schonberg Amptmann uffm Schellenberg solch Sloß, Forwerg, Dorffer und Gutter, Friedrich Blancken und forder an Ern Heinrich Starschedel Ritter und darnach Er Heinrich von Einsiedel Ritter in Kaufweiß bracht und die alle obgemelt gebraucht, gnossen, innegehapt und besessen, zu rechten Manlehen gereicht geliehen, soviel sein Gnaden von Rechtswegen daran zu vorleyhen hat. Testes (Zeugen sind): Er Hans von Mingwitz, Obermarschalg, Er Ditterich von Schonberg, Hoffmeister Ritter, Cantzler, Siegmund von Maltitz. Actum Dreßden Anno etc.«
Im Jahre 1508 muß Heinrich von Einsiedel auf Scharfenstein verstorben sein; denn am Sonnabend Agathe Virginis 1508 ist ein neuer Lehnbrief über Scharfenstein für seine Söhne Hugold, Heinrich, Hildebrand und Heinrich Abraham von Einsiedel in Leipzig ausgefertigt worden (fol. 9) usw.
Abb. 3 Galerie im Gesellschaftsflügel
Die Kreuzgewölbe und die spätgotischen Fenster sind alt (Ende des fünfzehnten Jahrhunderts)
Die Baulichkeiten der Burg waren wohl unter den verschuldeten Waldenburger Herren, die überdies im Jahre 1479 ausgestorben waren, und dann unter den wechselnden Besitzern arg heruntergekommen. Die neuen Herren von Einsiedel ließen zwar die Ruinen des Bergfrieds und des Palas unergänzt liegen, aber die wohnlicheren Gebäude um den Hof fingen sie an zu erneuern. Die spätgotischen Fenster im Gange des Gesellschaftsflügels (s. oben [Seite 317]) deuten auf eine Bauzeit am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts ([Abb. 3]); umfassender waren die Erneuerungen Heinrichs von Einsiedel um 1533. Diese Jahreszahl trug ein nach dem Brande entdeckter, durch die Glut gespaltener Kragstein im ehemaligen Kinderzimmer des Wohnflügels ([Abb. 4]), während einzelne Dachziegel in Pfannenform die Jahreszahlen 1538, 1543 zeigten. Der zwischen dem Torhaus und dem Kirchenflügel langgestreckte Witwenflügel soll nach mündlicher Überlieferung zuletzt gebaut worden sein. Ist das der Fall, so ist der Witwenflügel, wie vielleicht auch andere Bauteile der Burg, an die Stelle eines früheren Wehrgangs getreten; denn die Sicherheit der Burg erforderte, wie schon oben erwähnt, eine lückenlose Schließung des Umkreises von der westlichen Wange des Bergfrieds bis zur östlichen. Im Jahre 1570 hatte Haubold von Einsiedel die Einengung seiner Befugnisse durch Kurfürst August zu verspüren, indem er dem Kurfürsten auf den Einsiedelschen Gütern und den Gütern von dreiundzwanzig Mannen zu Einsiedel, Erfenschlag und Dittersdorf auf dreißig Jahre die hohe Jagd abtreten mußte. Freilich bekam Einsiedel dafür alljährlich sechshundert Meißner Gulden Jagdgeld, zwölf Stück Wild, vier Bachen und vier Frischlinge. Zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges hauste auf dem Scharfenstein Heinrich Hildebrand von Einsiedel mit seiner Gemahlin Sophie, einer geborenen von Ponickau aus dem Hause Prietitz. Dieses Paar erbaute vor dem gotischen Tor der Burg, an dessen Innenwand man noch die Rillen der Eisenkette sieht, an denen die Zugbrücke auf- und niederging, am anderen Ende der Brücke ein schönes Renaissanceportal mit dem Allianzwappen der beiden Familien. Zweimal wurde die Burg während dieser Zeit erstürmt: 1632 von Herzog Bernhard von Weimar und 1633 von den Schweden, die die ganze kaiserliche Besatzung niederhieben und die Leichen in den Burgbrunnen geworfen haben sollen (s. oben [Seite 320]).