Bauernland

Von Gerhard Platz, Weißer Hirsch

Das alte Meißen – eigentlich wollt’ ich ja stracks vom Bahnhof aus die Landstraße gewinnen, die mich heute wieder einmal so unwiderstehlich anzieht. Aber wie mich nun der Hauch Jahrhunderte alten Bürgertums umwittert aus all den krummen und holprigen Gassen, da bring’ ich es doch nicht fertig, so wie mit Scheuklappen durch die liebe Stadt zu hasten. Und wie es so geht in dem alten Gemäuer, es kommt immer wieder ’was neues, noch nicht beachtetes hinzu, das auch dem eiligen Wanderer noch zur freundlichen Gabe wird und den Schatz an Erinnerungen vergrößert, den jeder echte Heimatfreund mit dem Namen Meißen verbindet. So beschließe ich denn, einen Umweg zu machen und mich, wenn auch kurz nur, an der Krone unserer obersächsischen Heimat zu freuen.

Abb. 1. Meißen, Stadtkirche

Die Superintendentenstufen geht es hinauf und an der hohen Schule vorbei, der Fürstenschule St. Afra. Hier bereits macht sich eine Erinnerung auf, die ich wohl immer behalten werde. Im Maien war es des vorigen Jahres, an einem kostbaren freien Werkeltag, da führte mein Weg hier herauf. Feierlich schwieg es im Bannkreis der Schule; es war, als hielten Bürgertum und Werktag respektvoll den Atem an vor dem Wehen klassischen Geistes. Aus den offenen Fenstern hallten die Stimmen der Professoren, die ihre Schüler auf die Höhen des Wissens führten; aus dem Obergeschoß des linken Flügels sang eine Geige süß und weltvergessen – da, ein Schrei, ein schier böotisches Jauchzen und Jubeln! »Ich habb’se, hurra, zwee Maikäfer habb’ ich.« Ein kleiner Barfüßler aus der Unterstadt hatte sich auf die Brüstung der Einfahrt geschwungen und ein paar der gefräßigen Philister im braunen Bürgerrock gefangen. Was galten ihm die Zauberin Kirke und Eos, die rosenfingrige? Fest stand er auf seinen zwei braunen Beinchen im Tage.

Abb. 2. Grubnitz

Ja, die Jugend in Meißen. Der alte Adrian Ludwig hat’s gewußt, daß das junge Menschengewächs am holdesten in und vor altem Gemäuer emporglänzt. Und als schlüg ich ein Blatt aus seiner Mappe auf, so muten mich die vier Büblein und Mägdlein an, die kurz vor der Zinnenbrücke unterm blühenden Kornelkirschbaum hocken und aus voller Kehle singen: »Weißt du, wieviel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt?« Habt Dank ihr lieben Musikanten, ihr macht mir den Sinn leicht und froh in aller Trauer der Zeit. Einmal schon ward mir hier oben das Herze getröstet im Bannkreis des Domes. Das war in den letzten Tagen des tottraurigen Jahres Achtzehn. Ich war im Dome gewesen und hatte die Liebesoffenbarungen deutschen Geistes dort auf mich wirken lassen. Als ich aber wieder heraustrat in den Tag, da fiel mich der Kummer an wie ein reißender Wolf über des Vaterlandes Schande – und dann sah ich ihn stehen. Schlank und hoch, die grüne Mütze des Fürstenschülers auf dem blonden Haar, so stand er unterm haushohen Fenster des fünften Joches am Langhaus, daran noch die glorreiche Hohenstaufenzeit gearbeitet, und blickte hinauf nach dem Westturm, ruhig und zukunftsfroh. Das feldgraue Gewand, aus dem Waffenrock umgearbeitet zum Bürgerkleid, verriet den Kriegsprimaner, der vom Schlachtfelde zurückgekehrt war für kurze Monate zur alten alma mater. Ich aber konnte den Blick nicht von ihm wenden – nein, noch war das Reich nicht erstorben. Hier stand die Jugend vor mir als Symbol – er mußte ja wieder kommen, der Tag der Deutschen! Das ist die zweite Erinnerung, um die mir der Burgberg so teuer.