Drinnen im Wald wird der Nebel ziehend, wälzend, schleichend. Schwermut liegt im Nebelwald. Ein zeitloses Versinnen überkommt den Wanderer beim Gehen durch das graue Dämmer, das zwischen den Stämmen träge zieht, zuweilen regungslos zu schweben scheint.

Abb. 3. Wetterwolken über Unterwillersdorf und Motzdorf

Da plötzlich schlägt der Bergfink im Nebelwald. Aber nur mit Mühe vermag das Ohr die Richtung des Schalles zu bestimmen. Es ist, als litte das Ohr, wenn das Auge im Blick zum bunten Sänger gehemmt wird. Dann ruht der Bergwald wieder in seiner erschauernden Schwermut.

Und mit der nebelschwangeren Bergluft atmet der Wanderer die Schwermut ein. Im Versunkensein wird der hastende Geist zur Ruhe gebracht, wird manch Samenkörnlein für kommendes Schaffen erworben.

Ein erschauernder Zauber liegt im nebeltriefenden, sturmzerkämpften Wald. Millionen Tröpfchen hängen am Waldgras, am Nadelgehänge der Fichten. Mit dem Bergwald trieft des Wanderers Mantel, an dessen Saum sich der zu Tropfen gewordene Nebel speicherte. Vom Licht- und Schattenspiel ruht der Wald. Ausgelöscht sind die Waldfarben. Als drohende Gestalten geistern die Überhaltstämme auf der Lichtung.

Aus dem Nebel löst sich eine Menschengestalt, schreitet mit kargem Gruß vorüber, um sogleich wieder zu Nebel zu werden. Nebelverwischt zieht der Berghirsch über den Weg von Waldwand zu Waldwand.

Unmerklich endete der Wald. Hier lag an Sonnentagen das Hochdorf so wundersam verloren auf seinen Wiesen. Und heute? Doch nah, recht nah muß es sein, denn immer sind Dorfgeräusche vernehmbar, und der Zwitscherlaut der Schwalbe schrillt ans Ohr, die nahrungsuchend durch das Dämmer jagt. Ja, ein harter Kampf ist es für ein Schwalbenpaar, die Kinder zu erhalten, wenn selbst um des Jahres Hochzeit tagelang die mückenleere Nebelluft über den Hochflächen lagert. Wie schreien die kleinen Vogelkinder, wenn die wärmenden Eltern einmal für wenige Augenblicke nestfern sind. Auch die Stare gehören im Hochdorf zu liebgewordenen Sommergästen. Im Starkasten auf der sturmgerüttelten Eberesche wohnen sie. Wohl macht ihnen der Nahrungserwerb nicht so viel Mühe wie den Schwalben, aber kalte Tage bedeuten auch für sie karge Tage, weil das Gewürm im Boden bleibt. Auch jeglichem Haar- und Federwild sind die langwährende Nässe und Kühle zwei schlimme Feinde.

Aus durchwärmter Stube schaut das Auge in das weißgraue Dämmern, das kaum bis zum Nachbarhaus sich öffnet. Da verstärkt sich das Gefühl größter Abgeschiedenheit. Aber sollte heute, an des Jahres längstem Tage, der Nebel sich nicht lockern, nicht weggeblasen werden vom reißenden Luftstrom? Sie geben keine Hoffnung, die nebelkundigen Siedler. Mit tagelanger Nebelhülle auch zur Jahreshöhe sind sie vertraut. Und die bettelnde, wettertrotzende Zigeunerin schreitet barfuß mit ihrem Säugling im Rückentuch in den ziehenden Nebel, dessen nasser Hauch keinen wärmenden Sonnenstrahl zur Erde läßt.

Um die Mitternachtsstunde verglimmen die letzten dampfenden Glühaugen aus regungslos hockenden Gestalten. Totenstill ruht das Hochdorf in seinem Nebelsarge. –