Dieses Strießen mit seiner umfangreichen Geschichte darf wohl als typisches Dorf der Großenhainer Pflege gelten. Viel Beachtliches aus altsächsisch dörflicher Vergangenheit bieten seine Annalen. Da sind die »neuen Rügen«, die der Justizamtmann von Großenhain im achtzehnten Jahrhundert für das eingepfarrte Medessen festsetzte. Ein Paragraph aus ihnen gefällt mir besonders. »Auf jedem Hof,« heißt es da, »sollen zwei Samengänse gehalten werden und ein Gänsch. Der Zuwachs an dem Bestand aber soll zu Martini in jedem Jahr bei Strafe von einem Groschen gänzlich abgeschafft sein.« Ist das nicht eine gar fürsorgliche Anhaltung, den Genuß des edlen Gänsebratens bei denen Untertanen nach Kräften zu verbreiten? Gemeint wird die Vorschrift ja haben, den übermäßigen Weidegang der Martinsvögel einzuschränken. Von Interesse dürfte auch der Gutsübergabevertrag sein, der im Jahre 1740 hierzulande abgeschlossen ward und der einen beachtlichen wirtschaftsgeschichtlichen Beitrag liefert.

Da wird der Sohn verpflichtet, der das Gut an ihn abtretenden Mutter jährlich sechs Scheffel Getreide zu liefern und mahlen zu lassen. Beim Backen hat er ihr immer von ihrem Mehl zwei Brote und einen Kuchen in die mittelste Reihe des Backofens zu setzen. Er muß für sie eine Metze Lein aussäen, ihr einige Beete im Grätzegärtchen überlassen, dazu ein anderthalbjähriges Schwein und einen »tüchtigen« Stall, auch zwölf Kannen Butter, sechs Kannen Mai-, sechs Kannen Herbstbutter, ein Schock Käse, ein Schock Eier, den vierten Teil von allem Obst, freies Getränke »soweit er es selbst hat,« alle Sonntage eine Kanne Milch für sie bereitstellen. Der Mutter steht die Mitbenutzung des Kirchenstuhls zu, die der Mandelkammer, und der nötige Raum in der Stube, besonders die Hölle am Ofen. Sie darf bei des Sohnes Feuer kochen; wird sie krank, darf sie ihr Bett in die Stube stellen lassen, auch muß ihr eine Wärterin gehalten werden. – Ein guter Rückversicherungsvertrag wahrlich.

Im Jahre 1813 litt das Dorf besonders stark unter den Kriegslasten. Als Napoleon sich endlich am 27. September über die Elbe zurückziehen mußte, gab er den Befehl, das Land nach Möglichkeit zu verwüsten, alle Obstbäume niederzuhauen, sämtliches Vieh fortzutreiben, die Wälder zu verbrennen und alle Nahrungsmittel zu zerstören. Glücklicherweise verhinderte das rasche Vordringen der Verbündeten die Ausführung dieses Befehls. Die sächsischen Truppen aber sollen über die harte Behandlung ihrer Heimat so erbittert gewesen sein, daß sie bei einer großen Parade trotz des brausenden vive l’empereur der französischen Regimenter beim Vorüberreiten des Kaisers in völliger Lautlosigkeit verharrten, obwohl sie Napoleon sogar mit einer Ansprache beehrte.

Gar viel haben wir zwei Heimatfreunde, der Herr pastor loci und meine Wenigkeit, im traulichen Studierzimmer der Strießner Pfarre noch zu erörtern vor uns, da tritt das Pfarrtöchterchen herein: »In zwölf Minuten geht der Zug in Priestewitz ab.« Und so würdelos der Abschied wirken mag – wie ein gehetzter Bösewicht sause ich die Dorfstraße hinunter, und muß das liebe Dorf, das mir mit seinen gemütlichen Bauernhöfen und ummauerten Grasvorgärten beim Einmarsch so wohl gefiel, unbesehen lassen. »Ein und ein halb Kilometer bis zum Bahnhof« steht am Wegestein – und rund zehn Minuten nur Zeit! Da heißt es hergeben, was an Wanderlust noch in den Gliedern geblieben! Aber ich schaff’ es, querfeldein über Wiesen und Äcker; doch erst in Dresden komme ich wieder richtig zu Atem.

Auf den deutschböhmischen Kammhochflächen des östlichen Erzgebirges

Von A. Eichhorn, Glashütte

Aufnahmen: Max Nowak, Dresden

Abseits von den belebten Fremdenorten auf der Nordabdachung des östlichen Erzgebirges liegt unser heutiges Wandergebiet. Noch vor zwei Jahrzehnten ruhte über diesem und jenem Dörflein und Städtlein der genannten Landschaft die Bergeinsamkeit. Da erwachte in den Menschen der Großstadt die Sehnsucht, aus Lärm und stauberfüllter Luft für Wochen in reine Luft und Stille zu fliehen, einmal in einfacheren Lebensverhältnissen zu sein. Das war ein edles und wertvolles Vorhaben. So mancher Häusler kam durch seine Sommergäste zu einem Sparpfennig. Aber bald brachten die »Fremden« das, wovor sie flohen, in die Abgeschiedenheit mit, und manches Stück Bodenständigkeit der Einheimischen in Sprache, Kleidung, Wohnungseinrichtung und Volkssitte schwand dahin.

Abb. 1. Blick vom Fleyberg über die Hochflächen von Motzdorf, Grünwald, Willersdorf, Ullersdorf