Und so steht z. B. die dumme, unbeholfene oder unkünstlerische Art unserer deutschen nachsiebziger Häuser ebenso unmittelbar in Beziehung zu unserem siebziger Siege wie die vielen neugeschichtlichen Mißgestaltungen in aller modernen Welt so etwas wie eine sehr natürliche Frucht unserer neugeschichtlichen großen Erfolge sind, die wir in aller Welt auf zivilisatorischem Gebiete haben, und genau ebenso stehen unsere neuesten auffälligen Hausanstriche in unmittelbarer Beziehung zu der starken politischen Niederlage, die unser Gemeinschaftsleben in eine große Unordnung gebracht hat, so daß wir uns plötzlich vor großgesellschaftliche Fragen gestellt sehen, die innerhalb des gesunden Gemeinschaftslebens so gut wie überhaupt nicht als besondere Fragen auftreten und die sich als solche kaum beantworten lassen.

Die großgesellschaftliche Frage, ob wir viel Form oder viel Farbe oder wenig Form oder wenig Farbe nehmen sollen, ist eine sehr unglückliche oder sehr unheimliche oder sehr drohende Frage; sie beweist, daß unser sogenannter schöpferischer Instinkt sehr gelitten hat oder daß uns großgesellschaftlich ein Übermaß unserer arbeitlichen Aufgaben beschreit, so daß wir sehr allgemein nicht mehr gut verstehen können, was unsere »innere Stimme« uns zuflüstert.

Man behauptet gelegentlich wohl:

Größte, vorbildlichste Menschenwerke seien immer auch etwas Still-Einfaches; man kann – ganz anders herum – ebensogut wohl behaupten, größte Menschenwerke seien immer außerordentlich formen- und farbenreich; und also letzten Endes kann man viel Form und viel Farbe wohl ebensogut rechtfertigen, wie man wenig Form und wenig Farbe rechtfertigen kann; aber ganz sicher ist viel Form und viel Farbe, ohne daß ein besonders großes gestaltendes Können oder ohne daß eine hohe gesellschaftliche Kultur dahinter steht, immer wie des Teufels.

Die auffallenden, hier besonders interessierenden städtischen Hausanstriche bedeuten betontermaßen eine Abwehr gegen eine gewisse stumpfsinnige Unfarbigkeit, in die unsere Straßenbilder mehr und mehr hinein geraten sind.

Man kann sehr vernünftigerweise die Meinung betonen: wir hätten innerhalb der jüngeren Baugeschichte bei der Gestaltung unserer Hausansichten die Farbe vernachlässigt; aber wenn wir hier nun aus vielem nichtssagendem Grau heraus plötzlich alles mit Farbe zu überschreien suchen, so rennen wir damit von einem Extrem ins andere; ein solches Hin und Her ist sicher eine sehr moderne Bewegung, aber gehört zu der Modernität, die heute die ganze Welt zu zermürben sucht.

Was jeder Wichtigtuer gerne tut und leicht tun kann, ist immer übel; und unsere gelegentlichen allerneuesten Hausanstriche sind so, als seien sie ganz extra für die Gesellschaft der Wichtigtuer bestimmt.

Wir Menschen alle glauben gern an ein Leben und Treiben, das überall auch voller reichster Formen und stärkster Farben sei, und gewissermaßen, um diesen Glauben immer wieder zu bekennen, hängen wir unsere Festtage voller Fahnen und Girlanden und können wir im Karneval die Formen kaum wild und die Farben kaum stark genug bekommen und opponieren wir gelegentlich überhaupt gern gegen alles, was grau oder neutral oder mürrisch ist, und es ist wohl sehr schön, wenn die Farbigkeit unsere seltenen Festtage auch in das unvermeidlich viele Grau unseres Alltags hinüberstrahlt. Es gehört zu den selbstverständlichsten Liebenswürdigkeiten, wenn wir suchen, unserer Hausansicht eine gewisse lächelnde Freundlichkeit zu geben; es ist immer wie eine stille Hilfe oder wie ein stiller Trost, wenn in vielen grauen alltäglichen Mühen und Sorgen die Menschen oder Dinge uns freundlich grüßen; und solches Grüßen hat hinsichtlich unserer Hausbilder sehr viel auch mit einer gewissen Farbigkeit, aber hat hier ebensoviel auch mit einer gewissen stillen verbindlichen Zurückhaltung zu tun.

So wie in hundert Fällen etwa neunundneunzigmal der Grundton des städtischen alltäglichen Straßenbildes oder überhaupt des öffentlichen Alltags wie naturnotwendig ein grauer Ton ist, so können wir mit unserer städtischen Hausansicht ausgesprochen farbig eigentlich nur sein, indem wir mit der Farbe spektakeln.

Die Kultur der städtischen Hausfarbe ergibt fast ausnahmslos ein sehr gedämpftes Farbenklingen oder wehrt sich nie besonders gegen das dämpfende neutralisierende Grau, das im städtischen Alltag immer überlegen stark ist. Die graue Farbe ist vielleicht nicht ohne weiteres die allerbeste, ist aber ganz gewiß die selbstverständlichste Hausfarbe oder ist der besten Hausfarbe immer ganz nahe verwandt.