Von Otto Eduard Schmidt
Die Burg ist, sprachlich betrachtet, der Ort, wo man sich birgt, wo man sich vor Feinden geborgen weiß. Und so wichtig und angesehen war in alten Zeiten die Burg, daß sich auch der vollberechtigte Einwohner der jüngeren Stadt mit Stolz als einen Burgmannen (burgensis) = Bürger bezeichnete, weil ihm die Stadt nicht anders erschien als eine größere Burg, hinter deren festen Mauern und Toren sich die Einwohner vor aller äußeren Not geborgen fühlten. In diesem Sinn hat schon König Heinrich I., der das Sorbenland für die Deutschen zurückeroberte, »Städte« gebaut, die nichts als größere Burgen waren, in denen die deutschen Bauern während des Ansturmes der Ungarn mit Weib und Kind ihre Zuflucht fanden. Aber freilich, als das mittelalterliche Kaisertum in Römerzügen gegen kaiserfeindliche Päpste und Stadtrepubliken und in Kreuzzügen gegen die Bekenner des Islam seine besten Kräfte verbraucht hatte und in Schwäche und Auflösung verfiel, da entartete, der kaiserlichen Leitung und des kaiserlichen Schutzes beraubt, vielfach auch das burggesessene Rittertum: aus dem Schirmer und Beschützer der Wehrlosen wurde hier und da ihr Bedrücker, und die Burg, die vorher die Zuflucht bedrängter Bauern und reisender Kaufleute gewesen war, wurde öfters der Ort ihrer Qual, wo sie beraubt und zerschlagen im Gefängnis schmachteten, bis ein Lösegeld oder das Dazwischentreten eines Mächtigeren die Pforten des Kerkers sprengte. Damals sind auch in unserem Sachsenland von volksfreundlichen Kaisern wie Rudolf von Habsburg und Karl IV., aber auch von Landesfürsten und verbündeten Städten Raubburgen in größerer Zahl gebrochen worden. Ihre malerischen Ruinen grüßen uns aus dem Dunkel des Waldes und aus schilfbewachsenen Gräben oder von aussichtsreicher Höhe und steilen Felsklippen.
Glücklicherweise sind nicht alle Burgen unseres Sachsenlandes zugrunde gegangen. Die meisten ritterlichen Geschlechter gewöhnten sich rechtzeitig daran, in friedlicher Arbeit ihre Güter zu bebauen oder setzten ihre Ehre darein, sich im Staats- und Heeresdienst die Mittel für ein standesgemäßes Leben zu erwerben und hielten dabei die von den Ahnen ererbte Burg wie ein liebevoll gepflegtes Kleinod durch alle Zeitenstürme hindurch in Treue fest. Bei den furchtbaren Kriegsschicksalen, die unser Sachsen fast in allen seinen Teilen erduldete und bei der nachfolgenden starken Industrialisierung des Landes ist es fast ein Wunder, wie viele der alten Burgen sich mit leidlich heilen Gliedern in die Gegenwart herübergerettet haben. Solche Burgen, in der Regel Trägerinnen geheimnisvoller Sage und reichbewegter Geschichte, ragen in unsere Zeit hinein wie lebendig gebliebene Recken der Vorzeit, zu denen jedermann mit Liebe und Verehrung aufblickt. Sie sind alljährlich das Wanderziel für Tausende, und jeder schätzt sich glücklich, der von ihren inneren Reizen etwas mehr kennenlernen durfte als die anderen. Die alten Burgen haben in unserer schnellebigen Zeit die besondere Aufgabe, die alten Erinnerungen der Landschaft, in der sie erwachsen sind, durch ihre bauliche Anlage, durch den Eindruck ihrer Innenräume und ihrer altväterischen Ausstattung viel lebendiger zu erhalten, als es einzelne etwa in einem Museum aufgestellte Gegenstände vermöchten. So sind die alten Burgen geeignet, ganze Geschlechter mit geschichtlichem Sinn zu erfüllen und ihnen die Vergangenheit näher zu rücken, ohne deren Kenntnis wir die Gegenwart nicht recht verstehen können. Deshalb entsteht auch für die Besitzer gut erhaltener Burgen beinahe eine sittliche Verpflichtung, wenigstens an gewissen Tagen Teile ihrer Burg unter gewissen Bedingungen den Besuchern zu öffnen. Und es ist erfreulich zu sehen, wie großzügig und selbstlos manche Burgherren die mit dem Einlaß Fremder unzweifelhaft verbundenen Unbequemlichkeiten um des Volksganzenwillen auf sich nehmen.
Aufnahme von Bertha Zillessen, Bautzen
Abb. 1 Blick von Schloß Ehrenberg an der Zschopau auf die Burg Kriebstein
Ein weithin leuchtendes Beispiel dieser Gesinnung haben im letzten Sommer Herr und Frau von Arnim auf Kriebstein gegeben, indem sie ihre Burg, und zwar nicht nur den Burghof, sondern auch den größten Teil der Innenräume für ein Volksfest großen Stils herrichteten und einer nach vielen Hunderten zählenden Menge von Gästen öffneten. Sechs ländliche Hausfrauenvereine der Umgegend von Döbeln und Waldheim hatten sich zusammengeschlossen, um ihren Mitgliedern dieses außergewöhnliche Fest zu bieten und hatten bei der Schloßherrschaft feines Verständnis für den ganzen Plan und opferwilliges Entgegenkommen gefunden. Nach monatelangen Beratungen und wochenlangen Proben, bei denen das Mitglied des Leipziger Schauspielhauses Dr. Brauer und der in der dramatischen Kunst wohlerfahrene Student Görner als Regisseure dienten, kam endlich der große Tag, an dem alles von Stapel lief, Sonntag der 5. Juli. Am Morgen schien es, als ob Regen und Gewitter den Verlauf des Festes stören würden, aber als der Mittag nahte, stand die Sonne klar und golden am Firmament. Es war ein heißer Tag, aber trotzdem sah man auf allen Wegen festliche Scharen zum Kriebstein ziehen. Er hat schon an und für sich eine starke Anziehungskraft, denn er ist nach Lage und Bauweise die schönste Burg des Sachsenlandes, der kein Geringerer als der große Arnold von Westfalen den Stempel seines Geistes aufgedrückt hat. ([Abb. 1]). Das Fest, das in diesem stimmungsvollen Gehäuse gefeiert werden sollte, erhöhte den Reiz. Schon um zwei Uhr war der ganze zwischen Palas und Wehrgang sich zum »Zwinger« absenkende Burghof mit Gästen gefüllt. Da saßen auf Stühlen und Bänken, aber auch auf Brettern, die man auf stehende Fässer gelegt hatte, der adelige Rittergutsbesitzer neben dem bäuerlichen Knecht, die Fabrikarbeitersfrau neben dem Offizier der Reichswehr, der städtische Kaufmann neben dem Waldarbeiter als eng verbundene, durch gemeinsame Schicksale aufeinander angewiesene Glieder eines Volkes. Doch horch! – Trompetenton macht die laute Unterhaltung verstummen: die Harthauer Musikanten in Jägeruniform blasen den »Willekum« von den Türmen und Zinnen der Burg. Vier Pfarrer der Umgegend, als Mönche in braune Kutten gekleidet, singen vom Söller der Freitreppe ein feierliches Gloria in excelsis Deo. Dann stürmt die Otzdorfer Jugend, braungebrannte Mädchen und Burschen, in phantastischer Kleidung, um den Zigeunerkarren geschart, mit Jauchzen und Tamburingeklapper durchs Tor und schwingt sich bei loderndem Feuer in wildem Tanze. Danach gebietet der Herold Ruhe und verkündet den Beginn des ritterlichen Spiels »Die treue Frau von Kriebenstein«, das den Mittelpunkt des Festes bilden soll. Eine alte Sage, die um den Burgfelsen webt, an die von den Weibern von Weinsberg erinnernd, war von Frau Valerie Friedrich-Thiergen, der begnadeten Dichterin des Jahresrings deutscher Festspiele »Von Bornkinnel über den Maienbaum zum Knecht Ruprecht« (Dresden 1925 Verlag des Heimatschutzes) für diesen Tag zum Volksstück umgedichtet worden und wurde von Verwandten und Bekannten der Burgherrschaft unter Mitwirkung der beiden obengenannten Herren mit den denkbar einfachsten Mitteln aufgeführt. In der von unten gesehenen rechten oberen Ecke des Hofes stand das Zelt, von dem aus Markgraf Friedrich der Streitbare die Belagerung des Kriebsteins leitete. ([Abb. 2]). In dieser Burg hatte sich nämlich der Raubritter Staupitz festgesetzt und verübte von ihr aus schwere Ungebühr gegen die umwohnenden Bürger und Bauern. Der von ihm vertriebene rechtmäßige Burgherr, Dietrich von Beerwalde, hatte gegen ihn die Hilfe seines Lehnsherrn, des Markgrafen, angerufen. So deutete die echte alte Feldschlange vor dem Zelt das Heerlager an; die Krieger des Markgrafen aber traten, wie sie gebraucht wurden, aus dem Dunkel der Torhalle hervor, während Staupitz mit seinen Leuten etwas weiter abwärts in der Richtung, die die Feldschlange weist, im Wehrgange hausten. Außer dem Kriegsvolk ist im Lager des Markgrafen auch der Böhme Grabissa mit seinem Buben Wenzel. Grabissa hat vom Prager Hofe den geheimen Auftrag, dem Markgrafen seine Braut, die böhmische Prinzessin Anna, durch Verleumdungen zu verleiden ([Abb. 3]), damit der Markgraf freiwillig die Verlobung löse und der Böhmenkönig nicht die zehntausend Groschen zu zahlen brauche, die als Reugeld für die Versagung der Braut ausgemacht waren. Unterdessen wird die belagerte Burg sturmreif.
Da erscheint Marie, Staupitzens Gattin, vor dem Markgrafen und bittet, obwohl auch sie vom rauhen Gatten hart behandelt wird, für ihn um Gnade. Aber des Ritters Schuld ist noch durch die Klage der Heymannschmiedin, deren Haus er verbrannt, deren Sohn er körperlich schwer geschädigt hat, verstärkt worden; so gibt es für ihn keine Gnade, nur seiner Gattin wird erlaubt, die Burg vor der Erstürmung mit all ihrem Schmuck zu verlassen. Die Schönheit und edle Weiblichkeit der Staupitzin hat auf den Fürsten tiefen Eindruck gemacht, und Grabissa redet ihm noch zu, sich der »Beute« zu bemächtigen. Aber der Markgraf weist die ihm angesonnene Niedrigkeit mannhaft zurück, und Marie trägt mit Hilfe einer Magd den Gatten als ihr höchstes Kleinod aus der Burg. Seinem Versprechen gemäß schenkt ihm der Fürst Leben und Freiheit, die ritterlichen Ehren erkennt er ihm ab. ([Abb. 4.]) Aber Staupitz will unter dieser Bedingung keine Gnade, er verlangt, daß seine Frau dem Markgrafen sein Wort zurückgebe und will den Tod. »In diesem Augenblick höchster Spannung entflieht Grabissa mit seinem Buben zu Roß als wortbrüchiger Verräter. Der Markgraf beschließt den Rachezug gegen Prag und eröffnet dem Staupitz die Aussicht, auf diesem Heereszug seine Ritterehre wiederzugewinnen. Marie segnet den Ritter zum Beginn eines neuen Lebens, selbst die Heymannschmiedin, die Trägerin des Volksgewissens, ist bereit, dem Ritter seine Frevel christlich zu verzeihen, und der Fähnrich schließt das Stück mit dem Gelübde ([Abb. 5]):
Wenn hoch das Fahntuch wallt,
Freudig sein Träger fallt,