Nach kurzer Waldwanderung grüßt mich wieder lachendes Bauernland, Laubach liegt vor mir. Über seine Fluren bin ich schon einmal geschritten, an einem Dezembertag im Schützenkessel. Die vielen Hasen, die allenthalben herumkobolzten, ließen mich damals nicht recht zur Betrachtung der Landschaft kommen. Heute, als schlichter Wanderer, habe ich mehr von ihr und kann mich ungestört an den roten Dächern und stattlichen Obstgärten des freundlichen Ortes freuen. Das Revier ist ja auch nicht mehr in Freundeshand; ich brauche also weiter nicht achtzugeben auf die Zahl der Hasen und Paarhühner, die ich antreffe, um daheim dem Revierherrn zu berichten. Knapp genug mag es übrigens selbst hier im milden Niederland für den armen Löffelmann im diesmaligen Winter zugegangen sein; jedes Weichholzgebüsch ist bis hoch hinauf blitzblank abgeknappert. – Der Gasthof zu Laubach besitzt eine Sammlung von überaus drolligen Öldruckbildern aus dem Jägerleben von Mitte des vorigen Jahrhunderts. Ich habe sie gern, diese derbbunten Blätter, die so lustig all die Verlegenheiten schildern, in die ein Jägersmann geraten kann bei der Suche auf Hase und Huhn, bei der Pirsch auf Hirsch, Reh und »Kittelwilpert«. Es ist das auch eine Art Volkskunst, meine ich.

In träumerischer Frühnachmittagsstunde geht es dann weiter hinaus ins stille Land mit seinen Windmühlen und schwarzen Pflaumenbaumalleen. Kein brüllendes Auto, kein Fabriklärm stört den Frieden des stillen Tages der Grabesruhe; reines, ehrfürchtiges Bauernland schaut hier hinauf in den Himmel. Ganz selten einmal begegnet mir ein ländliches Fuhrwerk, fast stets dann mit wundervollen, edlen Pferden bespannt.

Abb. 5. Zehren – Zadel

Dort, wo das Land sich zur höchsten Erhöhung aufwellt, steht die neue Kirche von Wantewitz, dem »Dorfe des Iwan«, des grimmigen Feindes von Zadel. Einen erstaunlich weiten Blick tust du von hier aus ins Land. Erdwälle sollen früher das hochgelegene Dorf umgeben haben, noch 1840 sollen sie sichtbar gewesen sein. Damals stand auch noch die alte Kirche hier oben, die so viel mehr für Herz und Gemüt dem Heimatmenschen geboten haben muß mit ihrem wuchtigen, bodenständigen Breitturm als der nüchterne Bau aus dem Jahre 1864. Aber so war es ja damals fast überall im Lande – die alten Kirchen mußten weg. »Baufälligkeit« war meist der Befund, und wenn es dann ans Abreißen ging, da brachte man das ungeheure Mauerwerk oft gar nicht nieder, und die Pioniere mußten kommen mit Pulver und Zündschnur. Manch herzliebes Dorfbild hätte uns erhalten bleiben können; nur mit wirklicher Wehmut kann man Vergleiche anstellen aus den Abbildungen der alten sächsischen Kirchengalerie etwa, die um 1840 herauskam, und denen der neuen Auflage dieses Werkes aus unseren Tagen. – Sauber und nüchtern liegt das Innere der Wantewitzer Kirche vor mir; den schönsten Schmuck hat sie wohl in den zwei Leuchtern auf dem Altar – Eisenguß in edler Hermenform mit klassischer Lichtvase und ruhiger Ornamentik; ein beachtenswertes Werk aus der Frühzeit von Lauchhammer offenbar.

Abb. 6. In der Großenhainer Pflege

Wild fegt der Westwind jetzt über das Land, die Sonne ist hinter grauen Wolken verschwunden und der bunte Sonnenweiser am Halbhüfnerhaus von Wistauda kann seines Amtes nicht walten. Dorf Porschütz liegt hinter mir, und in der Ferne taucht Großenhain auf in einer auenartigen Landschaft, trotz aller Fabrikessenunzier noch ein trauliches Stadtbild mit seiner hohen graziösen Marienkirche. Fröstelnd blick ich mich um am Wegekreuz, etwas Melancholisches liegt über der Landschaft, und fürwahr, es ist eine traurige Stätte, an der ich jetzt stehe. Vor hundertundeinem Jahre hat sich hier eines jener Nachtstücke aus dem menschlichen Leben abgespielt. Ein junges Mädchen, eine Bürgerstochter aus Großenhain, ist hier einem Wüstling zum Opfer gefallen und unter seinen Fäusten verröchelt. Ins Elternhaus wollte sie heimkehren vom Besuch bei Verwandten über der Elbe, und als sie in den Abendstunden an diese Stätte hier kam, da früher ein Wäldchen gestanden, da brach aus den Büschen der Mörder hervor. Verzweifelt muß sie um ihr Leben gekämpft haben; ein Stück Tuch, aus dem Mantel des Mörders gerissen, verriet diesen später. Dabei ist ihr Hilfegeschrei nicht einmal ungehört verklungen; Landleute auf den benachbarten Feldern haben es gehört, haben es aber »nicht weiter beachtet« – ein bitterer Beitrag zur Geschichte menschlicher Trägheit und Torheit. So mußte dieses »schöne, allgeliebte und gute Mädchen«, wie das Großenhainer Wochenblättchen im Nachruf sie nennt, hier im Angesicht der Vaterstadt sterben. Auf dem Friedhof zu Strießen liegt sie begraben; auf ihrem Leichenstein, zu dessen Füßen ein paar Veilchen hervorsprießen, find’ ich die rührenden Worte: »Groll und Rache sei vergessen, unserm Todt Feind sei verziehn.« Der Vater war ein ehrsamer Buchbindermeister und kannte seinen Schiller. Den kleinen Denkstein an der Mordstätte aber, der im Laufe des Jahrhunderts halb ins Erdreich versunken war, hat der durch zahlreiche Veröffentlichungen um die Heimatgeschichte des Kirchspiels wohlverdiente Pfarrer Hasche zu Strießen wieder heben lassen.

Abb. 7. Meißen