Doch nun ade heute, mein Meißen. Hinaus will ich ja in das Land, zu dessen Schutz und Wehr du einstmals bestellt wardst, hinaus jetzt ins Freie!
Möwengekreisch, Dohlengejauchz und rispelndes Stromrauschen gehn mir zur Seite, wie ich jetzt flußabwärts den roten Klippen entgegenschreite. Noch nie sah ich die Albrechtsburg so schön und frei wie von hier aus. An der Schildmauer zwischen Bischofspfalz und Marien-Magdalenenkapelle klettert der Efeu empor und an der Burg gar strebt er hinauf in schwindelnde Höhe bis an die Fenster des zweiten Stockwerkes mit ihren gewaltigen spätgotischen Vorhangbögen. Ein Felsentor öffnet sich dann beim Gasthaus zur Knorre, und frei liegt der Wasserweg vor mir. Gar lieblich fließen die österlich frohen Farben der Landschaft ineinander über – das Junggrün der Saat und das Blaugrau des Stromes, über dem allen das Rot des Steinbruchgewändes am hohen Ufer. Will aber in all dem Sonnenglast das Auge dich schmerzen, so schau dich nur um und lasse den Blick einmal rasten auf dem ruhevoll grauen Altersgewande der Burg.
Wie der Steinbruch am Ufer nagt; nackt und kahl schießen gewaltige Wände gen Himmel. Aber versöhnlich breiten sich auf dem abgeräumten Gelände jetzt neue Weingärten mit frischem Gepfähl und jungem Rebwuchse aus. Da – hoch in den Lüften ein Sperber – stockstill steht er jetzt in dem brausenden Sturm, die Brust tief gesenkt, die Schwingen fast senkrecht gehoben, den langen Stoß aufgebogen vom Winde. Lange kann ich ihn durch das Glas so beobachten; dann geht ein elektrischer Ruck durch den Vogel und wie ein Pfeil schießt er herab ins Buschwerk des Hanges.
Hier nehme ich Abschied vom Strom. Durch sprießenden Laubwald geht’s einen Stufenpfad aufwärts, und unter festlichem Finkengeschmetter betrete ich die gesegneten Fluren von Zadel. Noch einmal aber schweift von hier aus der Blick zurück auf Fluß, Tal und Höhen, bis hinten im Morgendunst der Burgberg die Aussicht verriegelt. Wie reich ist hier wieder einmal unsere Heimat! Ich will nur hoffen, daß im kommenden Mai, wenn der Kirschbaum im Blütenkleid erjauchzt, diese Stätte von den Meißner Liebesleuten recht fleißig besucht werden wird; schöner als hier kann sich’s nirgends wohl träumen lassen von Lebensglück und Liebesdauer landaus und landein.
Zadel hat seine Bedeutung gehabt in der Geschichte der deutschen Besiedlung unserer Heimat. Es war Burgward und geriet früh unter die Klosterherrschaft von Zella. Unterm Krummstab ward die Rebe hier eingeführt und sie gedieh trefflich durch all die Jahrhunderte bis auf unsere Tage. Das alte Klostergut, seit der Reformation Staatsgut, und die benachbarten Hufen waren bevorzugte Weinlagen, und auch jetzt noch baut man hier einen Gutblau, Gutblank und Gutedel, der sich sehen lassen kann. Es hat Jahre gegeben, da hier St. Urban, der Rebenpatron, eine mächtige Segensfülle gespendet; so wurden 1652 hundertunddreißig Faß hier gekeltert. Der Nutzen, der so aus dem Weinbau entsprang, veranlaßte die Bauern, die Weingärten immer mehr auszudehnen, nicht nur in den Hängen, sondern auch auf der Hochfläche, bis Johann Georg II. in volkswirtschaftlicher Erkenntnis dem entgegentrat. »Wo der Pflug kann gehen, soll kein Rebstock stehen,« ist ein richtiges Wort.
In früheren Zeiten bekam die Pfarre zu Zadel ein jährliches Mostdeputat aus den landesherrlichen Bergen. Diese, später gegen Geld abgelöste Gerechtsame hat sich und seinen Herren Amtsnachfolgern wohl der gelahrte Magister Petrus Dietrich verdient. An ihn, heißt es, war einst die Frau Kurfürstin während des öfters vorkommenden Hoflagers auf dem Kammergut herangetreten mit der Bitte, ihren Eheherrn ob seines mächtigen Durstes und dessen allzu bereitwilliger Löschung ein wenig »zu schütteln«. Der Magister versprach, das Seine zu tun; wie er am Sonntag aber den lieben Herrn in seiner ganzen behaglichen Fülle unter der Kanzel sitzen sah, da bracht’ er es doch nicht übers Herz, zu scharf mit ihm ins Gericht zu gehen. Immerhin soll er einige milde Hinweise auf die bedenklichen Folgen allzu scharfen Zechens getan, dann aber mit den Worten geschlossen haben: »Se. Kurfürstliche Gnaden hat’s, es bekommt ihr, Gott segne’s ihr. Amen.« Ergebnis – die oben erwähnte Jahresspende!
Überaus anmutig ist das Kernstück Zadels, das stattliche Kammergut, auf dessen Hof von ferner Höhe her die dreizackige Kirche von Lommatzsch hereingrüßt, und die Dorfkirche. Im Jahre 1842 ward dies Gotteshaus errichtet an Stelle des alten Baus aus dem Mittelalter. Gurlitt nennt die neue Kirche in ihrer noch tastenden Gotik ein nicht unwichtiges Beispiel der auf die ländliche Kunst sich erstreckenden Romantik; und in der Tat, sie ist lieblich.
Unter einer herrlichen Apfelbaumallee ziehe ich dann hinüber zum Golkwald, der die Meißner Gegend von der Großenhainer Pflege trennt. In der Wiese schnarren die Stare, hinter den Weiden am Gosebach taumeln die Kiebitze hoch, und steif und lendenlahm hoppelt Meister Osterhase über die blanke Sturze. Mit Gebraus fährt der Südwest durch den Altgoldschopf der Eiche im Wiesengrunde; dann packt er mich in Genick und Rücken und schiebt mich als lästigen Ausländer über die Zadeler Grenze, hinein in den Golk. Das ist ein schmales, langes Stück trefflich gepflegten Staatswaldes, in dessen Stangen und Schlägen überall gewaltige Felsbrocken verstreut liegen. Sind’s wohl die Reste der Riesensteine, der Geschosse, die jene zwei feindlichen Nachbarn aus dem Geschlechte der Riesen einst gegeneinander geschleudert haben, der eine beim deutschen Zadel, der andere beim slawischen Wantewitz stehend? In noch anderen Strichen des Koloniallandes hier weiß das Volk von solchen Gigantenkämpfen zu berichten. So stammt der Sockel des Königdenkmals im Dresdner Zwinger und der Würfel des Moreaudenkmals von den Riesensteinen in der Nassau. Man darf wohl annehmen, daß mit den gewaltigen Streitern die beiden artfremden Völkerschaften, Germanen und Slawen, gemeint sind, die hier erbittert um die Herrschaft gerungen. Verschwunden ist wendische Art längst aus der Gegend, aber wenn die Bäuerin hierzulande die Gänse lockt mit dem Ruf: »Biele, biele« oder »husch-husch«, so sind das noch Überbleibsel aus der Sprache der Wenden.
Abb. 4. Zadel