Von Prof. Dr. Bernh. Hoffmann

Eine der hervorragendsten Chroniken unseres engeren Vaterlandes ist das Leipziger Geschichts-Buch (von M. Joh. Vogeln in Leipzig), das 1714 erschienen ist und »in welchem die meisten merckwürdigsten Geschichte und geschehene Veränderungen, die in und bey belobter Stadt und Gegend – – – von Anno 661 nach Christi Geburth an, biß in das 1714. Jahr, von Tage zu Tage sich begeben haben, enthalten sind«. Es heißt da u. a.: »Umb Philippi Jacobi 1517[1] sind seltzame Vögel / so unbekandt / umb Leipzig gesehen und gefangen worden / an der Grösse wie die Schwalben / mit langen Schnäbeln / der Obertheil am Kopff / Hals und Rücken war dunkelbraun / die Flügel dunkelblau / der Leib schwartz / die Kehle gelbe / hatten kurtze Füsse / und thäten denen Bienen und Fischen grossen Schaden.« Es kann kein Zweifel darüber herrschen, daß wir es hier – obgleich die Beschreibung besonders betreffs der Unterseite nicht ganz stimmt – mit sogenannten Europäischen Bienenfressern (Merops apiaster L) zu tun haben. Auch in ihren Lebensgewohnheiten ähneln diese Vögel den Schwalben, sofern sie wie diese andauernd in den Lüften herumjagen und Insekten fangen. Mit Vorliebe vertilgen sie freilich Wespen, Hummeln, Bienen usw., die sie mitsamt dem Stachel hinunterschlucken[2]. Meist halten sie in kleinen oder größeren Scharen zusammen und bauen ihre Nester in steile Flußufer oder andere erdige Wände in Gestalt langer Röhren oft ein bis zwei Meter weit in das Erdreich hinein, wodurch sie an Uferschwalben und Eisvögel erinnern. Die Bienenfresser bewohnen hauptsächlich Süd-Europa, Nordafrika, sowie Mittel- und Südasien; auf dem Herbstzuge wandern sie bis ins Kapland. In Sachsen ist diese Vogelart nur gelegentlich und verhältnismäßig selten zu Gaste. Vielleicht, daß besonders günstiges Wetter (Föhnstimmung über Mitteleuropa) sie dann und wann einmal veranlaßt, im Frühjahr die Rückwanderung aus dem fernen Süden über die Alpen bis zu uns herein auszudehnen. Auf alle Fälle hat das mehrzählige plötzliche Erscheinen von Bienenfressern in der Umgegend von Leipzig verdient, daß es in obiger Chronik verzeichnet wurde[3].

In einer Frankenberger Chronik vom Archidiakono C. A. Bahn, erschienen im Jahre 1755, ist weiterhin folgendes zu lesen: »Anno 1679, den 9. Dezember, haben sich in Frankenberg zwei frembde und unbekannte Vögel auf die Kirche, hernach aufs Rathhaus und dann auf den Markt gesetzet. Sie hatten die Gestalt einer Endten, schneeweise Köpffe und weise Flügel; auf dem Rücken, am Halse und Bauche waren sie schwartz, und hatten lange grüne Schwäntze. Später sind sie auf und davongeflogen.« Diese Mitteilung ist deshalb von Bedeutung, weil es sich darin, trotz der etwas unzutreffenden Beschreibung der Vögel, höchstwahrscheinlich um Eisenten (Nyroca hyemalis L) handelt, welche bei uns nur als sehr seltene Wintergäste bekannt sind. Ihre Heimat ist der hohe Norden beider Erdhälften. Sie wandern (nach Reichenow) im Winter bis nach Süd-Europa und dem Kaspischen Meere, in Amerika bis Florida und Kalifornien. Jedenfalls sind die erwähnten Stücke sehr ermüdet gewesen und haben erst nach einiger Zeit des Ausruhens, wozu sie sich freilich recht ungewohnte Plätze ausgesucht haben, die Wanderung fortgesetzt, die sie übrigens an sich schon sehr spät angetreten zu haben scheinen[4].

An einer anderen Stelle derselben Chronik heißt es: »In diesem Jahre (1706) im Monat Oktober entstund in Dittersbach des Nachts eine große Feuersbrunst. Bey derselbigen versammelten sich wilde Enten, wilde Gänse, wilde Tauben, Fischreiher, Schnepffen, Zippen, Droßeln, Finken, Quäcker[5], Kybitzen, Sperber, Eulen, Lerchen, Rothkehlchen; darzu kamen gegen Morgen Raben und Krähen und führten ein gräßliches Geschrey. Diese Vögel flogen ums Feuer herum, viele verbrannten, viele wurden von den Leuten gefangen,« usw. – Wir können mit großer Sicherheit annehmen, daß die meisten der genannten Vögel auf ihrem Herbstzuge nach dem warmen Süden waren und zwar hauptsächlich wohl als Nachtwanderer. Ferner ersehen wir aus vorstehender Meldung, daß gewaltige Brände auf die Vögel ähnlich einwirken wie unsere neuzeitlichen großen Leuchttürme, an denen ja auch in gewissen Zugnächten Hunderte, ja Tausende von Wandervögeln zugrunde gehen oder schwer verletzt herabstürzen, so daß sie »von den Leuten gefangen« werden. Daß auch Raben und Krähen, die wir heute artlich nicht mehr auseinanderhalten, dazu gekommen sind, hängt wohl damit zusammen, daß in jener Zeit die Schweden von Polen aus nach Sachsen eingerückt waren, und in dem obenerwähnten Jahre 1706 hier Winterquartier bezogen hatten. Wie im letzten großen Völkerringen sind wahrscheinlich auch damals die Raben und Krähen den kämpfenden Massen in großen Scharen gefolgt. Sie sind erst am Morgen an der Brandstelle eingetroffen, weil sie ihre Schlafplätze in der Regel nicht vor Tagesanbruch zu verlassen pflegen.

Fußnoten:

[1] d. h. um den 1. Mai.

[2] Daß die Bienenfresser den Fischen schaden sollen, ist ein Irrtum, der daher kommt, daß diese Vögel sich auf der Suche nach Insekten auch an und über Gewässern herumtreiben, wobei sie möglicherweise einmal ein Insekt von der Wasseroberfläche aufnehmen.

[3] Sehr unwahrscheinlich erscheint dagegen ein neuerdings gemeldetes Auftreten von zwölf bis fünfzehn Bienenfressern im Jahre 1914 im Tale der Biela, die – von den Thyssaer Wänden kommend – sich bei Königstein in die Elbe ergießt. Leider mangelt es an jedweder Bestätigung dieses Vorkommens von fachmännischer Seite. Immerhin sei bei dieser Gelegenheit die Aufmerksamkeit der Vogelkenner und -freunde auf die Bienenfresser gelenkt. Vielleicht glückt es doch einem oder dem anderen, derartige seltene Vögel einmal an geeigneter Stelle aufzufinden. Aber es sei davor gewarnt, die etwaige Beobachtung gleich an eine zu große Glocke zu hängen, da sonst die Vögel der auffälligen Schönheit des Gefieders wegen, leicht Naturschändern zum Opfer fallen könnten!

[4] Es ist übrigens auch möglich, daß unsere Eisenten auf der Zschopau überwintert sind und daß sie von hier aus einen allerdings etwas eigenartigen »Ausflug« unternommen haben.

[5] Das sind nordische Bergfinken, die obigen Namen wegen ihrer Rufe quäk, quäk erhalten haben.