Zerkämpfte Gestalten stehen im Wald und an den Straßen. Windgeschert sind Buche, Fichte, Eberesche. Der Bergwind stellte sie schief am Straßenrande und die Seite, die ihm zugekehrt, schor er ab. Nun gleicht die Baumkrone einem nach hinten zu wehenden Schopf. All die Zweige, die dem dauernd streichenden Winde zugekehrt sind, leiden an übergroßer Verdunstung, denn die wehende Luft wirkt aussaugend auf die Zwischenzellräume in den Blättern, ausgetrocknet wird der Boden und er vermag der übermäßigen Verdunstungsseite des Baumes nicht genug an Lebenssaft zuzuführen. Die Zweige verkümmern, sterben ab. Durch die monatelang gleichgerichtete Zugkraft zwingt der Wind die Äste der Gegenseite in seiner Streichrichtung zu wachsen. In einem so langen, ununterbrochenen Kampfe verlieren die Holz- und Bastzellen ihre Schnellkraft, die Fähigkeit, nach dem Anprall des Luftstromes wieder in ihre alte Lage zurückzuweichen. Die Baumkrone wird windschief.
Abb. 4. Oberwillersdorf in flacher Wiesenmulde
Feuchtende Nebel, zerzausende Wetterschauer und lastende Eismantel schufen die zerkämpften, zum Teil erstorbenen und wie blitzgetroffen anzuschauenden Baumgestalten auf dem Wieselstein. Trümmerholz in maßloser Menge, entrindet, gebleicht, vereint sich mit dem Blockgewirr zum fußhemmenden Kampffeld. Von jahrtausendelangem Kampfe mit den nagenden Wetterkräften zeugen die zerschundenen Felsmassen, um die sich das Haufwerk von Blöcken schart.
Stürmer! Es mag wohl sein, daß ihm seine Lage an einer der sturmreichsten Randaufwölbung der Kammhochflächen diesen Namen eintrug. Noch nirgends auf dem ganzen Erzgebirge sah ich einen so zerstürmten Buchenwald wie an des Stürmers sanft geneigter Westseite.
Moos- und flechtenüberkrustet sind Baum und Stein im feuchten Hochflächenwald. An den Wurzeln hocken die Becherflechten mit ihren roten Fruchtkörperchen. Unzählbar gelbe Schüsselchen vereinen sich zum leuchtenden Farbenpolster. Auf glatten Buchenstämmen zeichnet die Schriftflechte ihre Runen. Im Verein mit den Flechten haben sich die Moose in den Klüften der zerfurchten Fichtenrinden eingenistet. Hier rinnt das Wasser nicht so schnell herab, da können die winzigen Geschöpfe trinken nach Herzenslust. Gar verschieden sind sie an Farbe, vom hellgelblichen Grün durch alle Grüntöne hindurch wechselnd bis zum dunklen Samtgrün. Der Bergwanderer muß sein Leben schon nach dem Stifterschen Moossucher gestalten, wenn er den Artenreichtum dieses Pflanzengeschlechts ergründen will, das seine volle Farbenpracht im Regen leuchten läßt und mit seiner Schwellung ein Stück Regenschönheit von eigenem Zauber wird droben in der Einsamkeit. –
Es ist eine ernste Zeit für die Siedler, wenn das Heimsen auf den Hochwiesen anhebt. Mit erstem Dämmerschein zischen die Sensen durchs taugenäßte Gras, und wenn das Frühglöckel im Dorfe schwingt, dann eilt Weib und Kind hinaus und hilft mit streuen, wenden, laden. Selbst die kleinste Kraft muß dienen und sei es, daß sie die Heubüschel wiederholt, die der frische Bergwind wegblies, der die perlenden Stirnen kühlt. Mit dem Bergwind streicht würziger Heuruch über die Weiten. Dängelhammergeklirr verhallt sich im Walde.
Abb. 5. Blick vom Wieselstein (956 Meter) über das bewaldete Kammland nach Osten. Auf der freien Fläche Häuser von Langewiese
Heuzeit, heilige Zeit! In diesen Tagen bedeutet die Wiese für den Häusler die Kirche. Gar selten wird von den Heumachern ein Wörtlein laut. Es ist ein schweigsames Heimsen unter dem Sonnensegen, als gelte es, einen Schatz zu bergen, der verlorengeht, wenn Menschenlaut das Bergen stört. So ist es auch. Dem Häusler bedeutet sein Heu den größten Schatz und jede Stunde, ungenützt im verweilenden Gespräch, kann ihm sein Kleinod entwerten, wenn tückisch schnell sich nasser Nebel naht und tagelang nicht wieder weicht.