Abb. 4 Südgiebel des Wohnflügels
Unter dem Giebel das Speisezimmer mit den Treppen zum Terrassengarten am Bergfried
Am Ende des siebzehnten Jahrhunderts war der Kurfürstliche Kammer- und Bergrat Curt Heinrich von Einsiedel Herr auf Scharfenstein. Gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts hatte hier vor dem äußeren Tor der Wildschütz Karl Stülpner seinen großen Tag, als er, nur durch einen Baum gedeckt, die zu seiner Ergreifung aufgebotenen achtzig Mann des Chemnitzer Regiments samt den Förstern der Umgegend einen ganzen Tag lang durch seine Büchse in Schach hielt und dem Oberförster von Geyer und dem Gerichtsdirektor von Thum, die trotzdem aus dem Schlosse herausreiten wollten, durch einen wohlgezielten Schuß großen Schrecken bereitete.
Seitdem ist mehr als ein Jahrhundert vergangen, voll von deutscher Not und deutscher Größe – die kriegerische Bedeutung der Burg trat zurück, sie wurde innerhalb einer stark mit Spinnereien und anderen Fabriken durchsetzten Gegend ein stiller Herrensitz, ein Zufluchtsort der Romantik; in ihrem Burggarten zu Füßen des efeubewachsenen Bergfrieds suchte der Wanderer die »blaue Blume« zu finden, die ihm die Geister der Vergangenheit und den Sinn des Lebens verständlich machen sollte – aber da kam die Nacht vom ersten zum zweiten Juni 1921, in der plötzlich der rote Hahn an den steilen Dächern emporzüngelte. Schauerlich schön spiegelte sich die rote Glut der Dachsparren und des gewaltigen Gebälks in der Sommernacht, und das ganze Schloß wäre wohl ein Raub der Flammen geworden, wenn nicht die Motorspritze der Patentpapierfabrik im Wilischtal mit ihrer tüchtigen Bemannung wenigstens das Hauptstück des Kirchenflügels und den ganzen Witwenflügel gerettet hätte. Dafür ging fast die ganze Habe des Grafen Einsiedel, der die Burg erst am 19. Dezember 1919 übernommen hatte, und ebenso die seines Gesindes zugrunde. Der anbrechende Morgen fand im Schloßhof ein ergreifendes Bild. »Neben dem Rest ihrer Habseligkeiten hockten apathisch mit vom Weinen geröteten Augen die Dienstboten. Der Schloßherr und die Schloßherrin, letztere hatte sogar Brandwunden davongetragen, ließ es sich nicht nehmen, auf der Unglücksstätte auszuharren. Besonders der Frau Gräfin wandte sich allgemeine Teilnahme zu. Ihrer Niederkunft entgegensehend, nur notdürftig bekleidet, Speise und Trank verschmähend, suchte sie noch hie und da helfend einzugreifen. Ihre Garderobe, ihre Wäsche ist fast völlig dem Feuer zum Opfer gefallen.« (Zschopauer Wochenblatt vom 4. Juni 1921.)
Abb. 5 Blick von Osten auf den Wohnflügel, Gesellschaftsflügel und Bergfried
Die Teilnahme am Verluste der Burg ging weit über Sachsens Grenzen hinaus, besonders aber regten sich aus den Kreisen des Heimatschutzes, der sächsischen Denkmalpflege und der Burgenfreunde hilfsbereite Hände, um dem schwer getroffenen Besitzer den Wiederaufbau der Burg zu ermöglichen. Trotzdem war es kein leichter Entschluß, als Graf Alexander von Einsiedel wenige Tage nach der Katastrophe unter Zurücksetzung aller persönlicher Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten, die die Errichtung eines neuzeitlich behaglichen Baues sicherlich geboten hätte, bestimmte, daß die Burg möglichst genau in derselben Form wiedererstehen sollte, wie sie den Flammen zum Opfer gefallen war. Im Inneren mußten natürlich den neuzeitlichen Bedürfnissen Zugeständnisse gemacht werden. Als Baumeister wurde der Geheime Hofbaurat Professor Bodo Ebhardt in Berlin-Grunewald, der bekannte Wiederhersteller deutscher Burgen, gewonnen, doch so, daß das sächsische Landesamt für Denkmalpflege die aufgestellten Pläne vor der Ausführung zu prüfen hatte. Am 10. Juni 1921 begannen die schon wegen des steil abfallenden Geländes sehr schwierigen Arbeiten des Aufräumens und der Sicherung der Unterbauten. So war z. B. am Gesellschaftsflügel, wo man schon lange vor dem Brande die nach außen überhängende Nordwestwand durch eiserne Zuganker mit Spannschlössern hatte sichern müssen, infolge starker plötzlicher Abkühlung beim Löschen eine ganze Ecke, ein Mauerblock von zehn Meter Höhe und zweieinhalb bis drei Meter Stärke einige Tage nach dem Brande in die Tiefe gestürzt. Hier mußte eine umfassende Notverankerung angebracht werden, um die übrige Wand, die nachzustürzen drohte, bis zu ihrer teilweisen Abtragung und Neubefestigung zu halten. Die Planungen für die Ergänzung der Unterbauten und den Wiederaufbau der zerstörten Wohnbauten gingen aus den »Hauptbaustuben« Ebhardts hervor, der auch persönlich mit dem Vorsitzenden des Landesamts für Denkmalpflege und dem Landeskonservator Fühlung nahm und mehrere Tage auf dem Scharfenstein zubrachte. Die örtliche Bauleitung lag in den Händen des preußischen Regierungsbaumeisters Kaske, der auch mehrere im Wiederaufbau von Burgen erfahrene Poliere zur Verfügung hatte. Obwohl ein Teil der Baukosten durch die Brandversicherung gedeckt war, obwohl der Staat in der Erwägung, daß es sich bei der Burg Scharfenstein um einen »dem ganzen Volke wertvollen Besitz« handelte, bei der Bauholzlieferung einen Preisnachlaß gewährte und obwohl der Besitzer durch Anspannung seines persönlichen Kredits erhebliche Mittel aufbrachte, so hat es doch nicht an Zeiten gefehlt, in denen infolge der immer steigenden Inflation die Fortführung des Baues unmöglich zu werden schien. Aber mit Hilfe der »Bausteine«, die andere Burgenbesitzer, einem Aufruf des Landesamts für Denkmalpflege und des Sächsischen Heimatschutzes folgend, seit dem Mai 1922 beisteuerten, gelang es doch, das Werk im Jahre 1923 zu vollenden. ([Abb. 5.])
Abb. 6 Witwenflügel, Torhaus (davor der Burggarten), Bergfried
Nach Westen und Süden zu gelegen
Daß die erneuerte Burg in ihrer Wirkung vom Tal aus fast ganz der alten gleicht, wurde schon erwähnt. Aber auch, wenn man sie vom Burghof oder von der Plattform des Bergfrieds aus betrachtet, oder wenn man die erneuerten Teile aufmerksam durchwandert, kann man allen Beteiligten die rückhaltlose Anerkennung nicht versagen, daß hier ein schwieriges Wiederherstellungswerk in selbstloser Gesinnung und aus echt geschichtlichem Geiste mit ausdauerndem Fleiß und vortrefflichem Geschick geleistet worden ist. Natürlich ist der Neubau kein sklavisches Abbild des alten. ([Abb. 6.]) Einige Giebelkonstruktionen und die damit zusammenhängende Gestaltung des Daches, das beim alten Schloß wie ein schmiegsames Fell in sich zusammenhängend über alle die verschiedenartigen und verschiedenhohen Bauglieder gezogen worden war, sind teils in Rücksicht auf die Witterungseinflüsse und die Feuersicherheit, teils auch, weil die Kunst der heutigen Zimmerleute nicht mehr der des sechzehnten Jahrhunderts gleicht, etwas verändert worden. Auch reichten die vorhandenen Mittel nicht dazu aus, z. B. den im zweiten Oberstock des Wohnflügels vorhanden gewesenen »Rittersaal mit den schönen gewundenen Holzsäulen und den geschnitzten Wappen am unteren Ende der Hängesäulen« zu erneuern, ebenso mußte die anfangs geplante Wiederherstellung der erst beim Brande hinter später eingezogenen Decken wieder aufgefundenen schönen Kassettendecken des sechzehnten Jahrhunderts und der wuchtigen profilierten Balken der Kosten wegen unterbleiben. Reste dieser profilierten Balken sind noch jetzt im gotischen Tor zu sehen. Auch das übrigens sehr schöne Herrenzimmer im halbrunden Turm des Gesellschaftsflügels ist durch den allzu dünnen und schmucklosen Ausfall der beiden Deckenbalken in seiner Wirkung geradezu beeinträchtigt worden. Aber gerade durch diese von der Not erzwungenen Mängel wird die erneuerte Burg Scharfenstein zugleich auch ein Denkmal unserer ernsten und schweren Zeit. Anderseits kann man manche Änderung der inneren Raumverteilung geradezu für eine Besserung des früheren Zustandes ansehen. So die bessere Unterbringung der Kinder und ihrer Erzieherin im Wohnflügel, die Herstellung einer offenen Halle im zweiten Oberstock des Gesellschaftsflügels und die Schaffung einer Burgkapelle, die es bisher trotz des »Kirchenflügels« im Schlosse nicht gab. Zur Burgkapelle ([Abb. 7]) ist ein sehr schönes, zuletzt als Speisegewölbe benutztes Gemach im Erdgeschoß des Wohnflügels rechts von der Haupttreppe umgewandelt worden. Das durch hohe Stichkappen gegliederte Tonnengewölbe sowie die spätgotischen Türgewände bedurften keiner Veränderung. In der Mittelachse des Fensters steht der Taufstein, dem Fenster gegenüber ist ein schlichter, brauner gotischer Holzaltar errichtet, das Gestühl stammt aus Schlesien, Grabmäler längst heimgegangener Familienglieder heben sich von den schlichten, weißen Wänden ab ([Abb. 7]). Besonders ergriffen hat mich das von V. Saila in Stuttgart gemalte Glasfenster: unter dem Kreuz sieben Engelsköpfchen mit den Anfangsbuchstaben der sieben Kinder, die dem gräflichen Paare bei der Einrichtung der Kapelle geboren waren. Eins davon, Mechtild, ist am 30. August 1921, also im Jahre des Brandes zur Welt gekommen. Im Ganzen sind es drei Knaben und vier Mädchen. An der dem Eingang gegenüberliegenden Tür steht der Spruch: