Abb. 3. Steuden

Einen anderen schon, einen Großen, hat ja deutsche Jugend hier in Meißen gepackt, daß er der Grämlichkeit vergaß, in die er zum Leid seines Volkes versunken war – Goethe. Im April 1813 traf er hier mit einer Schar von Lützows schwarzen Jägern zusammen, als er sich auf der Durchreise nach Teplitz befand. Jubelnd umringten sie ihn und baten ihn, daß er ihre Waffen segne. Und siehe, der Mann, der mürrisch das Wort sprach: »Rüttelt nur an euren Ketten – er ist euch zu groß«, der wurde von all dem Jugendbrause doch schließlich gefaßt, daß er den Gruß fand: »Zieht hin mit Gott, und alles Gute werd’ eurem frischen deutschen Mute.«

Ein dritter Tag noch steigt vor mir herauf, wie ich mich der hohen gotischen Pforte nähere. Ein Ostersamstag war es, so wie heute, und ich schritt voll Ehrfurcht durch den Wald der Säulen, die dieses Domes Dach tragen. Vom Orgelchor herab ergoß sich ein Lied voll Glaubens und Jubelns – eine Frauenstimme probte noch einmal den Festgesang des kommenden Tages. Was hatte deutscher Glaube, deutsches Können hier für einen Tempel errichtet in Liebe und Kraft. Wie zog dies steinerne Gebet das Herz hier empor! Rainer Maria Rilkes Worte der Anbetung kamen mir in den Sinn, die also anheben:

»Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister,

und bauen Dich, Du hohes Mittelschiff –

und manchmal kommt ein ernster Hergereister,

geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister

und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.«

Dann blickte ich um mich. Stand er da nicht neben mir, die Stirne gesenkt, das strahlende Auge auf den Boden geheftet, um die Lippen ein Lächeln, solch ein Hergereister aus heiliger Ferne? »Diese Stunde ist ein Geschenk,« flüsterte er mir zu, mein Freund, der Dresdner Maler Bruno Heinz; der Nazarener, wie sie ihn später genannt haben. Er hatte mich heute hierher geleitet und seine Seele tat sich auf, weit und ahnungsvoll an dieser Stätte. Wenn einer, so verstand er den Geist der Werkleute, die an diesem Tempel gebaut haben viele Jahrhunderte lang. Hier weilte er gern. Verkannt und verspottet, von wenigen nur geliebt und verstanden, ist er seine Straße gezogen. In viel äußerer Not und Kränklichkeit, er, der doch ein König war und ein Dichter. Er, von dem seine Getreuen bald darauf in schwarz geränderter Botschaft meldeten: »Er ging hinüber in jene Regionen, die zur Zeit seines dornenvollen Erdenwallens schon seine ureigene Heimat waren: er ging den Weg seiner Sehnsucht.« All sein Wollen und Können hat er grade damals noch in einer Ausstellung darlegen wollen, einer Rechenschaft über sein Leben. Ach, es waren nicht viele, die in der Kuppelhalle vor seinen gewaltigen Blättern verweilten – und war doch eine Stätte der Rast da für die Seele, ein Gottesdienst in wahrer Bedeutung! »Die aber vorübergingen, schüttelten ihre Köpfe« und schritten zum Nebensaal, wo ein tüchtiger Tiermaler prächtige Ochsen und Pferde ausgestellt hatte.

Heute, hier war er glücklich! Mit einem schier fröhlichen Ruck warf er sein Haar in den Nacken und schritt mit mir weiter durch all den Zauber in Kreuzgang, Kapellen und Bildern. Dann aber standen wir unten am Strome, sahen noch einmal hinauf nach dem Berg, und mein Freund fluchte dem Zeitalter der Technik, das das Bild der reinen Magd über der Elbe geschändet hat und der Menschen Seele verwüstet.