Dieser Ausschuß war am 15. Dezember in Kamenz und hat dann nach eingehenden Beratungen Herrn Professor Dr. Tessenow beauftragt, die Meinungen und Gesichtspunkte aller Ausschußmitglieder – besonders auch soweit es sich um die hierhergehörigen Fragen allgemeiner Natur handelt – zusammenfassend niederzuschreiben.

Diese Niederschrift, der alle obengenannten Herren zustimmen, sei hiermit auch der Öffentlichkeit mitgeteilt:

Die Farbe hat als Gestaltungsmittel wohl ungefähr die gleiche Kraft, die gleiche Bedeutung, gleiche Geltung oder Wichtigkeit wie die Form. Jeder Mensch, soweit er sich mit der Gestaltung unserer Erscheinungswelt besonders beschäftigt, wird neben der Form immer auch wie ganz selbstverständlich – wenn auch vielleicht sehr unwissentlich – die Farbe berücksichtigen; und man kann mit vielem Rechte behaupten etwa: Soweit die Form mehr gilt als die Farbe oder – umgekehrt – die Farbe mehr gilt als die Form, hat das Ganze nicht seine Richtigkeit, und dies heißt ungefähr auch: Viel Form will viel Farbe, und wenig Farbe will wenig Form.

Große Farbenfreudigkeit ist nie ohne große Formenfreudigkeit; die eine wie die andere ist etwas sehr Natürliches oder Naturhaftes oder hat sehr viel mit dem natürlichen Triebleben zu tun, oder unsere betonte Liebe zu reichen Formen und starken Farben beweist immer, daß wir sehr nahe mit der Natur verbunden sind; so z. B. liebt der sehr eingewurzelte Landbewohner – sagen wir der Bauer – nirgends einfache oder ärmliche Formen oder stille, zurücktretende »dezente« Farben, sondern immer reiche Formen und viele und kräftigste Farben.

Die einfachen oder stillen Formen ganz ebenso wie die stillen, zurücktretenden Farben sind immer etwas wesentlich Städtisches oder sind – wenn man so will – immer etwas sehr Soziales; unsere Liebe zu ihnen setzt immer voraus, daß wir die Welt nicht nur als etwas sehr einfach Natürliches, sondern auch als etwas sehr kompliziert Unnatürliches begreifen, oder setzt immer voraus, daß uns nicht nur der urwüchsige Naturwille, sondern daß uns auch die allgemein-menschlichen Willensrichtungen sehr interessieren, die dem einfach Natürlichen immer insofern entgegen sind als sie auf eine Beherrschung der Natur hinzielen.

Dieser menschliche Herrscherwille der Natur gegenüber ist die stärkste Triebkraft dafür, daß wir Menschen uns immer wieder großgesellschaftlich verbinden und Städte bauen, oder ist letzten Endes die einzige Rechtfertigung für unseren Glauben an das Städtische oder an das menschlich Großgemeinschaftliche, das uns immer zwingt, unseren natürlich persönlichen oder individualistischen Willen zugunsten des Großgemeinschaftlichen zurückzudrängen, oder uns immer wieder zwingt, mit unseren natürlichen Triebkräften, sehr persönlichen Meinungen, Geschmacksrichtungen usw. zurückzuhalten oder in das Uneigenartige oder Allgemeine hinein zu entwickeln oder hinein zu neutralisieren.

So hat der Bauer allermeistens viel mehr als der Städter mit Eigenbrödelei zu tun, die für den Städter und besonders für die städtische breite Öffentlichkeit immer eigentlich unerlaubt ist; für ihr Gedeihen ist es hervorragend wichtig, daß alles Natürliche, Persönlich-Eigenartige zurücktrete.

Und so werden auch die Formen wie die Farben, die wir innerhalb der großen Gemeinschaften oder innerhalb der menschlichen breiten Öffentlichkeit zeigen, notwendig um so unauffälliger, bekannter oder neutraler sein, je mehr wir das Städtische lieben oder je besser unsere menschlichen großmassigen Gemeinschaften funktionieren.

Und wenn wir in jüngster Zeit sehr oft die städtischen Häuser mit sehr auffälligen Farben anpinseln, so kann das als ein guter Beweis dafür gelten, daß unser Gemeinschaftsleben sehr krank ist.

Die Gesundheit unseres Lebens und Treibens ist immer dann in besonders großer Gefahr, wenn wir soeben einen großen Gewinn oder einen großen Verlust hatten. Jeder große Sieg, ganz ebenso wie jede starke Niederlage, die wir haben, heißt auch, daß unser Leben und Treiben sehr verändert wurde oder daß wir vor neuen großen Aufgaben stehen; je größer und vielfacher aber unsere Aufgaben sind und je plötzlicher sie sich vor uns hinstellen, um so natürlicher oder häufiger ist es, daß wir zunächst viele und große Dummheiten machen.