Gott legt uns eine Last auf,
Aber er hilft uns auch tragen.
Abb. 7 Die neue Burgkapelle im Erdgeschoß des Wohnflügels
Das Mauerwerk samt dem spätgotischen Türgewände und dem mit Stichkappen verzierten Tonnengewölbe ist alt
Später zeigte mir die Frau Gräfin noch die beim Brande größtenteils gerettete Bibliothek in einem Raume des Torhauses. Diese Bücherei hat allerdings durch das Feuer eine sehr anziehende Besonderheit verloren: den schön gebundenen Briefwechsel eines weltbekannten Liebespaares, eines zu Goethes Zeit am Weimarer Hofe lebenden Leutnants und Bergrats Johann August von Einsiedel – sein Bruder war der Weimarische Geheime-Rat und Oberhofmeister Friedrich Hildebrand von Einsiedel – und der Freifrau Emilie von Werthern-Beichlingen, die, um mit ihrem Geliebten entfliehen und eine Afrikareise antreten zu können, ihre Todesnachricht verbreiten und ein ihr gleichendes Wachsbild begraben ließ (1784). Andere wertvolle Schriftstücke aus dieser Zeit und aus dem Weimarer Kreise sind erhalten geblieben; ich sah Briefe von Wieland, Herder, Knebel, der Gräfin Tina von Brühl, Dorothea Schlegel u. a. Dann genoß ich die herbstliche Schönheit des vom Torhaus und Witwenflügel nach Westen zu liegenden Burggartens ([Abb. 8]) mit der alten Bastion, die einen herrlichen Blick ins Tal gewährt und umwanderte, soweit es der noch nicht völlig beseitigte Bauschutt gestattete, dicht am Mauerwerk hin die West- und Nordseite der Burg von außen. Dabei sieht man erst, wie kunstvoll sich hier uraltes Mauerwerk und die neuen Flickarbeiten, alte Unterbauten und neue Oberbauten einander durchdringen. Als ich mich danach im Schlosse verabschiedet hatte und die Treppe des Wohnflügels hinunterstieg, schaute ich, ehe ich in die noch immer goldene und wärmende Herbstsonne hinaustrat, noch einmal zur Tür der Burgkapelle hinüber – und gedachte der Kinderschar, die in diesen Räumen getauft und erzogen, hoffentlich einmal ein glücklicheres Deutschland sehen wird als das heutige. Aber weder das heutige noch das künftige Deutschland möge die alten Wurzeln seiner Kraft und seiner Kultur vergessen.
Aufnahme von Seidel-Naumann, Zschopau
Abb. 8 Burg Scharfenstein Gesamtansicht von Westen
Anmerkung. Die Quellen zu dieser Arbeit sind außer dem wiederholten Besuch der Burg Scharfenstein und den Mitteilungen des Herrn Grafen und der Frau Gräfin von Einsiedel auf Scharfenstein die Akten des sächsischen Landesamts für Denkmalpflege, die Akten des ehemaligen Lehnshofes und mehrere den Bergbau im Erzgebirge betreffende Urkunden des sächsischen Hauptstaatsarchivs. Einzelne Hinweise verdanke ich der von Prof. Dr. Meiche ebenda angelegten Kartothek der Örter Sachsens.